Henryk Broder auf Deutschland-Safari "Sex vor der Ehe?" - "Unerwünscht"

Im Broder-Mobil reist der Provokateur durch die deutsche Wirklichkeit. Die ARD wirbt mit einer Sendung ohne politische Schutzzonen.

Von Marc Felix Serrao

"Sind Sie integriert?" Der ältere Herr, der seinen kugeligen Körper unter einem knittrigen Leinensakko verbirgt, schaut den südländisch aussehenden jungen Bäcker mit gespielter Strenge an. Der zögert keine Sekunde: "Hundertprozentig!" Außerdem unverheiratet, viel im Nachtleben unterwegs und dem Alkohol nicht abgeneigt. "Und Sex vor der Ehe?", fragt der Gast. "Unerwünscht", antwortet der Bäcker, "also für die Frau." Bei der gehe sonst ja "die Ehre... ich meine, der Ruf kaputt". Henryk Broder, 64, ist in seinem Element.

Entweder Broder - Die Deutschland-Safari:  Journalist und Autor Henryk M. Broder (r.) und der ägyptische Schriftsteller Hamed Abdel-Samad sind mit Hund Wilma auf Deutschlandtour.

(Foto: dapd)

Entweder Broder - Die Deutschland-Safari heißt der neueste Spielplatz des beliebten Berufsprovokateurs. Die fünfteilige Reihe, die von diesem Sonntag an spätabends im Ersten läuft, begleitet Broder zu Minderheiten aller Art. NPD-Männer sind dabei, DDR-Nostalgiker, Friedensaktivisten, jede Menge Muslime. Broder fährt mit einem knallbunt besprühten alten Volvo 760 durchs Land, 30.000 Kilometer. Hinten sitzt sein Hund, ein Terrier namens Wilma. Neben ihm sitzt Hamed Abdel-Samad, ein junger Ägypter und Mitglied der deutschen Islam-Konferenz. Zusammen suchen sie den deutschen "Zustand" (ARD).

Die Idee ist an sich gar nicht übel. Man lässt die alte Schreckschraube Broder hinfahren, wo's weh tut. Doch das Ergebnis wirkt seltsam matt. Vielleicht liegt es daran, dass hier ein polnischer Jude und ein ägyptischer Moslem als Abgesandte der autochthonen Mehrheit dahin geschickt werden, wo die ARD im Jahr Null nach Sarrazin gesellschaftliche Minenfelder vermutet. Doch wo eine Minderheit eine andere vorführt oder deutsche Tabus antippst, bleibt Provokation eine Pose. Bestes Beispiel ist die Aktion, um die Herr Samad das größte Buhei macht: Broder verkleidet sich als Pappmaché-Stele vorm Holocaust-Mahnmal in Berlin. Und es passiert: nichts.

Die Sendung kenne keine "politischen Schutzzonen", wirbt die ARD. Dafür ist sie erstaunlich konfrontationsarm. Egal ob sich der muslimische Bäcker ins Mittelalter redet, die NPD-Scheitel ihre Rassetheorien ausbreiten oder weißhaarige DDR-Kommunisten die Mauertoten verhöhnen: Broder lauscht nur. Erst hinterher, im Auto, wenn nur noch der Ägypter und der Hund zuhören, schimpft er los. Er selbst ist schon gut integriert in dieses Land und seine Sitten.

Entweder Broder - Die Deutschland-Safari, ARD, sonntags, 23.35 Uhr.