Hörspiel "Das große Heft":Kinder im Krieg

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(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)

Erik Altofer hat Ágota Kristófs unerbittlichen Roman "Das große Heft" mit großem Gespür als Hörspiel inszeniert. Im Zentrum stehen zwei tolle Schauspieler: Libgart Schwarz und Kristof Van Boven.

Von Stefan Fischer

"Ich werde euch zeigen, wie man lebt", sagt die Großmutter zu ihren Enkeln. Die Zwillinge hatten nicht einmal eine Ahnung, dass ihre Mutter selbst noch eine Mutter hat, bis sie zu der Alten geschickt werden. Eine kleine und magere Frau mit runzeligem Gesicht, die sich nie wäscht, ihre Kleidung nicht wechselt, im Stehen pinkelt und die Essensreste in den Mundwinkeln in ihr schwarzes Kopftuch wischt.

Eine Frau, die von den Leuten Hexe geheißen wird und ihre Enkel Hundesöhne nennt. Die hart ist zu sich und den anderen. Nur so ist sie durch ihr Leben gekommen, nur so, meint sie, wird sie auch diesen Krieg überstehen. Wegen der Kämpfe sind die Jungs bei ihr; in der großen Stadt, bei der Mutter, wäre es zu gefährlich. Der Vater ist an der Front.

Zeigen, wie man lebt, darunter versteht die Großmutter: Lernen, wie man alleine klarkommt. Knapp und karg und hart wie die Geschichte ist auch der Ton in Ágota Kristófs Roman Das große Heft von 1986. Schon einmal, wenige Jahre nach Erscheinen, ist er als Hörspiel inszeniert worden. Erik Altorfer entdeckt ihn nun noch einmal neu fürs Radio in einer Koproduktion von Deutschlandfunk, Hessischem Rundfunk und dem Schweizer Radio.

Libgart Schwarz und Kristof van Boven sprechen mit verführerischer Spröde

Der Regisseur hat das Ensemble radikal reduziert auf nur zwei Schauspieler: Libgart Schwarz vom Wiener Burgtheater als Großmutter und in den Kinderrollen Kristof Van Boven, der eine Weile an den Münchner Kammerspielen war, ehe er ans Thalia Theater nach Hamburg wechselte - beide treten sehr selten in Hörspielen auf. Ihre Leistung ist außergewöhnlich, weil die Sprödigkeit in ihren Stimmen immer auch verführerisch ist. Und weil sich ihr Sprechen einwebt in die Komposition von Martin Schütz, die vor allem rhythmisch ist und kaum melodisch, fordernd und unerbittlich vorwärtstreibend. Schwarz und Van Boven gehen manchmal mit, spreizen sich aber auch immer wieder gegen diesen Fluss.

Die Geschichte ist die einer Selbstdisziplinierung, die in eine Brutalisierung mündet. Die Zwillinge beleidigen sich täglich eine halbe Stunde gegenseitig, um sich abzuhärten gegen die ständigen Herabsetzungen. Sie lernen zu stehlen, sie lernen zu töten. Entwickeln ihre eigenen Moralvorstellungen, werden auf krude Weise sexualisiert. Manchmal ist nicht Kristof Van Bofen, sondern Libgart Schwarz in der Rolle der Kinder zu hören - ein schöner inszenatorischer Einfall, der die ausweglose Tradition klar macht, in der diese Menschen steckt.

Das große Heft, DLF, 18. September 2021, 20.05 Uhr. HR 2, 26. September, 22 Uhr.

© SZ
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