Historienfilm "Henri 4" in der ARD Von Sadomaso bis Softsex alles im Angebot

Dreistündige Seh-Folter am Karfreitag: Der ARD-Historienfilm "Henri 4", der auf den beiden Heinrich-Mann-Wälzern über "Henri Quatre" basiert, belegt einmal mehr, dass es von sehr guten Romanen sehr schlechte Verfilmungen gibt. Da hilft es auch nicht, dass reichlich Blut fließt und viel gerammelt wird.

Von Willi Winkler

Ein reichlich bärtiger Hollywood-Witz handelt von zwei Ziegen, die sich auf dem Freigelände hinter einem Studio unterhalten. Sie kauen, es gibt nichts Besseres, an alten Filmrollen. Sagt die eine Ziege zur anderen: "Das Buch war besser." Natürlich ist Heinrich Manns zweiteiliger Roman über den französischen König Heinrich IV., der von 1594 bis 1610 regierte und Frankreich in den Religionsstreitigkeiten eine Zeitlang einen konnte, besser als jede denkbare Verfilmung.

Henri 4 am Karfreitag in der ARD: An der Spitze der Protestanten rüstet Henri von Navarra (Julien Boisselier) gegen Paris, gegen die Katholiken.

(Foto: WDR/Ziegler Film/Reiner Bajo)

Der ältere Bruder Thomas Manns entwarf sich das Idealbild eines sinnenfrohen und wenn nicht aufgeklärten, so doch volkstümlichen Herrschers, den es zur Entstehungszeit des Romans - in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts - weit und breit nicht gab. Europa wurde wieder absolutistisch und von Volkstribunen wie Hitler und Stalin regiert, mit denen der "gute König" nichts gemein hatte.

Ebenso natürlich wären leseschwache Oberschüler damit überfordert, ein Buch mit 1500 süffigen Seiten zu lesen. Eine satte Bebilderung könnte daher ein vergleichsweise preiswerter Nachhilfeunterricht sein. Die pubertierende Jugend bekäme überdies etwas geliefert, was sie dringender braucht als ein neues iPhone. In Henri 4 wird reginazieglermäßig in den Topf gegriffen, es fließt also reichlich Blut. Es wird gerammelt, dass es eine Karfreitagsfreude ist, und damit es nicht am spirituellen Überbau fehle, ist es der tote König beziehungsweise sein Herz, der und das die reichlich unübersichtliche Geschichte erzählt.

Der Zuschauer darf sich darüber freuen, dass die in der Presseaussendung versprochenen 400 Komparsen, 75 Stuntleute und, nitmöglich!, 40 Pferde sich tatsächlich ins Bild mengen. Dazwischen zeigt sich der eine oder andre Schauspieler.

Wotan Wilke Möhring muss sich seiner Rolle als Guise allerdings so geschämt haben, dass er auf einer tarnkappigen Perücke bestanden hat. Auch Joachim Król als Lebensfreund Agrippa ist unter seiner Sam-Hawkins-Frisur kaum zu erkennen. Ulrich Noethen als alter König Karl IX. chargiert um den Kinski des Monats, und nur Hannelore Hoger reichert ihre Rolle als böse Hexenkönigin mit einem ironischen Surplus an, der einem die insgesamt dreistündige Seh-Folter etwas erleichtert.

Hüftsteifes Laienspiel

Die Kulissen sind längst nicht so billig wie in durchschnittlichen TV-Produktionen, aber der Regisseur Jo Baier hat offenbar während der Dreharbeiten seinen Jahresurlaub genommen. Immerhin fallen die vorgeschriebenen Sprüche, dass jede Familie ihr Huhn im Topf haben solle und Paris eine Messe wert sei (womit der Hugenotte Heinrich seine Konversion zum bis dahin verhassten katholischen Glauben begründet).

Wenn wieder mal der Rauch über einem Schlachtfeld aufsteigt, seufzt der treue Knappe nach mehr Menschlichkeit, worauf der König diesem Befehl ungesäumt nachkommt und die nächste Schöne begriffelt. Das Auge isst bekanntlich mit, und wer noch nicht neunzig ist oder den Frauen sonst entsagt hat, bekommt hier von Sadomaso bis zur Bilitis-Kinderei alles geboten.

So gut wie jede ARD-Anstalt, jedes Medienboard, jedes Degeto-Subunternehmen in Deutschland war an diesem hüftsteifen Laienspiel, das sich mit einem Etat von zwanzig Millionen Euro zum Film hochstapelt, beteiligt und ist also mitverantwortlich für diesen kompletten Film-Bruch. Im Kino hat Henri 4 bereits falliert, jetzt ist das Fernsehen dran, das den Film nun in einer eigenen, längeren Version und in zwei Teilen zeigt.

Ziegen, nicht einmal solche aus Hollywood, sind nicht grundsätzlich im Unrecht, nur weil sie einen Bart tragen: Das Buch ist wirklich besser. Meiden Sie also diesen Film und lesen Sie lieber Die Jugend des Königs Henri Quatre von Heinrich Mann, lesen dann auch noch Die Vollendung des Königs Henri Quatre. Eine gemächliche Lesegeschwindigkeit von zwei Minuten pro Seite vorausgesetzt, ist der zweibändige Roman an einem ohnehin kalten Oster-Wochenende in fünfzig Stunden ohne weiteres zu schaffen. Viel Vergnügen!

Henri 4, ARD, Karfreitag, 20.15 Uhr; Teil 2 im Anschluss um 21.45 Uhr.