Statt Schule: Krieg. Gustav Mesmer, geboren 1903, hat den Ersten Weltkrieg überlebt. Aber er blieb zeitlebens ein Gefangener dieses Krieges. Mesmer konnte keinen Schulabschluss machen, deshalb auch keine Berufsausbildung. Ihm blieb nur der Weg ins Kloster.
Alles Schwindel!, krakelte er dort in einem Gottesdienst, als mal wieder Wein als Blut Christi ausgereicht wurde. Der harte Fakt für Mesmer war, dass man ihn daraufhin in die Heilanstalt Schussenried sperrte. Diagnose: Schizophrenie. Auch einen "Erfinderwahn" attestierte man ihm, erkannte jedoch immerhin seine zeichnerische Begabung an.
Seine Zeichnungen waren Pläne: für Flugapparate, Musikinstrumente, Maschinen aller Art, die im eigentlichen Sinn zu wenig nütze waren und selten funktioniert haben, aber jeden Ästheten beglückten. Außerdem hat er über eine neue Weltordnung nachgedacht.
All das ist in seinem Nachlass erhalten, denn Mesmers Geschichte nahm schließlich doch noch ein positives Ende: Nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie 1964 brachte er es zu einer gewissen Berühmtheit. Der Höhepunkt war sicherlich die Ausstellung seiner Apparaturen bei der Weltausstellung in Sevilla 1992, zwei Jahre vor Mesmers Tod.
Die Musiker spielen auf kuriosen Instrumenten, die Mesmer gebaut hat
Der Autor und Regisseur Andreas Ammer sowie die Musiker Markus und Micha Acher und Cico Beck erzählen von Gustav Mesmer in ihrem toll komponierten Hörspiel Ich Mensch zu fliegen such. Nicht, indem sie die Lebensgeschichte dieses Außenseiters nacherzählen, sondern indem sie in seine Gedankenwelt eintauchen, sich einlassen auf die nicht immer leicht zu durchblickenden Ideen des Tüftlers und Denkers, auf den vernuschelten alemannischen Singsang in den erhaltenen originalen Tondokumenten, auf den altertümlichen, charmant verquasten Sprachduktus.
Die Musik des Hörspiels haben Beck und die Brüder Acher auf Instrumenten eingespielt, die Mesmer entwickelt hat. Sie fügen sich in den Kosmos seiner Flugfahrräder und sonstigen Apparaturen, es sind stellenweise Geräusche wie aus einer großen hölzernen Maschine mitsamt einem Knarzen wie von Seilen, die unter großer Spannung stehen. Auf diese Weise schaffen die vier Hörspielmacher eine akustische Wunderkammer. Das Sonderlinghafte an Mesmer negieren sie nicht. Aber im Zentrum ihres Stückes stehen die Gedankenfreiheit und die Unkonventionalität dieses Mannes, nicht seine Kauzigkeit.
Ich Mensch zu fliegen such, Bayern 2, 27.8.2021, 21.05 Uhr.

