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Hörspiel über den Eichmann-Prozess:Mehr Passagen auf Hebräisch

50. Jahrestag der Hinrichtung Adolf Eichmanns

Vor 60 Jahren begann in Jerusalem der Prozess gegen den Cheforganisator des Holocaust: Adolf Eichmann.

(Foto: dpa)

Zum 60. Jahrestag schildert ein Hörspiel den Eichmann-Prozess aus einer weniger bekannten Perspektive - der israelischen.

Von Stefan Fischer

Im Namen des Volkes. Darauf berufen sich Gerichte, wenn sie urteilen. Selten wohl war das zutreffender als in dem Verfahren des Jerusalemer Bezirksgerichts gegen Adolf Eichmann im Jahr 1961.

Zuvor war es dem israelischen Auslandsgeheimdienst gelungen, Eichmann, der während des Dritten Reichs die Deportation der europäischen Juden organisiert und damit den Holocaust ermöglicht hatte, aufzuspüren und nach Israel zu schaffen, wo ihm der Prozess gemacht worden ist. Eichmann wurde zum Tode verurteilt und gehenkt.

In Deutschland dreht sich die Wahrnehmung dieses Prozesses vor allem um Eichmann und die Verantwortung sogenannter Schreibtischtäter, Hannah Arendts Bemerkung von der "Banalität des Bösen" steht dabei oft im Zentrum.

Nicht nur die Täter, auch die Opfer haben den Holocaust erst einmal verdrängt

Nun, da sich der Auftakt des Verfahrens zum 60. Mal jährt, zeigen Noam Brusilovsky und Ofer Waldman in ihrem Dokumentar-Hörspiel Adolf Eichmann: Ein Hörprozess eine andere, hierzulande weniger bekannte Perspektive - die israelische.

Der Prozess gegen Eichmann ist seinerzeit ausführlich im Radio übertragen worden vom Sender Kol Israel, und aus der Warte der Radioleute von damals schildern Brusilovsky und Waldman die Wucht, die dieses Gerichtsverfahren entfaltet hat, speziell auch aufgrund der medialen Zugänglichkeit.

Nicht nur die Täter, auch die Opfer haben den Holocaust erst einmal verdrängt: Der Schmerz über das Erlittene, auch die Scham darüber, davongekommen zu sein, waren zu groß. In Israel hat der Prozess gegen Adolf Eichmann zum ersten Mal zu einem breiten öffentlichen Diskurs über die Shoah geführt: Die Menschen haben an den Radiogeräten die Zeugenaussagen vernommen darüber, was in den Ghettos und Konzentrationslagern geschehen ist, und sie haben Eichmanns Rechtfertigungen gehört.

Eine wichtige Quelle des Hörspiels sind die Hörerbriefe an Kol Israel. Viele Dankesschreiben sind darunter, vor allem auch von Jugendlichen, die im Radio erfahren, wovon zu Hause kaum die Rede ist. Aber auch Beschwerden darüber, dass Wunden wieder aufgerissen werden. Eine Menge Bitten gibt es obendrein: Die Sendung weiter in den Abend zu verschieben, damit man sie besser in seinen Tagesablauf einpassen könne. Mehr Passagen aus dem Verfahren auszuwählen, in denen Hebräisch, und weniger, in denen Deutsch gesprochen werde.

Verfolgt man Adolf Eichmann: Ein Hörprozess und begreift die Relevanz der Radioübertragung, durch die die komplette Bevölkerung Israels zu Prozessbeobachtern werden konnte, möchte man sich gar nicht vorstellen, was es bedeutet hätte, wäre Eichmann nicht gefasst worden. Die Befriedigung darüber, einen Täter richten zu können, ist dabei nur ein Teilaspekt.

Adolf Eichmann: Ein Hörprozess, RBB Kultur, Freitag, 19 Uhr und DLF, Samstag, 20.05 Uhr.

© SZ/cag
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