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"Herren" auf Arte:Nachtschichten am Pissoir

Marta ( Dalila Abdallah) geht die Sturheit ihres Mannes (Tyron Ricketts) auf den Geist.

(Foto: Frédéric Batier/Kineo Film)

"Herren" mit Tyron Ricketts ist ein Film über Alltagsrassismus, Familienstreitigkeiten, Jobsuche mit Mitte 40. Keine komplizierte Geschichte. Aber deswegen keine unwichtige.

Von Theresa Hein

Ezequiel braucht einen neuen Job. Mit 45. Das ist ja für einen weißen Mann in Berlin schon schwer genug. Aber Ezequiel (Tyron Ricketts) ist schwarz, Afrobrasilianer, und hängt verbittert einer verpassten Chance hinterher: Er hätte eigentlich das Capoeira-Studio seines ehemaligen Meisters übernehmen sollen, dann kam aber dessen Sohn dazwischen. Das macht die Jobsuche natürlich nicht grade einfacher.

Als es seiner Frau Marta (gespielt von Dalila Abdallah) zu viel wird, muss er sich was Neues suchen - und wird fündig: Denkmalschutz. Ein Fahrer-Job, nachts. Ezequiel tritt seinen ersten Dienst an und stellt fest, dass die Stellenbeschreibung ein wenig beschönigend war: Die zwei Kollegen, die er durch das nächtliche Berlin fährt, putzen - Ezequiel hilft ihnen später - die historischen öffentlichen Toiletten. "Denkmalhygiene", wie Ezequiels neuer Kollege es nennt. Und während Ezequiel nun also "Ausländer raus" und andere Parolen von den achteckigen, grünen Klos schrubbt, lernt er, natürlich, die ein oder andere Lektion.

Jetzt mag man die Rahmenhandlung des Films unter der Regie von Dirk Kummer simpel finden: Mittelalter Mann kämpft neben den ganzen Problemen, die man als mittelalter Mann so hat (Ezequiels Sohn Jason will nicht studieren, sondern Frisör werden; seine Frau findet, er strenge sich nicht genug an und so weiter) auch noch damit, erst ein arbeitsloser Schwarzer in Berlin zu sein und dann ein toilettenreinigender Schwarzer. Aber Herren ist nicht zuletzt durch das dankenswerterweise klischeefreie und lockere Drehbuch von Stefanie Kremser ein Freitagabendfilm, der mehr bietet als jede Retorten-Romanze. Regisseur Kummer lässt kaum Szenen zu sehr eskalieren (zum Beispiel ein Aufeinandertreffen mit Skinheads) und wenn, dann mit Humor - sofern angebracht. In seinem Bekenntnis zur Ruhe liegt die große Kunst dieses Films.

Den Rassismus, dem sich Ezequiel jeden Tag ausgesetzt sieht, fängt Herren lakonisch ein, spielt ihn aber dabei nicht herunter. Er ist Teil seines Lebens. Am Ende gewinnt Ezequiel, übrigens beneidenswert lässig und zugleich nie zu durchschaubar gespielt von Tyron Ricketts, neuen Mut, zur Jobsuche, zur Aussöhnung mit seiner Familie und sich selbst.

Herren erzählt keine komplizierte Geschichte, das nicht. Aber es handelt sich deswegen nicht um eine unwichtige Geschichte. Als Ezequiels Frau sich erkundigt, was er da nachts immer tut und fragt: "Was fährst du da eigentlich?", antwortet er: "Denkmalschützer zu Denkmälern." Das ist ein bisschen vereinfacht, aber nicht verkehrt. Und wer braucht in dieser Zeit schon komplizierte Geschichten?

Herren, Arte, 20.15 Uhr.

© SZ/ebri
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