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Doku über Hannelore Kohl:Die brave, bravouröse Kanzlergattin

Hannelore Kohl Die erste Frau Doku ARD

Er herrschte, sie brachte das richtige Bild unter die Leute: Hannelore Kohl mit Helmut Kohl im Garten.

(Foto: Helmut R. Schulze/NDR)

Warum spielte Hannelore Kohl die Rolle der Frau im Schatten so tapfer und mit solcher Disziplin? Ein Film versucht, das zu ergründen.

Ihr Weg war der "der Wegbegleitung"; so hat sie das selber einmal formuliert. Hannelore Kohl hat den Weg ihres Mannes nach oben, nach ganz oben und wieder nach unten begleitet: Sie war 27 Jahre alt, als sie Helmut Kohl 1960 geheiratet hat. Sie war 36 Jahre alt, als Helmut Kohl Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und 43, als er Oppositionsführer im Bundestag wurde; sie war 49 Jahre alt, als er zum Bundeskanzler gewählt und 57, als er Kanzler der deutschen Einheit wurde; sie war 65, als er nach 16 Jahren Kanzlerschaft die Bundestagswahl gegen Gerhard Schröder mit dem schlechtesten Ergebnis für die CDU nach 1949 verlor und ein Altkanzler wurde; sie hoffte dann, mit ihm noch gute Jahre verbringen zu können. Sie war 68, als sie sich 2001, eineinhalb Jahre nach Beginn der Kohl-Spendenaffäre, zu Hause in Oggersheim mit einer Überdosis Tabletten das Leben nahm. Dort starb, 16 Jahre später, auch Helmut Kohl, betreut und begleitet von seiner zweiten Ehefrau Maike Kohl-Richter.

Das sind die Rahmendaten eines Lebens, das nicht einfach nur brav war, sondern bravourös: Hannelore Kohl, geborene Renner, war bravourös in der Selbstrücknahme, die manchmal bis an die Grenze der Selbstverleugnung ging. Sie hat es ihrem Ehemann ermöglicht, Kanzler zu werden und ganz lange Kanzler zu bleiben, weil, ja, weil sie die Rolle der Frau im Schatten tapfer und mit fast befremdlich duldsamer Disziplin und Leidenschaft gespielt hat. Sie war keine emanzipierte Frau, aber sie war sehr souverän in ihrer Nichtemanzipation. Davon handelt der Film, der am 1. Mai in der ARD gezeigt wird. Der Titel heißt schillernd mehrdeutig Die erste Frau.

Die Urlaubsinszenierungen am Wolfgangsee gingen ihr gegen den Strich, aber sie machte mit

Die Kaiser im alten Rom haben das Bild, das sich die Welt von ihnen machen sollte, selber geprägt: Auf den Münzen, die sie schlagen ließen, sehen sie daher so aus, wie sie aussehen wollten - stark und machtvoll. Die Münzbilder waren Propaganda. Sie brachten die richtige Botschaft unters Volk: den ewig jungen Herrscher. So etwas Ähnliches schaffte auch Hannelore Kohl; sie prägte das Bild von ihrem Mann, das der für seine Wählerschaft brauchen konnte und haben wollte: Der Politiker, der nicht nur ein leidenschaftlicher Politiker ist, sondern auch der engagierte Familienvater, der er in Wahrheit absolut nicht war.

Hannelore Kohl war die Frau, die dem Politiker Helmut Kohl das Familienleben organisierte; sie war zunächst die mehr oder weniger alleinerziehende Mutter der gemeinsamen Kinder Walter und Peter; sie war die Frau, die die Fassade malte, vor der Helmut Kohl politisch agierte; sie malte das Bild der glücklichen Familie, in der sich Helmut Kohl präsentieren konnte wie der Osterhase im Nest. Die alljährlichen Urlaubsinszenierungen am Wolfgangsee gingen ihr gegen den Strich, aber sie zeigte es nicht; sie machte das mit.

Warum hat sie das mit sich machen lassen? Warum hat sie das getan? Der Film von Stefan Aust und Daniel Bäumler, den der Ufa-Chef Nico Hofmann produzierte, ist keine Psychoanalyse. Aber man kann sich nach diesen eineinhalb Filmstunden mit heute oft sehr fremden Bildern aus der Zeit der alten Bundesrepublik einen Reim auf diese Fragen machen: Da ist das Mädchen Hannelore, genannt Püppi, aus Leipzig, dort mit ihrem Nazi-Vater in gesicherten, großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen; aus Püppi wird am Ende des Kriegs ein Flüchtlingsmädchen, dem als Zwölfjähriger von russischen Soldaten "Gewalt angetan" wurde, wie es in Film diskret heißt. Es folgt der soziale Absturz in der neuen Heimat, die ihr keine Heimat ist; die Familie haust bei Verwandten im rheinland-pfälzischen Mutterstadt in der Waschküche. Die junge Hannelore sucht neue Sicherheit und findet sie bei Helmut Kohl, seiner unglaublichen Selbstsicherheit und seiner märchenhaften Karriere.

Das Märchen hieß: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Da, wo im Märchen das Märchen mit dem Gewinn des Königreichs endet, ging es bei Kohl erst richtig los - weil er mehr konnte als der Held des Märchens, dem nie einer hilft, der alles alleine schaffen musste. Helmut Kohl stammte aus kleinen Verhältnissen; aber die Gescheiten, die Wohlhabenden, die Arrivierten - er stach sie nicht nur aus, er zog sie in seinen Bann. Sie mochten ihn und sie fürchteten ihn. Kohl hatte nämlich ein entwaffnendes Talent, stärker als Gelehrsamkeit, weltläufiges Auftreten und geschliffene Rede: Er konnte für sich begeistern und er hatte damit Erfolg.

Er hatte aber auch die furchtbare Gabe, seine Freunde zu opfern, wenn sie sich seinem Zugriff entzogen, wenn sie ihm nicht mehr bedingungslos folgten. Es gab für Kohl nur Gut und Böse, Freund oder Feind, und wer sich von ihm lossagte, war und blieb ein "Verräter" und "Verbrecher".

Hannelore Kohl folgte ihrem Helmut unerschütterlich auf seinem Weg durch seine binäre Welt. Sie wollte sich die mit ihm gewonnene Sicherheit nicht mehr nehmen lassen, nicht von den Gerüchten über Affären ihres Mannes; nicht von den Tuscheleien über sein Verhältnis zu seiner Büroleiterin Juliane Weber, mit der er in Bonn von 1976 bis 1982 in einer Art WG zusammenlebte; nicht von den Schmähungen, die Kohl und seine Familie ertragen müssen; nicht vom RAF-Terror, dessentwegen das Familienhaus in Oggersheim zu einer Festung ausgebaut wurde. Heftig erschüttert wird die Sicherheit der Hannelore Kohl erst, als nach dem Ende der Kanzlerschaft Kohls versucht wurde, sie in die Spendenaffäre ihres Mannes hineinzuziehen und der von ihr gegründeten Stiftung zu Unrecht etwas anzuhängen.

Der Film ist verschwiegen, er sucht nicht die Sensation, er ist kein Schlüssellochgucker. Er dokumentiert anschaulich und einfühlsam, er lässt die Kohl-Söhne reden und einige der Politiker, die Kohl einige Zeit nahe waren, Kurt Biedenkopf und Bernhard Vogel beispielsweise. Interessant ist, wer in dem Film nicht zu Wort kommt, wohl nicht zu Wort kommen wollte, weil Kohl sie zu seinen Feinden erklärt hatte: Merkel nicht, Schäuble nicht, Geißler nicht, Blüm nicht - obwohl die Anfänge des Films bis ins Jahr 2011 zurückgehen.

"Ich verbrenne von innen" - dieser Satz von ihr sagt viel über ihre Seele aus

Es ist ein Film über Hannelore Kohl; aber es gibt auffallend lange, zu lange Passagen, die nur von Kohls Politik handeln und von ihrer Person ganz abgehängt sind: der Machtkampf zwischen Strauß und Kohl; Reagan; Gorbatschow, die Einheit. Die Bilder davon sind spannend, aber wie hineingeschnitten, sie haben keinen Bezug zu ihr; da steht sie auch im Film im Schatten. Wo ist sie da? Wie geht es ihr? Welche Grundhaltung hatte sie? Hatte sie eine?

Sohn Peter ist sich sicher: Wenn seine Mutter mit einem Karrierepolitiker aus der SPD verheiratet gewesen wäre, hätte sie wohl auch deren Parteiprogramm vertreten: "Also, sie ist nicht auf die Welt gekommen, um CDU-Mitglied zu sein. Das war die Partei ihres Mannes, das war unsere Lebensgrundlage. Das war die Firma, bei der er war."

Von einer Frau wie Rita Süssmuth, die vier Jahre später geboren ist, war Hannelore Kohl weit entfernt. Süssmuth hat der CDU den Feminismus beigebracht; wahrscheinlich hätte es ohne sie nie eine Kanzlerin Angela Merkel gegeben. Aber ohne Kohl hätte es nie eine Politikerin Süssmuth gegeben. Er hat sie (auf Rat des damaligen CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler) 1985 zur Bundesministerin gemacht - auch wenn sie ihm und den sonstigen Patriarchen der Union dann schnell auf den Geist ging. Patriarchen, so sagt Alice Schwarzer im Film, müssen Frauen wie Hannelore Kohl an ihrer Seite haben, "die relative Wesen sind".

Ein relatives Wesen? Hannelore Kohl war ein Kind, eine Frau der Nachkriegszeit. Ihr Satz "Ich verbrenne von innen", den der Film zitiert, sagt viel über ihre Seele aus. Sie war äußerst diszipliniert, sie wollte die Rolle, die sie spielte, die der Mutter und der Begleiterin ihres Mannes, möglichst perfekt spielen. Es war zu viel für sie, dass das ihren Mann zuletzt, ohne seinen politischen Erfolg, nicht mehr interessierte. Durch die Verleumdung ihrer Stiftungsarbeit im Zuge der Spendenaffäre habe man ihr das Gesicht genommen, erklärt ihr jüngerer Sohn. Die Lichtallergie, die sie überfiel, war, so meint eine Freundin, Ausdruck für das dringende Bedürfnis, sich aus dem Licht der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Von den Schmerzen konnte sie sich nur selbst erlösen. Die Wegbegleitung war zu Ende.

Hannelore Kohl - Die erste Frau, Das Erste, Freitag, 18.30 Uhr und in der ARD-Mediathek bis zum 30.05.2020 abrufbar.

© SZ vom 30.04.2020/khil
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