"Hinterland" im Kino:Wien, Wien, du allein

"Hinterland"

Ein Mann kehrt aus dem Krieg heim und erkennt sein Wien nicht wieder - Filmszene aus "Hinterland".

(Foto: Square One)

Stefan Ruzowitzky führt in seinem Serienkiller-Film "Hinterland" in ein untergegangenes Reich nach dem Ersten Weltkrieg.

Von Fritz Göttler

Ab ins rote Haus, heißt es für den kleinen Trupp Soldaten um Ex-Leutnant Peter Perg, abgekämpfte, zerlumpte Gestalten, die sich eben durchgeschlagen haben in die Hauptstadt, nach Wien. Zurück aus dem Ersten Weltkrieg, Anfang der Zwanziger, nach einigen Jahren in russischer Gefangenschaft. Die Fahrt auf dem Donau-Kahn in die Stadt führt durch eine leere Landschaft. Das einstige Kaiserreich ist auf einen kleinen bedeutungslosen Staat in der Mitte Europas geschrumpft. Eine Welt, in der nichts mehr ist, wie's einmal war. Und der Rückkehrer Perg, diese pathetische Floskel verwendet er selber, ist nicht mehr der, als der er in den Krieg gezogen ist. Die alte Kaste der Offiziere und Adligen hat ihn jetzt im Verdacht, ein Bolschewik zu sein. Sie ist völlig heruntergekommen, nicht mehr handlungsfähig, selbst für den Suizid zu fad.

Das rote Haus hat noch einen letzten verlockenden Anklang an die alte Zeit, aber es ist kein Bordell, sondern das Obdachlosenheim von Wien. Nur Perg hat ein richtiges Heim, in das er sich zurückziehen kann, eine Wohnung, aber die Frau und die Tochter warten dort nicht auf ihn, wie ihm die Hausmeisterin erklärt. Sie sind vor die Stadt gezogen, nach Gumpoldskirchen. Für Gott, Kaiser, Vaterland ist Perg einst losgezogen in den Krieg, er hat seine Familie verlassen, seine Rolle als Vater verraten, den großen Heimkehrern aus Mythos und Geschichte gleich, von Odysseus bis zum verlorenen Sohn.

Wer mit heilen Gliedern zurückkam, hat jetzt einen Dachschaden

Auch Wien wirkt zerlumpt, ein dunkles Stadt-Konglomerat von schäbiger Gedrungenheit, selbst der Himmel ist schmierig und schmutziggrau. Das perfekte Objekt einer Hass-Liebe, man kennt diese Mischung aus den Filmen von Erich von Stroheim: Da ist eine unheilbare Traurigkeit über einen Verlust - Stroheims Wien ist in Hollywood konstruiert, ein imaginäres Objekt - und eine Zärtlichkeit, die er allen Ramponierten, Gedemütigten, Verkrüppelten gegenüber hegt. Wer mit heilen Gliedern aus diesem Krieg zurückkam, hat einen schweren Dachschaden abbekommen, erklärt die Polizeipathologin Theresa Körner dem Ex-Kollegen Perg, es rutscht ihr raus, bevor sie merkt, wie gemein das ihm gegenüber klingt.

Die coole Liv Lisa Fries ist Dr. Körner, der undurchdringliche Murathan Muslu der Rückkehrer Perg, die beiden kommen zusammen bei der Untersuchung einer grausamen Mordserie, deren erstes Opfer ebenfalls Rückkehrer ist. Einen Daumen hat der Mörder einem der Opfer gelassen, alle anderen Finger und die Zehen sind abgeschnitten. Ein anderes Opfer wird von neunzehn Ratten bei lebendigem Leib gefressen. Perg steckt tiefer drin in diesem Fall, als ihm lieb sein kann, die Toten werden ihn in seine Träume verfolgen, in der leeren Wohnung. Der Zerfall, das Chaos, meint Theresa, das könne auch den Boden bereiten für etwas Neues, sie geht ganz in Weiß durch dieses finstere Wien, mit einer Kappe und einem langen weißen Mantel, die wirken wie die Uniform eines Engels.

"Hinterland"

Der Kriegsheimkehrer, der einmal Kommissar war, und die Pathologin: Murathan Muslu und Liv Lisa Fries in "Hinterland".

(Foto: Square One)

Es gibt keine wirkliche Interaktion in diesem Film, keine Verbindung zwischen den Menschen und der Umwelt, in der sie sich bewegen, die Stadt ist mit Hilfe der Bluescreen-Technik in die Szenen künstlich eingefügt, die Häuserfronten, Brücken, Kirchen, Cafés und Badehäuser sind schief und verkrümmt. Die Menschen darin sind alleingelassen, in einer zwanghaften Gleichgültigkeit (selbst dann, wenn einer sich zu einem befreienden, obszönen Akt auf einem Altar aufschwingt).

Man kennt das Gefühl von den Konstrukten des Symbolismus und Surrealismus, später sind sie komprimiert in den schrägen Dekors der "Caligari"-Zeit. Im Kino liefern die Räume nicht mehr das Dekor der Szenen, wie man es vom Theater kennt, die Bauten der Filmarchitekten greifen in die Handlung ein, haben eigenes Leben, bringen festgefügte Bezüge in Bewegung. Es muss alles skizzenhaft bleiben, schrieb Lotte Eisner, die dem Kino der Zwanziger ganz nah blieb, in ihrem Buch "Die dämonische Leinwand", "voll vibrierender Spannung, eine unaufhörliche Gärung muss sich der Objekte, der Menschen bemächtigen".

Als er eine Leiche zusammen mit den anderen Kriminalern untersucht, am Donaukai, sieht Peter Perg am anderen Ufer ein paar Gassenjungen lauern. Es ist ein kurzer Blick nur, den er auf sie wirft, aber es gibt ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit darin zu entdecken.

Hinterland, 2021 - Regie: Stefan Ruzowitzky. Buch: Robert Buchschwenter, Hanno Pinter, S. Ruzowitzky. Kamera: Benedict Neuenfels. Schnitt: Britta Nahler. Musik: Kyan Bayani. Mit: Murathan Muslu, Liv Lisa Fries, Max von der Groeben, Marc Limpach, Margarete Tiesel, Aaron Friesz, Stipe Erceg, Matthias Schweighöfer. SquareOne, 98 Minuten.

© SZ
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