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"Hannas Entscheidung" in der ARD:Wenn der Krieg heimkehrt

Disparate Erzählinteressen: Das Nachkriegsdrama "Hannas Entscheidung" verzettelt sich zu sehr im handelsüblichen Suspense wie Totschlag, Erpressung, Eifersucht und Rache. Das wogende Allzweck-Vollweib Christine Neubauer kommt bei seiner Darstellung eines typischen Frauenschicksals dieser Jahre hingegen zu kurz. Was an dem Film trotzdem lohnt, ist die schroffe Studie eines vom Krieg zerstörten Mannes, der keinen Frieden findet.

"Kuchen ..." - der Mann bestaunt den Guglhupf so, als habe er nur wieder eine Hunger-Halluzination. Allein, wie sich Edgar Selge in seiner ersten Szene der Magie des bloßen Wortes hingibt, dessen Klang in den sibirischen Wintern verweht war - darin liegt schon das ganze Trauma der Kriegsgefangenschaft - und die Kunst des Schauspielers, Ungesagtes herbeizurufen, die Phantasie des Zuschauers zu öffnen.

Hannas Entscheidung

Hanna (Christine Neubauer) versucht mit ihrem durch den Krieg traumatisierten Mann Karl (Edgar Selge) wieder in ein normales Leben zurückzufinden.

(Foto: ARD Degeto/Toni Muhr)

Hannas Entscheidung von Friedemann Fromm lässt Edgar Selge diesen Raum, und man ist dafür umso dankbarer, als der Film - trotz seines Titels - unentschieden wirkt. Er wurde mit zu vielen Motiven überfrachtet, die sich im Fortgang der Handlung nicht entfalten. Edgar Selge spielt mit großer Radikalität den Spätheimkehrer Karl, der erst 1952 in sein bayerisches Heimatdorf, zurückkehrt. Sein kaputtes Bein, der gelähmte Arm - das sei seine Fahrkarte nach Hause gewesen, sagt er. Mehr als an den körperlichen Beschädigungen trägt er an den psychischen. Er sei so ganz anders, sagt Hanna, die den Familienbetrieb über Kriegs- und Nachkriegsjahre gerettet hat. Jetzt soll sie sich wieder mit der Rolle als Frau und Mutter begnügen.

Doch das Familienglück wird nicht zurückkehren wird. Karl will die Tischlerei trotz seiner Behinderung ohne Hannas Hilfe weiterführen. Die neue Unabhängigkeit seiner Frau empfindet er als Bedrohung. Er fühlt sich entmannt, nicht nur, weil im Ehebett nichts mehr geht. Als Hanna sich zur Gesellenprüfung anmeldet, rutscht ihm zum ersten Mal die Hand aus. Die Darstellung eines durchaus typischen Frauenschicksals jener Jahre durch das wogende Allzweck-Vollweib Christine Neubauer gerät jedoch in den Hintergrund über die disparaten Erzählinteressen und Genre-Erwartungen, in denen Hannas Entscheidung sich verzettelt.

Die leise Eindringlichkeit kammerspielartiger Szenen wird konterkariert durch eine Räuberpistole um einen allmächtigen Bürgermeister (August Schmölzer), der natürlich ein übler Alt-Nazi ist. Das sind ausgestanzte Provinz-Klischees, die mit Totschlag, Erpressung und einem grausigen Leichenfund das Anliegen des Films an die handelsübliche Suspense verraten.

Auch eine Eifersuchts- und Rachegeschichte wird so gewaltsam in die 90 Minuten gepresst, dass es für die beiden Großmimen vom Wiener Burgtheater - Elisabeth Orth als Großmutter und Branko Samarovski als alter Tischlergeselle und treue Seele - nicht viel zu spielen gibt. So gleicht der Film dem Bollerwagen, mit dem die Familie einmal loszieht zum Sonntagsausflug. Statt seinem Hauptimpuls zu folgen, packt er immer mehr Stoff dazu.

Die Offenheit, an der es dem Drehbuch fehlt, schafft hier allein Edgar Selge. Was an Hannas Entscheidung lohnt, ist seine schroffe Studie eines zerstörten Mannes, der keinen Frieden finden kann und den Krieg mit nach Hause bringt.

Hannas Entscheidung, ARD, 9. März, 20:15 Uhr.

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