Journalismus:Herbert-Riehl-Heyse-Preis für Andreas Wenderoth

Andreas Wenderoth

Andreas Wenderoth

(Foto: privat)

Der freie Autor erhält die Auszeichnung für seinen Beitrag "Dr. Gross, der Übermensch" im Magazin "Reportagen".

Wie lebt es sich mit einer schizoaffektiven Psychose? Das weiß ein älterer Herr aus Hamburg sehr genau, Peter Gross - auch wenn die Ärzte lange brauchten, um sein Leiden unter dieser Diagnose überhaupt erst zu fassen. Über Jahre erlebte Gross, dass sich in seiner Persönlichkeit ein zweites Ich einnistete, mal war es Stalin, mal Jesus, eine Zeit lang Ludwig van Beethoven. In den Wahn fiel der Doktor der Philosophie aber nicht immer, der "in den Zeiten dazwischen bestgelaunt auf der manischen Welle schwimmt", wie es im Essay des Journalisten Andreas Wenderoth heißt, der sich Gross' Geschichte hat schildern lassen - und für das Schweizer Magazin Reportagen aufgeschrieben hat.

Sein Essay "Dr. Gross, der Übermensch. Wenn nichts mehr hilft, hilft nur noch die Lithiumtablette" gibt so einen faszinierenden Einblick in die Geisteswelt eines Menschen, der mit hohen intellektuellen Fähigkeiten ausgestattet und überdies ein guter Erzähler, aber von einer psychotischen Krankheit gezeichnet ist. Der auf eine alle zwei Wochen verabreichte Depotspritze mit dem Wirkstoff Fluphenazin angewiesen ist, der in der Tiermedizin zur Narkoseeinleitung verwendet wird und beim Menschen Rückfälle in schizophrene Psychosen verhindern soll.

Herbert Riehl-Heyse

Prägte die SZ über Jahre: Der 2003 verstorbene Herbert Riehl-Heyse.

(Foto: Regina Schmeken/Sueddeutsche Zeitung Photo)

Für dieses nachdenkliche Stück zeichnet der Süddeutsche Verlag Wenderoth mit dem Herbert-Riehl-Heyse-Preis 2021 aus. Der Preis ist dem Lebenswerk des früheren Chefreporters, Essayisten und Streiflichtautors der Süddeutschen Zeitung gewidmet, der über 30 Jahre lang die Berichterstattung und den Ton der Zeitung mitprägte und der 2003 einem Krebsleiden erlag. Die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung, die Riehl-Heyses journalistisches Vermächtnis in den Medien lebendig halten soll, wird in diesem Jahr zum neunten Mal vergeben.

Andreas Wenderoth wurde 1965 geboren und arbeitete nach einem Politologie- und Geografiestudium und einem Volontariat bei der Berliner Zeitung als freier Reporter, unter anderem für Brigitte, das SZ-Magazin, Geo, Mare und Stern. In den vergangenen Jahren befasste er sich verstärkt mit dem Thema mentale Gesundheit, schilderte etwa 2016 die Demenzerkrankung seines Vaters im Buch "Ein halber Held: Mein Vater und das Vergessen".

Den Herbert-Riehl-Heyse-Preis wird Wenderoth am 28. September in München in Empfang nehmen, die Publizistin Tamara Dietl wird bei der Verleihung den Festvortrag halten. Eine Aufzeichnung der Veranstaltung ist ab 29. September, 19 Uhr auf sz.de/riehl-heyse-preis2021 abrufbar.

© SZ/SZ/masc
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