"Hart aber fair" über US-Halbzeitwahlen Trump ist verantwortlich - aber wofür?

Die Runde bei "Hart aber fair" zu Donald Trump und den US-midterms.

(Foto: Bild: WDR/Dirk Borm)

Am Abend vor den US-Zwischenwahlen arbeitet sich die Runde bei Frank Plasberg am US-Präsidenten ab. Es geht um die Frage, ob Trump nun vor allem der wirtschaftliche Erfolg zuzurechnen ist. Oder eine Spaltung der Gesellschaft.

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"Die Halbzeitwahlen waren langweilig, wer hatte je von ihnen gehört?", prahlt Donald Trump. "Und jetzt sind sie die heißeste Sache!" Während sich der US-Präsident zum Wahlkampf-Finale in Cleveland selbst lobt, versuchen am Montagabend zeitgleich die Gäste von Frank Plasberg, diese "heißeste Sache" mit dem gebotenen Abstand zu diskutieren. Also weniger demagogisch heiß als nüchtern deutsch.

Der Anlass ist ja nicht nur die Halbzeitwahl am Dienstag, sondern die Verwirrung über den Weg der einstigen Vorbild-Demokratie USA generell. Wobei sich die Bundesbürger zumindest über die Glaubwürdigkeit des amtierenden US-Präsidenten einig sind: Nur zehn Prozent der Deutschen vertrauen Trump einer aktuellen PEW-Umfrage zufolge. Bei "Hart aber fair" bleibt die in Talkshows übliche Parität jedoch gewahrt.

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Als Trump-Kritiker hat Plasbergs Team den deutsch-amerikanischen Fernsehschauspieler Walter Sittler eingeladen, der hofft, dass die "gebildeten Leute bei den Republikanern" spätestens 2020 endlich aufstehen, um Trump abzuwählen. Die im kalifornischen Berkeley lehrende Linguistin Elisabeth Wehling bescheinigt dem US-Präsidenten, "bewandert in der Neuro- und Sprachforschung" zu sein. Was nicht wörtlich und schon gar nicht als Kompliment gemeint ist. Sie hält Trump vor allem für einen gewissenlosen wie gewieften Rhetoriker, der das Wahlvolk manipuliert.

Auf dem Pro-Trump-Ticket ist Ralph Freund angereist, Vizepräsident der "Republicans Overseas Germany", also der US-Republikaner in Deutschland. Der erklärt, dass Trump nicht "sein absoluter Favorit" sei, aber eben oft gute Politik mache. Was ungefähr jener Haltung des republikanischen Parteipersonals auf der anderen Seite des Ozeans entspricht, wo die parteiinterne Opposition der "Never Trumper" längst keine Rolle mehr spielt.

Trumps Verantwortung

Der zweite Trump-Unterstützer ist Georg Pazderski, Vize-Bundessprecher der AfD. Fünf Jahre als Bundeswehr-Stabsoffizier im amerikanischen Streitkräfte-Zentralkommando in Florida qualifizieren den Oberst a. D. als Gast. Der AfD-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus verteidigt erwartungsgemäß den US-Präsidenten und dessen harte Anti-Einwanderungs-Rhetorik: Man könne in den USA eben "eine härtere Sprache als in Deutschland sprechen", sagt er. Und lässt offen, ob er das als Kompliment meint.

Zwischen den Stühlen sitzt Peter Beyer von der CDU. Der Bundestagsabgeordnete ist als Koordinator der Bundesregierung für die transatlantische Zusammenarbeit zuständig. Seine Kritik an Trumps Unilaterismus und Handelspolitik spiegelt die Haltung der Regierung wider - seine Ernüchterung über den politischen Sittenverfall in den USA ist persönlich: "Es scheint so, dass man über den politischen Korridor der Republikaner und Demokraten hinweg nicht mehr die gemeinsame Grundlage hat", bedauert er. Das ist weder Kompliment, noch Kritik, sondern eine realistische Feststellung.

Im Laufe der 75 Minuten geht es um Trumps Verantwortung: für die gute Wirtschaftslage, zum Beispiel. Alles von Obama geerbt, sagen Trumps Gegner. Noch mal zusätzlich von ihm befeuert, betonen seine Befürworter. Die steigenden Rüstungsausgaben der Nato-Länder? Nur auf Druck Trumps zustandegekommen, sagt AfD-Mann Pazderski. Schon 2014 vereinbart, entgegnet CDU-Mann Beyer. Es gebe einen Unterschied zwischen Willensbekundungen und Taten, mischt sich Plasberg ein.

Aber die Verantwortungsdebatte ist eben auch über Trumps Rhetorik und den Hass im Land zu führen. "Feige", nennt Schauspieler Sittler den US-Präsidenten, weil er keine Verantwortung für seine Aussagen übernehme, auch nicht, nachdem ein Anhänger Rohrbomben an politische Gegner verschickte.

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Der Republikaner Freund verteidigt dagegen die Rhetorik des Präsidenten, auch die Diffamierung von Einwanderern aus Mittelamerika als Kriminelle und Terroristen: "Das tut weh, aber er legt den Finger in die Wunde, weil die Themen nicht aufgegriffen wurden." Vielleicht, weil es sich gar nicht um das drängendste Thema handelt? In den vergangenen zwei Jahren hat sich der Anteil von Republikanern verdreifacht, die Einwanderung als wichtigstes politisches Problem nennen. Ist das wirklich Trump, der eine Stimmung aufgreift, oder Trump, der eine Stimmung schürt?

Eine Frage der Wortwahl

Die Verschiebung von Themenschwerpunkten durch "Framing" beschreibt die Sprachwissenschaftlerin Wehling an diesem Abend mehrmals, oft recht ausführlich und wissenschaftlich, aber unter dem Strich das übliche Talkshow-Niveau auf hilfreiche Weise übertreffend. Es sei eben ein Unterschied, ob jemand von "Regulierung" oder "Schutzvorschriften" rede, die er loswerden möchte. Eine Lüge, nur oft genug wiederholt, könne zur gefühlten Wahrheit werden. Und wer, wie Trump, jeden Tag vom drohenden Untergang rede und Angst schüre, erzeuge eben ein entsprechendes Klima.

Zu diesem Zeitpunkt neigt sich die Sendung, in der es erfreulich zivilisiert und relativ faktennah zugeht, ihrem Ende entgegen und die Debatte ist längst wieder in Deutschland angekommen. Natürlich dreht sie sich wieder einmal um die Flüchtlingsfrage und das politische Klima hierzulande.

Auf die rhetorische Dauereskalation der Partei anspielend, fragt Plasberg, ob die AfD gezielt Sprache als Mittel zur Stimmungsmache einsetze. "Sprache ist ein Spiegel der Gesellschaft", antwortet AfD-Mann Pazderski. Die üblichen Trump-Verteidiger im amerikanischen Nachrichtenfernsehen wären begeistert: Wenn die Deutschen schon zu wenig Waren aus den USA kaufen, so haben einige Politiker zumindest den Trick importiert, den Unterschied zwischen Ursache und Wirkung zu verwischen.

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