Hörfunk in Afrika Radio Hoffnung

„Wir lernen, uns selber zu helfen“: Bouba Touré glaubt an die Kraft der Vernunft.

(Foto: Joachim Käppner)

Wie der freie Sender Aadar Koima in der Wüste Malis zur Stimme der Zivilgesellschaft wurde - und Menschen zusammenbringt in einem zerrütteten Land.

Von Joachim Käppner

Als die Männer mit den Bärten kamen und die Tür zum Radiostudio aufbrachen, reagierte der Moderator sehr schnell. Er drehte das Mikrofon auf und ließ es offen, und was folgte, war eine Liveaufnahme des real existierenden Islamismus: Gebrüll, Hass, Drohungen, Schläge, Schmerzensschreie, alles auf Sendung und über die Ätherwellen hinausgetragen zu den Hörern im Norden Malis. Sieben Jahre ist das her, und so erzählt Bouba Touré, was damals geschah: "Sie haben meinen Freund, den Moderator, weggeschleppt, obwohl er sich wehrte. Als ich ins Studio kam, war überall Blut und alles verwüstet."

Touré und seine Mitarbeiter haben, wie er weiter berichtet, seinen Freund Stunden später gefunden, halb tot geschlagen. Die Täter hatten wohl gedacht, er lebe nicht mehr, und ihn auf der Straße liegen lassen. Sie leisteten erste Hilfe, versteckten ihn, holten einen Arzt; später wurde er ins Nachbarland Niger geschmuggelt, in ein Krankenhaus. Malis Armee war damals, 2012, eilig geflohen aus Gao und dem gesamten Norden des Landes. Die Eroberer, hier in der Stadt Kämpfer der al-Qaida-nahen Islamistenmiliz Ansar Dine, riefen die Sharia aus, erschossen Menschen oder schlugen sie auf der Straße mit Peitschen, sie verboten Musik und jedes freie Wort.

Aber eben das ist es, wofür Radio Aadar Koima stand und steht: die Freiheit des Worts, der Meinung, der Debatte (übersetzt bedeutet der Name sinngemäß: Gemeinschaft zur Entwicklung regionaler Aktivitäten). Der Sender ist nicht leicht zu finden, versteckt hinter Lehmmauern, wie sie typisch sind für die von rotem Saharastaub durchwehten Straßen von Gao, der 80 000-Einwohner-Stadt am Ufer des Niger. Daher ging das Programm, als die finsteren Kämpfer mit ihren Pick-Up-Trucks durch die Straßen patrouillierten und Furcht um sich griff, noch eine ganze Weile weiter. In einer solchen Stadt lesen nicht sehr viele eine Zeitung, wenige besitzen einen Computer fürs Internet oder einen Fernseher. Aber ein Radio steht in fast jedem Haus, und Tausende lauschten, wenn Radio Aadar Koima die Bewohner von Gao zum Durchhalten aufrief: "Bleibt ruhig! Provoziert den Feind nicht!" Es sagte seinen Hörern: "Wir waren Muslime vor den Dschihadisten und werden es nach ihnen sein!" Wir haben, sagt Bouba Touré, "versucht, den Menschen hier Hoffnung zu geben".

Die Islamisten hassen den Sender, seine Musik und die Freiheit, für die er steht

Als die Ansar Dine die wenigen Radioleute zwingen wollte, den Sender für sie weiterzuführen, sagte Bouba Touré nein: "Wir weigerten uns und machten die Station dicht." Eine geheime Widerstandsbewegung bildete sich, viele junge Menschen waren dabei und auch die Radioleute. Anfang 2013 vertrieben französische Eliteeinheiten auf Bitten der Regierung Malis den Spuk vom Gottesstaat, auch aus Gao, und Radio Aadar Koima ging wieder auf Sendung: "Guten Morgen an alle. Dank der Güte Gottes sind wir wieder da."

Es wird heißer in Gao, im Innenhof von Radio Aadar Koima spendet ein großer Baum Schatten; draußen spielen barfüßige Kinder Fußball, Frauen in eindrucksvoll bunten Kostümen fädeln sich auf ihren Mopeds geschickt zwischen den Kleinen durch. Aber, sagt Direktor Touré, das Leben ist anders geworden seit dem Krieg: "Wir haben etwas lernen müssen: dass es Situationen gibt, in denen die Bürger morgens aufwachen und Armee und Polizei sind geflüchtet; in denen die Menschen sich selbst helfen müssen." Und das haben sie getan.

Mali besitzt, bei allen inneren Konflikten, von Alters her eine für Fremde überraschend starke Zivilgesellschaft. Kritik an Regierenden, friedlicher Austausch von Meinungen - nach dem Rückschlag von 2012 erstarkt all das wieder, zumindest in Städten wie Goa. In gewisser Hinsicht bot und bietet diese Zivilgesellschaft einen Ersatz für ein gemeinsames Nationalbewusstsein der in kolonialen Grenzen zusammengezwungenen Völker Malis. Radio Aadar Koima steht symbolisch für diese Zivilkultur, in Europa würde man von einem freien Bürgerradio sprechen, durch eine Art Crowdfunding finanziert. "Das ist unsere Kultur", sagt Touré, "und wir haben spüren müssen, was wir ohne sie verlieren".

Es ist noch jeden Tag zu spüren, wenn sie Nachrichten verlesen in ihrem winzigen Studio mit den rot-grün-gestreiften Tapeten. Da ist der entführte und erschossene Hirtenjunge, dessen Leiche man Ende Februar bei seinem Heimatdorf fand; als die Angehörigen ihn wegtragen wollten, explodierte eine Sprengfalle, elf Menschen starben bei diesem Anschlag, dem Werk eines maliziösen Geistes.

Einen Monat später muss das Radio melden, dass Milizen im Dorf Ogossagou mindestens 153 Menschen vom Nomadenstamm der Fulani massakriert haben, darunter etwa fünfzig Kinder. Jetzt, da die Islamisten militärisch in den Untergrund gedrängt sind, bilden die immer brutaler ausgetragenen ethnischen Konflikte das Haupthindernis auf dem dornenreichen Weg zum Frieden.

Radio Aadar Koima ist eines von mindestens 200 Radiostationen in Mali; doch die große Mehrzahl sendet aus der 1123 Kilometer entfernten Hauptstadt Bamako. Hier im Norden ist Radio Aadar Koima auch ein Forum, in dem Hörer und Offizielle, Journalisten und einfache Bürger sich austauschen. Es spiele, sagt ein deutscher Hauptmann, der den Sender öfter besucht - zur UN-Mission MINUSMA stellt die Bundeswehr fast 800 Soldaten - eine "große Rolle für den sozialen Frieden hier"; er würde sich noch mehr Unterstützung aus Europa für die freien Medien in Mali wünschen.

Und dann ist da die Musik, wie der legendäre Mali-Blues; es gibt mindestens so viele Musikstile wie Ethnien im Land. Musik ist der Klang dieser Gesellschaft. Ein Lied der bekannten Jazzsängerin Fatoumata Diawara, "Alama", hört sich an wie eine kummervolle Liebeserklärung an die Heimat, die Mali einmal war: "Gib mir Mitleid, damit ich es mit meinen Brüdern teilen kann / Gib mir Toleranz, damit ich es meinem Freund geben kann / Ich weiß nicht, warum diese Leute mich angreifen ... Welche Hölle, welche Hölle."

Nur wenige Kilometer entfernt leben typische Hörer in einem Dorf aus Lehmhäusern, auf einem kargen Felsen über dem Niger. Aber welch eine Sicht: Der breite, unbeirrbar durch all die Wüste rings umher fließende Fluss mit den Fischerbooten, schmal ist das Grün an seinen Ufern, wo schneeweiße Reiher stehen; wie man hier mehr Gärten schaffen kann, ist eines der Debattenthemen, wie sie Radio Aadar Koima mit seinen Hörern diskutiert. Zu den wenigen Häusern aus Stein gehört die Schule, die nach einem Einsturz neu errichtet wurde mit Hilfe der UN. 126 Mädchen und 98 Jungen besuchen hier den Unterricht, und Direktor Adouraja Shiaka fürchtet die Folgen von Krieg und Krise: Jugendarbeitslosigkeit, Drogenmissbrauch, die Versuchung des Extremismus. Bildung sei der Schlüssel: "Ohne Bildung erzeugt die Nation böse Kinder." Aber er hat Hoffnung, seit die UN den Friedensprozess beschützen: "Ich möchte irgendwann sehen, dass die Kinder, die ich unterrichte, sicher aufwachsen und hier bleiben. Sie sind die Zukunft."

Bouba Tourés Arbeit bleibt gefährlich, trotz der Wächter am Tor. Die Islamisten hassen den Sender, seine Musik und die Freiheit, für die er steht; sie sind in den Untergrund abgedrängt, aber keineswegs besiegt, wie sie durch brutale Bombenanschläge in Gao bewiesen haben. Erst vor wenigen Wochen, erzählt Touré, "meldete sich ein anonymer Anrufer und befahl uns, keine Musik mehr zu spielen, sonst würden wir büßen". Er erstattete Anzeige bei der Polizei. "Wir haben keine Angst", sagt er noch, "wir wollen unser Land zurückhaben."