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"Heute+":Und alle anderen so: Yeah!

Wie sehen die Nachrichten-Formate von morgen aus?

Der Moderator der Nachrichtensendung "heute +", Daniel Bröckerhoff.

(Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Die neuen ZDF-Spätnachrichten "Heute+" versuchen, alles anders zu machen als etablierte Fernsehformate - und erinnern dennoch an schon Dagewesenes.

Zum Tode des früheren Heute-Sprechers Heinz Wrobel ließ ZDF-Chefredakteur Peter Frey diese Woche verbreiten: "Wenn wir in diesen Tagen mit Heute+ den nächsten Schritt in die Nachrichtenzukunft gehen, gibt uns das ehrenvolle Gedenken an Heinz Wrobel zugleich Gelegenheit, daran zu erinnern, was immer Grundsubstanz des Nachrichtenschaffens im Zweiten war und ist: Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Kompetenz." Was für ein Satz! Eigenwerbung im Mantel des Traditionsbewusstseins. Die Chuzpe muss man erst mal haben.

Wrobel gehörte noch zur Generation von Nachrichtenvermittlern ohne eigene Meinung und Unterleib - nach den ersten sieben Sendungen Heute+ fragt man sich allerdings, ob es ein Wert an sich ist, im Fernsehen seine Hose zu zeigen und die Meldung vom erneuten Streikaufruf der Gewerkschaft GdL mit einem ironischen "Und alle anderen so: Yeah!" zu kommentieren, wozu Moderator Daniel Bröckerhoff sich zur Premiere bemüßigt fühlte.

Heute+, Nachfolger der ausgemusterten Spätnachrichten Heute Nacht, ist der unbedingte Wille anzumerken, alles ganz anders zu machen als etablierte Formate: Moderationsstil, Themensetzung, Herangehensweise, Bildsprache. Das Ergebnis erinnert trotzdem merkwürdigerweise an schon Dagewesenes, Sendungen wie Logo, Polylux, 37 Grad oder Doppelpunkt. Gut, recht neu ist die offensive Einbindung von Social Media, etwa wenn nach einem Beitrag über die Auswirkungen von Conchita Wursts ESC-Sieg auf die österreichische Gesellschaft ein Zuschauer-Tweet eingeblendet wird: "In einen Beitrag gepackte Ahnungslosigkeit. Irgendwie putzig. Wien ist so Österreich, wie Berlin Deutschland."

Dass Heute+ eben doch lediglich eine weitere ZDF-Sendung ist, zeigte sich gerade an der halbgaren Art der Selbstkritik. Ausgerechnet die Antwort auf seine eigene Frage nach der Performance von Heute+ in der Bahnstreik-Berichterstattung interessierte Moderator Bröckerhoff so wenig, dass er seinen Interviewpartner abwürgte. Und die an einen Reporter weitergereichte Zuschauerfrage, inwieweit ARD und ZDF mit ihren Rechte-Deals das System Blatter bei der Fifa stützen, wischte der im Nu beiseite. Niemand zwingt die Redaktion, solche Fragen zu stellen, aber wenn man sie stellt, sollte man sie auch ernst nehmen. Sonst wirkt es wie eine hohle Pose. Wie war das noch gleich? Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Kompetenz. Da ist bei Heute+ noch Luft nach oben.

© SZ vom 29.05.2015
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