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Nachruf auf Herbert Feuerstein:Der Größte

Herbert Feuerstein tot Nachruf

Design hin oder her: Das deutsche Unterhaltungsfernsehen war kurz mal toll. Feuerstein (re.) mit Harald Schmidt in Schmidteinander.

(Foto: imago images/United Archives)

Herbert Feuerstein schenkte dem deutschen Unterhaltungsfernsehen einen Moment des Glücks. Da wäre noch mehr gegangen, aber dafür waren die Redakteure zu doof. Ein Abschied.

Von Willi Winkler und Alexander Gorkow

Salzburg mag, wie der Tourismusbeauftragte Thomas Bernhard einst meldete, "die größte Prostituierte der Welt" sein, die Stadt hat aber neben Bernhard immerhin zwei weitere erlauchte Geister hervorgebracht, den allseits beliebten Mozart und den lebenslang unterschätzten und deshalb immer wieder untergeliebten Herbert Feuerstein, der fabelhaft davon berichten konnte, was für "ein Arschloch" der leider später geniale Bernhard am Mozarteum gewesen sei, wo sich beide begegnet waren, ohne sich dabei anzufreunden, obwohl beide litten und später hassten.

Feuersteins produktives Leid begann bei seiner Untergröße, die ihn zunächst äußerlich zum guten Sidekick des langen Harald Schmidt werden ließ. In einem Sketch in Schmidteinander fahren die zwei zusammen Ski, bis ihn der höher ausgefallene Schmidt der Piste verweist: Hier sei die Strecke für Riesenslalom. Dass Schmidt damit für ihn zum Schlimmsten wurde, war unvermeidlich. Andererseits war die hohe Kunst des Sketches halt die Zurschaustellung des irren Aufwandes, zwei Komiker, einen Kurzen und einen Langen, tatsächlich in ein Schneegebiet zu fahren und auf die Bretter zu stellen für einen einzigen dummen Spruch.

Nein, es war nicht alles schlecht.

Herbert Feuerstein war da schon etwas länger auf der Welt, verfügte sogar über ein richtiges Leben vor dem Fernsehen. Zwei Jahre hatte er also wie Bernhard das Salzburger Mozarteum besucht, auf dem Cembalo dilettiert und wollte Komponist werden, bis er sich die vorgezeichnete Laufbahn selber abkürzte, indem er das Werk eines seiner Lehrer in der Zeitung niederrezensierte. Ehebedingt, nicht mehr wachsend und seine Eltern hassend, wechselte Feuerstein 1960 vom österreichischen Kaffeehaus in den New Yorker Niedriglohnsektor, schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch und übersetzte (Pssst! Die Literaturgeschichte hat es bisher nicht wahrgenommen!) den fingierten englischen Nachruf, ins Deutsche, den sich Uwe Johnson erdichtete und in dem es herrlicherweise hieß, ihm, Johnson, sei "eine Anstellung als Nachrichtensprecher angeboten" worden.

Weil er, wie er erzählte, als echter Komiker das Leben grundsätzlich negierte und als "großes Unglück" ansah, wurde Feuerstein unvermeidlich Journalist, sogar Chefredakteur der deutschsprachigen New Yorker Staats-Zeitung. Nebenbei belieferte er die Zeitschrift Pardon, bis er 1969, frisch geschieden, nach Europa zurückkehrte, wo er sich 20 Jahre lang als Alfred E. Neumann tarnte, das Maskottchen des Satiremagazins Mad. Während der Helmut-Schmidt-Helmut-Kohl-Ära und ehe die Titanic zu Ruhm und Einfluss kam, war Mad mit seinem gewerbsmäßigen Irrsinn für den halbwegs vernünftigen Deutschen noch der einzige Grund, nicht auszuwandern, das garantierte mit seiner unheilbaren, ja kochenden Wortspielsucht der Remigrant Herbert Feuerstein.

Schließlich kam es, wie es kommen musste, das Fernsehen nämlich. Feuerstein wurde mit Harald Schmidt zusammengespannt, erst bei Pssst..., dann für Schmidteinander, eine Verbindung, die für eine Glücksstunde sorgte und das Fernsehen vorübergehend vor der Verblödung bewahrte. Bei einem Unglückssucher wie Feuerstein konnte das nur schiefgehen, denn Schmidt wurde neben ihm nur noch größer, während er die Pointen raushaute, die ihm meist Feuerstein vorher aufgeschrieben hatte. Aber auch wenn diese Spielart des Sadomasochismus einen eigenen Eintrag in der "Psychopathia sexualis" verdient hätte: Die Zuschauer hatten den Gewinn, und nichts sonst zählt.

Schmidt schikanierte, Feuerstein litt. Es war zu schön, um wahr zu sein, es war ein Riesenunglück, es war so schlimm, dass man nicht wegschauen konnte. Wie die Steinzeit des papierenen Journalismus, in der Feuerstein angefangen hatte, fand auch das in der Zeit statt, als das Fernsehen noch etwas verkraftete und die Heulsusen von Twitter noch gewickelt wurden. Man litt und hasste weitgehend analog. Die beiden haben das trübsinnige deutsche Fernsehen kurz (und für kurze Zeit) neu erfunden, und wenn man einen der beiden traf, wurde man mit Herabwürdigungen des jeweils nicht anwesenden anderen weiterbelohnt, als liefe die Glotze noch. Das war zu schön, um wahr zu sein, aber in seiner Wahrheit als Kunst ist es unübertroffen.

Der schlaue Schmidt stieß Feuerstein dann ab wie eine Trägerrakete und wurde Late-Night-König. Für seinen Souffleur und Dulder blieben Gastauftritte in Frau Holle oder auch in Wickie und die starken Männer, er war der Frosch in der Fledermaus und Professor Brabbelback in der Sendung mit der Maus, doch war das alles nichts verglichen mit der Intelligenz, mit der er neben dem riesenhaften Schmidt brillierte, mit dem es beim 70. Geburtstag Feuersteins immerhin noch zu einer traumschönen Scheinversöhnung kam.

Schmidt ging in Frührente, als überaus gut versorgter Privatier lungert er bisweilen auf dem Traumschiff rum und besichtigt auf Kosten des ZDF die Welt. Der ältere Feuerstein hielt länger aus. Wenn man ihn traf, so einen nur mitunter feixenden, meist leisen, genauen und auf jede Minimalnuance hoch empfindlich lauschenden Gesprächspartner, der dabei aber zum Frühstück ein halbes Hotelbuffet im Münchner Vier Jahreszeiten verspeiste, um sich den Rest des Tages um "so einen Quatsch wie Nahrung" nicht mehr kümmern zu müssen. In Amerika wird so einer unweigerlich Larry David. Im deutschen Fernsehen, wo man viel hat, aber selten Fantasie, wollte sich keiner der Sesselbesitzer mehr für ihn verwenden. Immerhin hatte noch wer die Idee, ihn in der Brecht-Weill-Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny als Gott zu besetzen. Am Dienstag ist ein kleiner Gott gestorben.

Herbert Feuerstein wurde 83 Jahre alt.

Er hat übrigens auch einen Nachruf auf sich selbst produziert. Sie finden ihn hier.

© SZ vom 08.10.2020/khil
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