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Hörspiel "Der nasse Fisch":Fischgeflüster

Studioaufnahmen von "Der nasse Fisch"

Sprechpause: Regisseur Benjamin Quabeck instruiert die Schauspieler Peter Sattmann, Alice Dwyer, Ole Lagerpusch und Peter Lohmeyer (von links).

(Foto: Ali Ghandtschi/rbb)

Beim RBB entsteht die Hörspieladaption des Romans, der auch Vorlage für die Erfolgsserie "Babylon Berlin" ist. Doch die Macher legen großen Wert auf die Eigenständigkeit ihrer Produktion. Ein Besuch im Studio.

Jetzt aber schnell, die Bahre hat gleich Feierabend. Eine knappe halbe Stunde noch, dann kommt der Fahrer und bringt sie zurück in den Fundus der Filmstudios in Potsdam-Babelsberg. Vorher hat sie aber noch eine wichtige Aufgabe: etwas Dynamik in die Aufnahmen von Der nasse Fisch zu bringen, der Hörspieladaption des Krimi-Bestsellers von Volker Kutscher, so gut, wie eine alte, schwergängige Holzbahre das halt hinbekommt.

"Der nasse Fisch" ist nicht nur Ergänzung, sondern in gewisser Weise auch Gegenprogramm

Ole Lagerpusch, der den frisch nach Berlin versetzten Kölner Kommissar Gereon Rath spielt, hat die Aufgabe, die Bahre durch einen langen Flur im Haus des Rundfunks an der Berliner Masurenallee zu schieben und dann, weil dafür gerade noch Zeit ist, auch durch einen kürzeren, engeren im Keller und dabei die Worte "Das reinste Labyrinth hier" vor sich hin zu murmeln, nicht mehr, sehr konzentriert, immer wieder aufs Neue, bis es sitzt. An der Fußseite der Bahre assistiert der RBB-Hörspielchef, auf ihr sitzt Toningenieur Bernd Bechthold und nebenher läuft Regisseur Benjamin Quabeck, der sich bemüht, nicht an der Wand zerrieben zu werden. Hin und wieder kommen Mitarbeiter des RBB aus ihren Büros, drücken sich an der Bahre vorbei und gucken verunsichert. Das Schauspiel wirkt wie Exerzitien eines merkwürdigen Mönchsordens.

Ole Lagerpusch hat sich für seine Mitwirkung durch Rollen an großen Bühnen wie dem Deutschen Theater in Berlin und dem Hamburger Thalia-Theater qualifiziert, der Hörspielchef, ein Mann namens Jens Jarisch, zumindest für diese Aufgabe vor allem durch die Ledersohlen seiner Schuhe, denn Regisseur Quabeck, der als Sprecher für den Mini-Part vorgesehen ist, trägt Turnschuhe zu T-Shirt und Wuschelhaar, und Gummisohlen haben im Berlin der 20er Jahre nichts an Polizistenfüßen zu suchen. Wer drauf achtet, würde den Unterschied hören, wenn Der nasse Fisch von Ende September an in der ARD-Audiothek und in den Kulturradios zu hören ist - als acht Halbstünder oder vier Doppelfolgen.

Es ist der 20. Juni, der achte von 16 Aufnahmetagen in den Hörspielstudios des RBB. "Rein rechnerisch haben wir schon vier von acht Folgen zusammen", sagt Regisseur Quabeck, "rein faktisch noch keine einzige." Wie bei Film und Fernsehen wird auch beim Hörspiel nicht chronologisch gearbeitet, und das fertige Produkt entsteht erst in der Mischung beim WDR, für die samt Sounddesign noch einmal sieben Wochen veranschlagt sind. In Köln wird auch die von Verena Guido eigens komponierte Musik eingespielt, vom WDR-Funkhausorchester. Die ARD lässt sich bei dieser außergewöhnlichen, von Radio Bremen angestoßenen und koordinierten Koproduktion, nicht lumpen, auch das Ensemble ist hochkarätig, schließlich gilt es, die ARD-Ausstrahlung des TV-Großprojektes Babylon Berlin, das auf dem gleichen Stoff basiert, zu flankieren; zugleich ist Der nasse Fisch, so beschreibt es RBB-Mann Jarisch, ein "Versuch, für das Genre Hörspiel zu werben und dafür eine Vorlage zu nutzen, die populär und andockbar ist."

Die Maßgabe: Der nasse Fisch soll kein Abklatsch von Babylon Berlin sein. "Es ist ein eigenständiges Projekt", betont Thomas Böhm, der Kutschers Krimi und eben nicht die Fernsehserie mit Regisseur Quabeck fürs Radio bearbeitet hat. "Bei uns geht es noch mehr darum, was zwischen den Figuren passiert", sagt Quabeck. Auch wenn Böhm beteuert, es gebe "keinerlei Konkurrenz zwischen dem einen und dem anderen Projekt", ist Der nasse Fisch nicht nur Ergänzung, sondern in gewisser Weise auch Gegenprogramm zu Babylon Berlin. Dass etwa die weibliche Hauptfigur Charlotte Ritter, im Hörspiel gesprochen von Alice Dwyer, in der Serienadaption als Gelegenheitsprostituierte gezeichnet werde, missfällt Böhm, komme doch so kaum zur Geltung, dass sie bei Kutscher das "utopische Potenzial" der Weimarer Republik verkörpere, "was aus Deutschland hätte werden können, wenn die Nazis nicht an die Macht gekommen wären".

Szenenwechsel: In der Gerichtsmedizin der Charité trifft Lagerpusch auf Ulrich Noethen und Sebastian Blomberg; die neuen Kollegen begrüßen Lagerpuschs Kommissar Rath auf Berliner Art: ruppig, um nicht zu sagen: feindselig. Die Aufnahmen finden im sogenannten schalltoten Raum statt, der für Menschen eher bedrückend, für Hörspiele indes sehr beliebt ist, weil man die Stimmen dank der reflexionsarmen Akustik in jede beliebige Szenerie einbauen kann. Regisseur Benjamin Quabeck sitzt mit in Studio B, das iPad mit dem Text auf den Knien, Kopfhörer auf den Ohren, und dirigiert die Sprecher mit knappen Kommentaren ("Du kannst das ruhig ein bisschen überheblicher sagen") und üppig Lob ("Ja, sehr gut, fand ich super") durch die Szenen. Zwischendurch geht es auch mal kurz um Physiklehrer - wie hieß der eigene noch gleich? Die Stimmung ist offen und heiter. Quabeck gelingt es, konzentriert und locker zugleich zu sein.

Regisseur Benjamin Quabeck hat zwei Kinofilme gedreht, aber im Hörspiel sein Refugium gefunden

"Wir wollten explizit einen Regisseur, der filmisch denkt", sagt RBB-Hörspielchef Jarisch. Und Quabeck, 42, ist Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, das Hörspiel war für ihn ein Plan B. Kurz nach der Jahrtausendwende hat er mit Nichts bereuen und Verschwende deine Jugend zwei vielversprechende Kinofilme gedreht, sich dann aber zurückgezogen. "Ich war Mitte 20, hatte fünf Jahre durchgearbeitet und einfach keinen Nerv mehr", sagt er. Quabeck gründete eine Familie und sah sich nach Jobs um, in denen nicht der Burnout droht. 2005 durfte er für den WDR Grund GmbH inszenieren, gleich einen Dreiteiler, mit über 50 Sprechrollen. "Ich verstehe bis heute nicht ganz, warum sie einem Neuling das zugetraut haben", sagt Quabeck, "aber sie haben es mir zugetraut." Er schnitt auch den für den Kurzfilm-Oscar nominierten Kinder-Animations-Zweiteiler Revolting Rhymes und den Dokumentarfilm Drachenmädchen, den er koproduziert hat, doch im Hörspiel fand er sein Refugium.

Es gibt Momente, in denen Quabeck sich fragt, "ob ich zu wenig egozentrisch bin, um in Film und Fernsehen erfolgreich zu sein." Früher, räumt er ein, sei er selbstbezogener gewesen; mittlerweile bezeichnet er sich als "werk-zentrisch". Beim Radio müsse er weniger Kompromisse eingehen und komme so im Ergebnis seinen Vorstellungen näher als beim Film. "Selbst wenn Tage beim Film okay laufen", sagt Quabeck, "bist du nie richtig glücklich, wenn du nach Hause gehst, weil du immer denkst: Hättest du nicht noch mehr rausholen können? Das Gefühl kenne ich vom Hörspiel nicht, da ist der Rahmen klarer."

Und trotzdem: Muss es sich für einen, der immer Filme drehen wollte, nicht wie ein Trostpreis anfühlen, nicht die Serie zu inszenieren, sondern ein Hörspiel nach der gleichen Vorlage? "Für die Ohren zu inszenieren, ist doch nicht weniger wert als für die Augen", entgegnet Quabeck. Sagt aber auch: "Wenn mich Tom Tykwer fragen würde, ob ich künftig zum Regieteam von Babylon Berlin gehören möchte, würde ich natürlich nicht Nein sagen."

15 Jahre nach Verschwende deine Jugend tastet sich Benjamin Quabeck allmählich wieder an Kino- und TV-Projekte heran, verfolgt eine Idee mit Produzent Peter Rommel (Feuchtgebiete) und hat die Spielszenen in einem MDR-Dokudrama über den Immobilien-Betrüger Jürgen Schneider gedreht. Doch es drängt ihn nicht.

Der Fahrer ist da, die Bahre hat Feierabend. Und Benjamin Quabeck kurz darauf auch. Er verabschiedet sich und läuft zur U-Bahn. Früher wartete nach einem langen Drehtag meist nur ein Hotelzimmer auf ihn, heute ist es seine Familie in Berlin-Kreuzberg mit dem Abendessen.

© SZ vom 10.07.2018

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