"Hart aber fair":Wenn gefühlte Wahrheiten auf Fakten treffen

Lesezeit: 3 min

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Frank Plasberg ließ über Corona debattieren

(Foto: ARD)

Natürlich hätte man sich einen der Ampel-Verhandler gewünscht. Aber die Corona-Diskussion bei Frank Plasberg wird trotzdem interessant. Weil eine Teilnehmerin mit ihren kruden Ansichten alle anderen gegen sich aufbringt.

Von Peter Fahrenholz

Auf den ersten Blick ist man über die Teilnehmerliste ein wenig enttäuscht. Da legen die Ampel-Verhandler in Berlin beim Thema Corona eine rasante Kehrtwende hin. Und dann sitzt bei "Hart aber fair" keiner aus der ersten Reihe der womöglich künftigen Koalitionäre. Es wäre interessant gewesen, dabei zuzusehen, wie sich ein hochrangiger FDP-Vertreter (hochrangige Vertreterinnen hat die FDP ja nicht so viele) unter den hartnäckigen Nachfragen von Moderator Frank Plasberg auf seinem Hochstuhl gewunden hätte.

Die FDP hat ja nicht nur den weitesten Weg in die Ampelkoalition, sondern auch den weitesten Weg, um in Sachen Corona den Ernst der Lage zu erkennen. Wolfgang Kubicki, das freie Radikal der Liberalen, hat das mit einem Spiegel-Interview eben erst wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Aber es kann auch sehr spannend werden, wenn nicht immer die eingeladen werden, die immer eingeladen werden, um das zu sagen, was sie immer sagen. In den meisten Fällen ist es dann so, dass Argumente auf Argumente treffen. Und sich die Teilnehmer nicht nur in der Wolle haben, sondern sich auch mal gegenseitig recht geben. Diesmal ist es anders, da treffen Fakten auf krude Thesen und vermitteln eine Ahnung davon, warum so viel Irrationalität im Spiel ist, wenn es um die Corona-Impfung geht.

Die große Frage, die im Raum steht: Ist die Politik zu feige, eine angesichts der gewaltigen vierte Corona-Welle notwendige Impfpflicht zu beschließen? Der Journalist Georg Mascolo, Leiter des Rechercheverbundes von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung, hält es für einen "groben politischen Fehler", dass jegliche Impfpflicht von Anfang an ausgeschlossen worden sei. Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Stephan Weil ist vorsichtiger. Eine allgemeine Impfpflicht sei "verfassungsrechtlich eine anspruchsvolle Aufgabe", sagt Weil. Er plädiert stattdessen für eine andere Linie: die Möglichkeiten für Ungeimpfte deutlich einzuschränken. "Das läuft in der Tat auf einen Lockdown für Ungeimpfte hinaus." Wolfgang Kubicki wird das jetzt wieder nicht so gerne hören.

Eine große Portion "Heiteitei"

Auch zwei der anderen Gäste, der Immunologe Carsten Watzl und die Tübinger Notärztin Lisa Federle, machen deutlich, dass es in Sachen Corona eher fünf nach zwölf als fünf vor zwölf ist. Die Krise sei da, man könne jetzt nicht monatelang darüber reden, ob man nach rechts oder nach links gehen wolle, sagt Federle. Langsam müsse man sich "mal am Riemen reißen". Watzl weist darauf hin, dass der Anteil der Ungeimpften viel zu hoch sei. "Wenn wir es jetzt nicht schaffen, haben wir im nächsten Winter das gleiche Problem."

Nur eine sieht das ganz anders. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler setzt den unerfreulichen Fakten jede Menge gefühlte Wahrheiten entgegen, gewissermaßen eine große Portion "Heiteitei" für die Impfverweigerer. Sie finde es "falsch und fatal", Ungeimpfte "zu kriminalisieren". Es werde jetzt das politische Versagen auf die Menschen übertragen, die sich nicht impfen lassen wollten und dafür eben ganz unterschiedliche Motive hätten. Manche hätten einfach schlechte Erfahrungen mit anderen Impfungen gemacht. Jaja, ein schlechtes Gefühl kann schon mal der Grund sein, um die Mehrheit "in Angst und Schrecken zu versetzen", wie Weil das nennt.

Die Fehler verortet Flaßpöhler in Politik und Medien. "Die Politik der Bevormundung führt dazu, dass die Leute verlernen, sich vernünftig zu verhalten." Dass es womöglich genau umgekehrt ist, dass nämlich die Politik den Leuten Vorschriften machen muss, weil diese sich nicht vernünftig verhalten, kommt ihr nicht in den Sinn. Auch die Medien würden, wie eine aktuelle Studie gezeigt habe, einseitig über Corona berichten. Und überhaupt sei es in der Gesellschaft verankert, dass sich Menschen nun mal unvernünftig verhielten. Als Beispiele fallen Flaßpöhler Motorradfahren und Rauchen ein.

Alle anderen bringt Flaßpöhler damit offen gegen sich auf, einschließlich des Moderators. Plasberg lässt es sich immer deutlich anmerken, wenn ihm ein Gast auf den Keks geht. Umso provokanter werden dann seine Nachfragen. Das führt zu einem offenen Schlagabtausch zwischen beiden. "Sie versuchen, mich genau in diese Ecke zu schieben", fährt Flaßpöhler den Moderator an und meint damit die Querdenker. "Ich würde Ihnen das niemals unterstellen", gibt der süffisant zurück. Als Plasberg zum Schluss wissen will, ob die Sendung denn eine Diskussion nach ihrem Geschmack gewesen sei, giftet Flaßpöhler zurück: "Ausgewogen kann man das hier nicht nennen." Könnte an ihren Positionen gelegen haben.

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Peter Fahrenholz wünscht sich, dass Talkshows nicht immer dieselben Gäste einladen. Denn politische Diskussionen brauchen spannende Argumente statt altbekannter Standpunkte.

(Foto: x)
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Titel: âÄžNach der Wahl, vor dem Machtpoker: Wird aus dem Sieger auch ein Kanzler?'; "hart aber fair",am Montag, 27. September 2021

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