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"Hart aber fair" zu "Streit um die Sprache":Rote "Zigeuner-Sauce" vor dem U-Bahnhof "Mohrenstraße"

"hart aber fair" - Titel: Streit um die Sprache: Was darf man noch sagen und was besser nicht?

Die Sendung "Hart aber fair" mit dem Thema "Streit um die Sprache: Was darf man noch sagen und was besser nicht?"

(Foto: Oliver Ziebe/WDR)

Frank Plasberg fragt, was man noch sagen darf. Viel, wie sich zeigen wird. Dann verheddert man sich in Ironie und mauen Anekdoten aus dem Kindergarten.

Von Marlene Knobloch

Nach mehr als einer Stunde Superlativen-Schlacht ist sie da: Stille. Endlich wird nichts gesagt in einer Debatte, die darum kreist, was eigentlich noch gesagt werden darf. Frank Plasberg redet nicht dazwischen, die Monitore surren. Ein wunderschönes Innehalten.

Diese Pause ist ein bisschen länger als die neue, gendergerechte Pause von Claus Kleber im Heute-Journal zwischen "Lehrer" und "-innen", und ein bisschen kürzer als die genderungerechte Kunstpause von Christian Lindner, die auf dem letzten FDP-Parteitag einen Abschiedsgruß an seine Generalsekretärin zu einer sexistischen Bemerkung machte. Ungefähr hier oszilliert der Moment zwischen Stefanie Lohaus, Herausgeberin des feministischen Missy Magazine, und der Philosophin Svenja Flaßpöhler an diesem Abend. Eine Stille, die sich zwischen die Wörter "N****könig" und "Gendersternchen" spannt - und diesen Moment zu einem der wenigen ehrlichen des Abends macht.

Ein deutsches Kulturgut

Klar, das Thema "Was darf man noch sagen" ist Twitter-Trendstoff, deshalb lief die Diskussion schon vor der Ausstrahlung auf allen möglichen Kanälen. Die Redaktion von Hart aber fair hielt es schließlich für eine gute Idee, die Sendung mit einer Fotocollage aus einem Glas roter "Z-Sauce" vor dem U-Bahnhof Mohrenstraße anzukündigen. Und auch ansonsten ist die Debatte ja langsam patentiertes deutsches Kulturgut.

Und so hangelte man sich, auch dank der redaktionellen Vorarbeit und der ausgewählten Schwerpunkte, erwartbar grob an diesen Eckpunkten entlang: "N-Wort", "Mohren", "Adolf Hitler", "Anschläge", "Holocaust leugnen", "Z-Schnitzel", "Hakenkreuze", "Totalitarismus", "Morddrohungen", "Umweltsau", "Boykott", "RAF", "AfD", "Nazis". Und irgendwo dazwischen der Sohn eines Bekannten des Schriftstellers Jan Weiler, der im Kindergarten angeblich nicht mehr Sohn, sondern "Kind mit Penis" genannt werden soll. Dazu ein Jahresrückblick der vergangenen Shitstorm-Saison von Dieter Nuhr über beleidigte Großeltern bis Lisa Eckhart.

Konkreter hieß dies: Jürgen von der Lippe, den man eingeladen hat, weil er Jürgen von der Lippe ist, und den am Ende trotzdem alle liebhaben, schafft es in der ersten Minute, Goethe zu zitieren, und sich im direkten Anschluss über die eigene Dreifach-Diskriminierung als alter, weißer Mann zu beschweren.

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler, die als Einzige ein ehrliches Interesse an einer herausfordernden Debatte zu haben scheint, findet, dass "der Pfad des Sagbaren" schmaler geworden sei. Es käme inzwischen nicht mehr "auf die Situation an, in der ein Wort benutzt wird", sondern nur noch darauf, ob der belastete Begriff überhaupt Verwendung findet. Ansonsten zeigt sie aber vor allem Widersprüche zwischen den vielen Positionen auf. Das generische Maskulinum etwa, also Begriffe wie "Lehrer", rufe vor dem geistigen Auge vor allem Bilder von Männern hervor, während andererseits in der DDR das generische Maskulinum durch die Norm der arbeitenden Frau tatsächlich weitgehend geschlechtsneutral gewesen sei. Wirklichkeit, so Flaßpöhler, dominiere also die Sprache, nicht umgekehrt.

Sie ignoriert denn auch den nach vermeintlichen Tabubrüchen spitzenden Moderator Frank Plasberg ("Welches Wort dürfen Sie denn zum Beispiel nicht sagen?"). Als Flaßpöhler meint, wir müssten uns besser gegen Kränkungen "immunisieren", bezichtigt Lohaus sie einer "rechten Rhetorik". Immer, wenn Minderheiten ihre Rechte einforderten, "wird das Ende des Abendlandes ausgerufen".

Jan Weiler wirkt hingegen sehr begeistert von Flaßpöhlers Intellekt, nickt eifrig, weil sie vieles sagt, was er gern auch so sagen können würde, und fasst noch mal selbst zusammen: Nicht die unschuldige Sprache müsse entdiskriminiert, sondern "die Diskriminierten müssen von Diskriminierung befreit werden".

"Ja, das war doch auch ein Spaß."

Leider ist da aber das alte Dilemma von Sprache in einer Talksendung: Es hört kaum einer dem oder der anderen zu. Jeder redet für sich, jeder hat irgendeine Anekdote zum Thema. Wie schlecht und gereizt die Kommunikation im Studio an diesem Abend läuft, zeigt sich, als Plasberg den Theologen und Journalisten Stephan Anpalagan unironisch abmoderiert mit den Worten "Ich finde das wirklich spannend. Sehen Sie es nicht als Zensur." Anpalagan lächelt und bemerkt: "Cancel Culture." Frank Plasberg, nun empört: "Das ist Quatsch!" Anpalagan, nun verwirrt: "Ja, das war doch auch ein Spaß."

Auch ansonsten bleibt die Diskussion leider zu sehr an Reizthemen hängen. Denn Plasberg und die "Hart aber fair"-Redaktion versuchen von Anfang an, Begriffe und Themen in die Sendung zu bringen, an denen sich schon viele Krallen gewetzt haben - um dann an der Oberfläche zu kratzen. Bei der "Cancel Culture" etwa streiten denn selbst Lohaus und Flaßpöhler (die durchweg den meisten Ballbesitz haben) nur darüber, ob es sie nun gibt oder ob es sie nicht gibt.

Damit bleibt: eine zerfledderte Diskussion um die Redefreiheit, beschädigt von etwas zu viel Ironie. Und natürlich dieser kurze Moment der Stille. Man sollte ihn schnell genießen - die nächste Diskussion um das Sagbare wird sicher sehr bald kommen.

© SZ
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