bedeckt München 23°
vgwortpixel

Harald Schmidt als Opernführer:Rausch der Gleichzeitigkeit

Diesmal ohne Playmobilfiguren: Harald Schmidt gibt für den SWR bei der "Don-Giovanni"-Inszenierung in Stuttgart den leibhaftigen Opernführer. Dabei kommt eine lauer Sommerabend mit Elvis-Einlage und eine steile These heraus: "Don Giovanni ist der Dominique Strauss-Kahn der Musikgeschichte."

Harald Schmidt kann vieles gut, eine seiner schönsten Begabungen aber ist es, Bühnenhandlungen in drei Sätzen zusammenzufassen. Das weiß jeder, der sich noch an seinen "Rigoletto" in fünf Minuten erinnern kann, den er in seinen besten Tagen bei Sat 1 mit Playmobil-Figuren nachstellte. Da kam der Witz aus der Position beim "Unterschichten-Fernsehen" (Harald Schmidt), das kurz mal nach oben schielte zur Hochkultur.

Public Viewing der Oper Don Giovanni

Harald Schmidt vor der Stuttgarter Staatsoper, wo er die Handlung in einfachen Worten erklärt: Don Giovanni "ist der Dominique Strauss-Kahn der Musikgeschichte"; bei ihm lernt Donna Anna, "dass es mehr geben kann als Kuscheln und Gespräche".

(Foto: dpa)

2006 machte sich das öffentlich-rechtliche Kulturfernsehen das zunutze und engagierte Schmidt für eine ARD-Übertragung von "Figaros Hochzeit" aus Salzburg, wo das Teuerste vom Teuren der Hochkultur auftrat, die Sängerin Anna Netrebko. Auch das war ganz schön, nur dass Schmidt im Smoking eine Spur zu arrogant rüberkam und fast Teil eines Klassensystems zu sein schien, das sich mit kostspieligen Premierenkarten feinkennerisch amüsiert, wenn sich Dienstboten einen tollen Tag mit Mozartarien machen. "Diesmal keine Playmobilfiguren!", waren die absehbaren Kommentare, und leider war auch die Inszenierung nicht richtig gut.

Der langwierig vorangekündigte "Don Giovanni" aus der Stuttgarter Staatsoper war Gott sei Dank wieder etwas Anderes. Ja, Harald Schmidt, im Hauptberuf inzwischen vom Privatfernsehen ins Pay-TV abgewandert, konnte auch hier vorbereitend und einleitend den Opernführer für die Ahnungslosen geben: Don Giovanni "ist der Dominique Strauss-Kahn der Musikgeschichte"; bei ihm lernt Donna Anna, "dass es mehr geben kann als Kuscheln und Gespräche"; Zerlina "ist eine junge moderne Frau, die bereit ist, durch Kopulation den sozialen Aufstieg zu befördern." Dann bringt Don Giovanni Donna Annas Vater um und lädt hinterher die Leiche zum Abendessen ein. "Das ist der Fehler."

Das Setting, das sich der übertragende SWR, Arte und 3sat zusammen mit der fabelhaften Stuttgarter Oper ausgedacht haben, war aber in Wirklichkeit viel anspruchsvoller. Da wurde nicht nur eine Premiere abgefilmt und mit einem leibhaftigen Opernführer begleitet wie in Salzburg. Gleichzeitig lief ein Public Viewing draußen am See vor dem Opernhaus. Während auf 3sat das Bühnengeschehen frontal und herkömmlich zu sehen war, lief auf SWR Harald Schmidt mit einer Reportagekamera durch das Opernhaus, unterbrach die Übertragung zwischen den Höhepunkten für Gespräche hinter der Bühne, auf den Fluren, ja draußen im Foyer, später bei den in der Sommernacht Lauschenden.

Das Bühnengeschehen wurde dabei zu dem melodiösen fernen Gebrumm, das für jeden Theatermenschen der berauschendste Klang der Welt ist: Das riesige Spielwerk Oper, das Kraftwerk der Gefühle ist im Gang, es stampft und arbeitet, und wir sind mitten im Maschinenraum, jeder dreht an seinem Rad, macht die ihm zugeteilte große oder kleine Bewegung, damit über viele Stunden das Wunder gelingt: das Wunder des Zusammenspiels von Darstellung, Gesang und Orchesterbegleitung in einer hochdramatischen Aktion.

Gut 200 Personen sind vom Orchestergraben bis zur Beleuchtung oben an so einem mehrstündigen Abend Sekunde für Sekunde gemeinsam tätig. Was Hochkulturfremde vielleicht nicht ahnen: Die menschliche Zivilisation produziert wohl an keinem zweiten Ort ein solches Höchstmaß von aktuellen Gemeinschaftsgefühlen, wie sie während einer großen Opernaufführung bei den Mitwirkenden entstehen.