Spahn bei "Hart aber fair":Werden Sie doch bitte Selbstzahler

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Immerhin: Jens Spahn weiß, dass "in Ostdeutschland" morgens um acht Uhr vor einer Augenarztpraxis die Patienten in einer 100 Meter langen Schlange stehen müssen, weil kein anderer Arzt da ist. Wie er das ändern will, auch dazu schweigt er sich aus.

Wie so oft in solchen Sendungen muss ein "echter Mensch" (O-Ton Moderator Frank Plasberg) erklären, wie die Lebensrealität aussieht: Simone Leithe aus Dresden berichtet, wie sich ihre Suche als Kassenpatientin nach einem Kinderarzt gestaltet hat: Sie konnte ihre Kinder nicht zu der vom Amt dringend empfohlenen Vorsorge-Untersuchung bringen, weil alle Ärzte in ihrer Umgebung einen "Aufnahmestopp" verhängt hatten. Bis sie "nach Anrufen in 30 Praxen" auf den Trick kam, zu behaupten, sie wäre neu zu gezogen, dann ging es auf einmal. Funktioniert hätte das auch, wenn sie Privatpatientin wäre. Ist sie aber nicht. "Ich werde nervös, wenn jemand krank wird", sagt nun die Frau, die drei Monate lang darauf warten musste, bis sie den Bescheid bekommen hat, dass eine diagnostizierte Zyste kein Krebs war.

Gesundheitsjournalistin Anette Dowideit berichtet, dass Fachärzte dringenden Kassenpatienten schon mal nahelegen, zum Selbstzahler zu werden - dann bekommen sie Termine plötzlich genauso schnell wie ein Privatpatient: Aus ein bis drei Monaten Wartezeit werden so auf wundersame Weise ein bis drei Tage. Kassenärzte-Vertreter Andreas Gassen findet dennoch, es gebe hierzulande keine Zwei-Klassen-Medizin, sondern nur "Komfortunterschiede".

Nicht nur wie ungerecht, sondern auch wie unangemessen diese Praxis ist, zeigt Internist Lanzendörfer: Kassenpatienten zahlen schließlich in der Regel höhere Beiträge als Privatversicherte. Denn zu ihrem Arbeitnehmeranteil komme ja noch der Arbeitgeberanteil hinzu, der letztlich ihrem Lohn vorenthalten werde.

Warum Privatpatienten auch oft verlieren

Im Gegensatz dazu lockten private Krankenkassen junge gesunde Privatversicherte erst mit sehr niedrigen Beiträgen und zockten sie dann im Alter bei Krankheit mit Höchstsätzen ab. Besser versorgt sind sie auch nicht automatisch. Im Vergleich zu Kassenpatienten müssen sie viele Leistungen selbst bezahlen - oder lange darum kämpfen.

Dabei bekommen Ärzte für jeden Kassenpatienten eine Pauschale von maximal 40 Euro im Quartal, heißt es in der Sendung. Egal wie oft der Patient die Hilfe des Arztes benötigt. Dass das auf Dauer nicht funktionieren kann, sieht ein Blinder mit Krückstock.

Es gäbe hier also mehr als genug zu sagen für Jens Spahn. Doch die Sendung krankt daran, dass hier zwei Themen, die mindestens je eine eigene Sendung wert gewesen wären, immer wieder vermischt werden: das Thema Gesundheitsversorgung aus Sicht der Patienten - und das Thema Entlohnung aus Sicht der Ärzte. Womöglich beschreibt diese Vermischung auch schon das Kernproblem. Das Gesundheitssystem habe eigentlich das hehre Ziel, dem Patienten zu dienen, sagt Gesundheitswissenschaftler Glaeske. Stattdessen würden inzwischen umgekehrt zu viele an Kranken verdienen.

Für Spahn hat eine Zuschauerin noch eine Einladung parat, die in der Sendung verlesen wird. Er soll doch mal in die Rettungsstelle eines Berliner Krankenhauses kommen. Dort könne er "das ganze Dilemma des Gesundheitswesens in wenigen Stunden erleben". Kassenpatienten, die keine Termine bekommen haben. Alte Menschen, die im Seniorenheim oder zu Hause nicht mehr versorgt werden können. Menschen, die auf der Straße leben und krank geworden sind. Psychiatrische Patienten. Alle landen in den Rettungsstellen. Wirkliche "Notfallpatienten" seien die wenigsten. So viel zum Vorurteil, dass Menschen mit Schnupfen die Notaufnahmen verstopfen.

Und dann muss Plasberg natürlich noch nachfragen, was aus der anderen Einladung für Spahn geworden ist, nämlich der, einen Monat lang von Hartz IV zu leben. Eine Hartz-IV-Empfängerin aus Karlsruhe hatte das jüngst per Petition gefordert, unterschrieben von inzwischen mehr als 150 000 Menschen. Die Antwort von Spahn: Er werde sich mit der Frau demnächst treffen. Da werde man sich bestimmt gut unterhalten.

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