Hamburg-Tatort "Die Ballade von Cenk und Valerie" In Trümmern

Brennen soll der "Tatort": Die letzte Folge mit Kommissar Cenk Batu in Hamburg ist dramatisch und gänzlich gegen den Massengeschmack konzipiert. Realitätsnähe oder lineares Erzählen sind dabei Nebensache. Am Ende sind fast alle tot. Und die nicht tot sind, sind wieder allein.

Von Holger Gertz

Ziemlich am Anfang badet Cenk Batu mit einer schönen Frau im Meer. Der Undercover-Ermittler hat Urlaub, vor allem hat er inzwischen was zu verlieren. Es scheint etwas Ernsteres zu sein mit dieser Frau. Sie ist sogar bereit, darüber hinwegzusehen, dass Batu ein Sesamstraßen-T-Shirt trägt, am Strand von Lanzarote. Da klingelt sein Handy, ein neuer Auftrag. Sie werden ihn bei den Börsendealern einschleusen, er soll sich bereithalten. Er schaut die Frau an. Die Frau schaut ihn an. Sie ahnen, was kommt. Sie wissen gar nichts.

Mehmet Kurtulus als Cenk Batu im NDR-Tatort "Die Ballade von Cenk und Valerie". Vor vier Jahren feierte Kurtulus als erster türkischstämmiger "Tatort"-Ermittler seinen Einstand - nach sechs Folgen nun das blutige Finale.

(Foto: dapd)

Dies ist der letzte Tatort mit Mehmet Kurtulus als Batu. Für diejenigen, die sich wünschen, dass das Fernsehen was wagt, war der Hamburger Cop lange die letzte Hoffnung. Er hatte Fans, aber noch mehr Kritiker: Die Masse will am Sonntag etwas Leichtes zum Mitraten, die Masse will den Odenthal-Tatort, der in Wahrheit ein Adenauer-Krimi ist - nur keine Experimente. Beim NDR haben sie sich, anlässlich des Abschieds von Batu, gegen den Massengeschmack entschieden und beschlossen: Brennen soll der Tatort. Regisseur und Autor Matthias Glasner verabschiedet sich von Prinzipien wie der heiligen Realitätsnähe, er widersteht dem Zwang des linearen Erzählens. Er spult vor, spult zurück, Gedanken fliegen wie Bilderfetzen vorbei, Biographien werden in drei Worten skizziert, Charaktere sind bis zur Kenntlichkeit entstellt.

Der Bundeskanzler soll gekillt werden, die Kurse werden deshalb fallen. Wer das vorher weiß, macht die Milliarden. Eine Auftragskillerin, Valerie, soll den Kanzler erledigen, aber sie ist zu krank für diesen letzten Job, Lungenkrebs. Sie spuckt schon Blut. Stattdessen bringt sie Cenk Batus Freundin in ihre Gewalt und befiehlt dem Ermittler, den Kanzler zu töten. Macht er es nicht, stirbt seine Freundin. Das ist die Geschichte: In der Gewalt eines anderen sein und dem anderen nur entkommen, wenn man selbst Gewalt anwendet. Dem Bösen nur standhalten können, indem man selbst böse wird. Eine griechische Tragödie.

Grandios als kranke, autistische, vereiste Killerin: Corinna Harfouch. Sensibel und kinderäugig ist ihr Sohn (Jonas Nay aus Homevideo). Sie wird ihn umbringen, den Sohn. Und nur für einen Moment wird es sich anhören, als weine sie.

Der Countdown tickt runter. Cenk will seine Freundin zurück. Die Trader wollen ans Geld. Valerie will den Kanzler sterben sehen, es soll alles live im Fernsehen kommen, das ist Teil des Deals. Sie will ihre Macht spüren, und sie hat nicht mehr viel Zeit. Valerie sitzt auf der Straße und schaut in die Auslagen eines Geschäfts, da steht auch ein Großbildschirm. Dann stirbt sie.

Am Anfang sind fast alle allein. Am Ende sind fast alle tot. Und die nicht tot sind, sind wieder allein. Ein großartiger Tatort.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.