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"Hart aber fair" zur Reproduktionsmedizin:Ungeahnt unfruchtbar

âÄžhart aber fair' Sendung 20.03.2017

Frank Plasberg wollte wissen, warum viele Frauen erst spät Kinder bekommen. Alles nur wegen der Karriere? Seine Gäste waren Dr. Jörg Puchta, Caroline Beil, Ina Borrmann, Prof. Dr. Giovanni Maio und Michaela Freifrau Heereman von Zuydtwyck

(Foto: WDR/Dirk Borm)

Erst Karriere, dann Kind. Für manche Frauen ein Traummodell. Oder der puren Not geschuldet. Der Plasberg-Abend zeigt: Das kann teuer werden.

Frank Plasbergs aktuellste Ausgabe von "Hart aber fair" kreist um die Frage: "Alles erreicht, dann noch ein Baby - Kinderwunsch ohne Altersgrenze?" Die einzig wahre Antwort darauf bekamen die Zuschauer an diesem Abend natürlich nicht. Dafür aber ein paar Denkanstöße für politische und gesellschaftliche Debatten.

Facebook und Apple etwa lassen es sich etwas kosten, damit ihre Mitarbeiterinnen die Familiengründung aufschieben können. Beide zahlen ihren weiblichen Angestellten das sogenannte "egg freezing" - das medizinisch unbegründete Einfrieren unbefruchteter Eizellen. Einmalig sind das etwa 3000 Euro, hinzu kommen Lagerungskosten von 300 Euro pro Jahr.

Deutsche Arbeitgeber sind davon weit entfernt: Von 30 deutschen Dax-Unternehmen übernimmt nach einer Umfrage der "Hart aber fair"-Redaktion kein einziges die Kosten für das "social freezing". Familiengründung ist eben Privatsache.

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Die Politik kümmert sich darum, dass alles flutscht, nachdem das Kind in den Schoß gefallen ist. Müttern soll die schnelle Rückkehr in den Job ermöglicht, die Kinderbetreuung flächendeckend ausgeweitet werden. Manchen Frauen reicht das nicht. Sie wollen erst die Karriere ohne Knick. Und dann ein Baby.

Was nicht so leicht ist. Mit zunehmendem Alter sinkt die Wahrscheinlichkeit, auf natürlichem Wege schwanger zu werden. Ab 41 ist statistisch gesehen jede zweite Frau nicht mehr fruchtbar. "Was weg ist, ist weg", sagt Reproduktionsmediziner Jörg Puchta in der Sendung.

Das scheint vielen nicht klar zu sein. Nach einer Umfrage des Bundesfamilienministeriums haben 45 Prozent der ungewollt kinderlosen Frauen im Alter von 30 bis 39 Jahren noch nie Zweifel an ihrer Fruchtbarkeit gehabt. Unter Männern waren es 66 Prozent. Und selbst von den 40- bis 50-Jährigen glauben 27 Prozent der Frauen mit Kinderwunsch tatsächlich fest daran, dass sie noch fruchtbar sind.

Es gibt Hoffnung für ältere Frauen

Puchta verbreitet dennoch Hoffnung. Trotz der verbreiteten Unkenntnis habe es in den vergangenen 20 Jahren eine Verdreifachung der Schwangerschaften bei über 40-Jährigen gegeben - die meisten davon kamen auf natürlichem Wege zustande.

Die Regisseurin Ina Borrmann outete sich in der Runde als Unwissende: Nach einer Phase mit ausgeprägtem Nichtkinderwunsch zwischen 39 und 45 hatte sie vergeblich versucht, Mutter zu werden. Ihren dramatischen Weg zum Wunschkind per Eizellenspende hat sie in dem Film "Alle 28 Tage" dokumentiert. "Es geht nicht darum, dass man total behämmert ist, sondern eher darum, dass man das Thema gerne verschiebt."

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Um so unangemessener empfindet es die sechsfache Mutter und katholische Theologin Michaela Freifrau Heereman von Zuydtwyck, dass die Reproduktions- und Eizellentiefkühl-Industrie die Frauen glauben macht, alles ginge immer und zu jeder Zeit. "Es ist ja beschämend, dass ein reiches Land wie Deutschland den Frauen nicht die Zeit lässt, Mutter zu werden und sein zu können."

Kein Kind, wenn das Einkommen nicht reicht

Tatsächlich spielen oft ganz einfach knappe Finanzen eine Rolle, wenn Paare ihren Kinderwunsch nach hinten datieren. Dokumentarfilmerin Borrmann: "Es geht bei kreativen Freiberuflern wie mir gar nicht um Karriere, aber ganz einfach darum, das Geld für die Miete zu verdienen. Wir leben am Existenszminimum."

Fälle wie diese kennt auch der Medizinethiker Giovanni Maio vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg: "Wir müssen eine Gesellschaftssstruktur schaffen, in der man nicht mit zunehmendem Alter mehr verdient." Schon junge Leute sollten sich Familie leisten können. Denn je weniger ein Paar verdiene, desto weniger wahrscheinlich sei die Familiengründung: "Und Frauen in sozialprekären Situationen sind da klar benachteiligt."

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