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Hörspiel:Wie Wolfram Siebeck den Porsche verriss

Wolfram Siebeck gestorben

Der 2016 verstorbene Hemingway-Bartträger war nur im Nebenberuf Kulinariker, im Hauptfach aber Genießer des schönen (automobilen) Leben.

(Foto: dpa)

1982 rezensierte der verstorbene Großkritiker zur Abwechslung mal Sportwagen - und zwar genauso scharfzüngig, wie er sonst über Essen richtete. Ein grandioser Fund, aus dem Deutschlandfunk Kultur eine wunderbar eigentümliche Produktion montiert hat.

Also, "der Pooooorschee". Einen Sechszylinder-Boxermotor, 231 PS und fünf "O"s hat er, mindestens, der neue 911er, den Wolfram Siebeck Anfang der Achtzigerjahre als damals unerhört innovative Cabrio-Version testet. Um danach eine fulminante Autokritik zu schreiben. Um aber zuvor, und das ist ein grandioser Fund, seine ersten Eindrücke, mal als hymnische Lobpreisungen (selten), mal als geniale Bosheiten (oft) auf Tonband zu sprechen. So sind vier gesprochene Autokritiken von 1982 überliefert, die nun unter dem schönen, eine Welt ohne Geschwindigkeitsbegrenzung imaginierenden Titel Morgan, Jaguar, Porsche und dann die Alpine: Wolfram Siebeck testet Sportwagen zu hören sind.

Siebeck, der legendäre Gastro-Großkritiker, der vor fast genau einem Jahr im Alter von 87 Jahren gestorben ist, sagte einmal im SZ-Interview, er wäre als Tempoliebhaber und Ästhet ganz gern auch Rennfahrer geworden. Insbesondere britische Roadster liebte er fast so sehr wie französische Bresse-Hühner. Übrigens machte er das in Restaurants gelegentlich auch so: Die Kritik wurde noch bei Tisch in ein Mikrofon unter der Serviette gesprochen. Seine Frau Barbara langweilte sich dabei furchtbar, musste ihn aber aufmerksam angucken, weil die Leute sonst gedacht hätten: Da hinten sitzt der Siebeck - er spricht aber nicht mit seiner wunderbaren Frau, sondern mit seiner Serviette.

Es ist schön, wieder einmal Siebecks Stimme zu hören, die ihm so gut stand wie der Hemingway-Bart. Man merkt schon am Tonfall, dass der große deutsche Hedonist, der eigentlich nur im Nebenberuf Kulinariker war, im Hauptfach aber Liebhaber des schönen, sehr gern auch automobilen Lebens, gleich so richtig Gas geben wird. Der "Pooooorschee" also. Von null auf hundert in nur sieben Vokalen. Typisch Siebeck. Und der Porsche kann da leider nicht ganz mithalten. Was Siebeck gleich ins Mikrofon sprechen wird, unmittelbar nach der mehrtägigen Testfahrt nach Südfrankreich, wird zum vergnüglichen Scharfrichterjob. Wäre man ein süddeutsches Porsche 911 Cabrio oder ein südfranzösischer Polizist, man entleibte sich auf der Stelle.

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Dabei zernuschelt Siebeck die wunderbar eigentümliche Produktion des Deutschlandfunks Kultur, die angereichert wurde mit feinen Jazzstücken von Benny Goodman bis Ben Webster, so sehr, als habe er sämtliche Vokale irgendwo verloren zwischen Duisburg, wo er geboren wurde, und Essen, wo er aufwuchs. Oder als habe er sie ganz für den Porsche verausgaben müssen, damit man rasch merkt, dass aus dem Sportwagen gleich ein tiefer gelegter Beitrag zum Thema Auto, Motor und Spott wird.

Am Ende liebt er den Porsche zwar nicht, aber er respektiert ihn. Von Hedonist zu Hedonist

Zum von Zuffenhausen-Fans so bayreuthhaft gefeierten Porsche-Sound nuschelt Siebeck: "Der Klang ist gemein, abscheulich und ordinär. Der Wagen klingt wie ein hysterisch hochdrehender VW-Käfer. Und das ist er ja auch." Jeder durchgerosteter Fiat-Auspuff sei ihm lieber als das "Gekeife" des Porsches. Das grenzt bereits an Gotteslästerung. Natürlich ist der 911er, auch damals schon, Mozart, Beethoven und Wagner in einem. Zum Fahrwerk merkt Siebeck noch an: "Der Porsche liegt auf der Straße wie ein Panzer - leider fährt er sich auch so." Irgendetwas, was man loben könnte? Hey, ja . . . die Scheibenwischer. Und, okay, die Bremsen. Sowie den Verbrauch. 14 Liter auf hundert Kilometer bei Tempo 220. Siebeck, aufrichtig begeistert: "Das ist fast nichts."

Klar, die Kritiken sind ja auch 35 Jahre alt und stammen somit aus einer Zeit, da Autos noch Lustobjekte mit Karosserien aus Blechhüften und Chrombrüsten sein durften und nicht wie depressiv verstimmte Carbon-Dackel im Eco-Pro-Modus aussehen mussten. Siebeck beklagt sich trotzdem bitter, dass man im Porsche, weil die Wagenwände so hochgezogen seien, nicht nach Automobilisten-Art den Arm lässig über die Wagentür winkeln könne. 35 Jahre später gibt es eigentlich nur noch Autos, die einen, wagt man dies heute, aussehen lassen, als habe man eine indezent gewaltige Ellbogen-Erektion. So absurd wird man heute schon im Kleinwagen gepanzert gegen die Zumutungen des Draußenseins.

Zu den Schönheiten des Lebens aber gehört, dass Siebeck immer versöhnlich bleibt: Am Ende liebt er den Porsche zwar nicht, aber er respektiert ihn auf eine vertrackte Art. So von Hedonist zu Hedonist. Und deshalb ärgert er sich auch, dass der Porsche in Südfrankreich dann doch noch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen aufgebrochen wird. Die Polizei kann da leider nicht helfen, denn es ist Mittagszeit und es gibt Lammbraten. Siebeck kann das eigentlich ganz gut verstehen. Der rasende Restaurantreporter Siebeck fehlt uns übrigens mindestens so wie ein Porsche 911 Cabrio der frühen Achtzigerjahre. Das ist ein wunderbares Auto und war von Anbeginn an ein gigantischer Verkaufserfolg. Dass Kritik fast immer folgenlos ist: Das ist überhaupt die größte, höchste und auch lustigste Kunst der Kritik.

Jaguar, Porsche und dann die Alpine: Wolfram Siebeck testet Sportwagen . Hörspielmontage von Ulrich Gerhardt, Deutschlandfunk Kultur, 28. Juni, 21.30 Uhr.

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