Süddeutsche Zeitung

Comedy bei Netflix:Trauma ist leider gerade aus

Die Australierin Hannah Gadsby wurde bekannt mit einer Show voller aufrichtigem Schmerz über die Geschlechterverhältnisse. Auch im Nachfolger "Douglas" kann man darüber trotzdem sehr gut lachen.

Von Meredith Haaf

Die Kunst der Stand-up-Comedians, so hat es Hannah Gadsby in ihrer letzten Show "Nanette" erklärt, sei es, Spannung im Publikum zu erzeugen, und sie dann mit einem Witz aufzulösen. Als Comedian sorge sie erst dafür, dass sich das Publikum unwohl fühlt - etwa indem sie davon erzählt, wie sie von einem Typen als Schwuchtel beschimpft wird - und verschaffe dann allgemeine Erleichterung, indem sie einen Witz über die Situation macht - der Typ hat sich entschuldigt, als er merkte, dass sie eine Frau ist. Der hohe persönliche Preis dieser Kunst, wenn man als Hauptmaterial zur Spannungslösung die eigene Marginalisierung und Stigmatisierung gebraucht (in Gadsbys Fall als lesbische, burschikose, arme Frau in einer homophoben Gesellschaft), war ein Thema von "Nanette".

Das andere Thema war das Ausmaß von Gewalt, das Frauen durch Männer widerfährt. Das Spektakuläre war, dass man dabei dauernd lachen musste. Bei Netflix wurde die Show vom australischen Phänomen zum Welterfolg. Und obwohl Gadsby in Nanette angekündigt hatte, mit Comedy aufhören zu wollen, ist sie nun wieder zurück mit einer Show, die sie nach ihrem Hund Douglas benannt hat (von welchem gynäkologischen Irrsinnsbegriff der Hund seinen Namen hat, wird hier nicht verraten.)

Mit Spannungsarbeit geht es los: Wer gekommen sei, um sich mehr Trauma-Comedy anzuhören, erklärt Gadsby, den müsse sie enttäuschen - Trauma sei leider gerade aus. Dafür steht eine Skulptur ihres Hundes Douglas auf der Bühne, gefertigt aus Wachsmalkreiden, die sie definitiv nicht brauche: Jetzt, wo sie es in Amerika geschafft habe, sei sie auch "Teil des Problems". Gadsby macht immer noch Witze über sich, aber nun eben aus einer Position der Stärke. Die Mischung aus feministischer Schärfe und Genitalwitzen, akademikerfreundlichem Humor und aufrichtigem Schmerz über die Geschlechterverhältnisse ist immer noch der besondere Stoff, aus dem ihre Performance gemacht ist. Doch geht es in "Douglas" weniger explizit um Gadsby und mehr um die Welt, in der sie lebt. Zwischendurch flicht sie zwar Persönliches ein: Vor einigen Jahren habe sie endlich die Diagnose Autismus enthalten. Doch wie eine gute Essayistin nutzt sie das, um zu allgemeineren Aussagen zu kommen, in dem Fall zu einer Tirade gegen die Impfgegner: "Selbst wenn Impfungen Autismus auslösen, lasst es euch von einer gesagt sein, die Autismus kennt: Ich bin Teamplayerin, ich nehm's gern auf mich!"

Ihr Thema bleiben die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern, die absurde Selbstverständlichkeit, mit der "Männer alles benannt haben, was es gibt". Männer redeten jedes Mal, wenn eine Frau etwas Unbegreifliches tue, von ihren Hormonen: "So als hätten sie selbst keine. Und ja, ich gebe zu, dass ich mal bei Vollmond Schokolade knabbere. Aber ich hatte noch nie das Bedürfnis, eine Tür einzutreten." Männer, die Familie hätten und Golf spielen gingen, seien "Fotzen", die sich nicht um ihre Kinder kümmerten, ruft sie - um sofort das frauenfeindliche Schimpfwort zu dekonstruieren: "Ich beziehe das nicht auf meine Genitalien." Es ist eine Freude, wie diese sensible, intelligente und sehr lustige Unterhalterin sich selbst treu bleibt und zugleich auf ganz neue Art fantastisch ist.

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SZ vom 02.06.2020/khil
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