Nachtkritik zu "Hart aber fair":Die beliebten "Wir müssen"-Sätze

Lesezeit: 3 min

hart aber fair

Ist zurück aus der Sommerpause: Frank Plasberg mit seiner Talkshow "Hart aber fair".

(Foto: Stephan Pick/obs)

In der Fußgängerzone den Puls des deutschen Volkes fühlen. Das war die Idee. Doch am Ende stand bei Plasberg doch wieder nur die klassische Talkshow-Anordnung: Junge Aktivistin trifft auf arrivierte Politiker, die väterlich das Konzept von "einem Schritt nach dem anderen" erklären.

Von Julia Werner

Noch nie hat uns ein Talkshow-Sommerloch so in Atem gehalten: mit Waldbränden und Flutkatastrophen. Außerdem ist jetzt Wahlkampfendspurt, und angesichts dieser Dramatik hat Frank Plasberg seine für die Zuschauerreaktionen zuständige Co-Moderatorin Brigitte Büscher für die nächsten Hart-Aber-Fair-Sendungen auf die Straßen von Bayern, NRW und Sachsen-Anhalt geschickt, um den Puls des deutschen Volks zu fühlen. Sonst macht sie das ja immer digital.

Das erste Thema ist also logischerweise gleich das elementarste, nämlich der Klimaschutz, und schon im Einspieler-Film stellt eine Bürgerin fest, dass "ohne Klima, ohne Umwelt ja nix mehr geht". Ja, alle wollen ihn, den Klimaschutz, genauso wie wohlverdiente Urlaubsreisen. Welche Partei jetzt was dazu im Wahlprogramm stehen hat, darüber wird diese Talkshow aber keine Klarheit schaffen, weil: brenzliges Thema, mit dem man Wähler verschreckt, die Angst um ihre Arbeitsplätze haben (nur die Grünen haben zum Beispiel ein Emissionsbudget definiert).

Erste Meldung von der Front aus Aachen: Eine Mutter möchte ihrem Kind eine lebenswerte Erde hinterlassen. Plasberg fragt die amtierende Umweltministerin Svenja Schulze (SPD), was man dieser Mutter denn dafür abverlangen müsse. Nun, auf gar keinen Fall Verzicht! Das Verschwinden der Telefonzelle habe ja auch etwas Gutes gebracht, nämlich das Handy, sagt die Ministerin. Und auch Markus Blume, Generalsekretär der CSU, will den Menschen natürlich nicht mit Askese kommen, sondern lieber auf Fortschritt, Innovation, Technologie setzen. "Klimaschutz darf doch auch Spaß machen!" findet er, und sich dabei originell, während die Fridays-for-Future-Sprecherin Pauline Brünger streng guckt und antwortet, dass ein Innovationswettbewerb uns jetzt auch nicht mehr retten wird.

Cem Özdemir findet, dass alle Umweltminister tolle Sachen sagen

So hört man an diesem Abend das Übliche: ziemlich viele "Wir brauchen"- und "Wir müssen"-Sätze (Ladesäulen, erneuerbarer Energie-Mix, weil E-Autos sonst auch nichts bringen), unterbrochen von schweren Unehrlichkeitsvorwürfen der Aktivistin, der nichts, aber auch gar nichts, weit genug geht. Das ist ja mittlerweile ein erprobtes Talk-Format: Junge Idealistin trifft auf arrivierte Politiker, die der jungen Dame dann erst mal väterlich das Konzept von Demokratie und einem "Schritt nach dem anderen" erklären.

Diesen Part übernehmen an diesem Abend die Umweltministerin, der Wirtschaftswissenschaftler Michael Hüther ("Warum haben Sie denn dann keine Partei gegründet und sich zur Wahl gestellt?") und auch ein bisschen Cem Özdemir ("Ich bin stolz auf so eine Jugend"). Dabei wissen alle, dass die Fridays-for-Future-Aktivistin recht hat: dass niemand den Mut hat, den Wählern zu sagen, wie einschneidend die gesellschaftliche Transformation wirklich sein müsste, um die selbstauferlegten Klimaziele einzuhalten. Es geht also um Pendlerpauschalen, Klimageld, Tempolimit, die Vereinbarkeit von Schuldenbremse und Klimaschutzinvestitionen, den CO2-Preis und die sozialen Folgen für Menschen, die beruflich auf ihr Auto angewiesen sind (für Frau Gattermann aus Aachen würde der Lohn nicht mehr reichen). Die Lage ist verzwickt. Und scheint umso aussichtsloser, je öfter Plasberg in die wahre Welt schaltet: In Aachen redet jemand von den Chinesen, die die Erde ausbeuten und sich die Taschen vollmachen, und in Neuburg philosophiert ein Weitgereister über die Aussichtslosigkeit unserer Anstrengungen, und zwar so: "Also in Thailand, was die da an Plastik ins Meer schmeißen, da müssen wir nicht so einen Aufstand machen."

Am Ende werden aber auch an diesem Abend in Deutschland, einem Plastikverbrauchsweltmeisterland, natürlich ein paar Wahrheiten ausgesprochen: Hüther benennt ein klimaneutrales Deutschland weltweit gesehen als emissionstechnisch irrelevant, aber als Vorbild für andere unverzichtbar. Der Grüne Cem Özdemir findet, dass alle Umweltminister tolle Sachen sagen, aber immer von Landwirtschafts- und Wirtschaftsministern ausgebremst werden, weswegen in der nächsten Regierung doch jedes Ministerium die Überschrift Klimaschutz haben solle. Und der CSU-Generalsekretär Blume nennt den Grünen-Vorschlag, eine Millionen Lastenfahrräder staatlich mit 1000 Euro zu subventionieren, ein "nettes Programm für die grüne Bohème in den Großstädten", das der pendelnden Krankenschwester ja nun wirklich gar nichts bringe. Leuten, die völlig emissionsfrei am liebsten zu Fuß auf freien Bürgersteigen gehen, übrigens auch nicht.

Nachtkritik zu "Hart aber fair": Julia Werner, die auch die Stilkolumne "Ladies and Gentlemen" in der SZ schreibt, schafft es gerade so, sich beim Talkshow-Gucken nicht von hässlichen Politikersocken ablenken zu lassen.

Julia Werner, die auch die Stilkolumne "Ladies and Gentlemen" in der SZ schreibt, schafft es gerade so, sich beim Talkshow-Gucken nicht von hässlichen Politikersocken ablenken zu lassen.

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