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Guttenberg-Rücktritt: Presseschau:"Guttenberg schneller als Gaddafi"

Wie die "Bild" ihren Verlust verarbeitet, die "taz" spöttisch nachtritt und die "Berliner Zeitung" Guttenbergs Rücktrittsrede mit Fußnoten zerpflückt: Die Reaktionen der Presse zum Rücktritt Guttenbergs.

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Auch am Tag danach: Ein Riss geht durch die Republik. Nicht nur innerhalb der Bevölkerung, auch innerhalb der Presse. Auf der einen Seite die Guttenberg-Versteher und -Verteidiger, Apologeten, die seit dem gestrigen Rücktritt des Verteidigungsministers Zeter und Mordio schreien oder versuchen, ihr Unglück zu relativieren, indem sie auf ein Comeback Guttenbergs hoffen. Auf der anderen Seite die, für die Guttenbergs Rücktritt viel zu spät kam, die noch in der Art und Weise des Rücktritts Hybris und schlechten Stil ausmachen. Ein Überblick:

Die Bild-Zeitung, in den vergangenen Wochen Kämpfer an Guttenbergs Seite, verarbeitet ihre Niederlage mit einer überwiegend schwarz gehaltenen Seite eins, die komplett Guttenberg gewidmet ist: "Der Rücktritt". Selbst das Seite-1-Mädchen musste weichen. Stattdessen: Guttenberg blickt einen traurig, fast verzweifelt an, darüber in Lettern, die selbst für das Boulevardblatt sehr groß sind: "Der Rücktritt!" daneben drei Zitate aus der Erklärung des Verteidigungsministers.

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Auf Seite 2 grämt sich dann Chefredakteur Kai Diekmann in seinem Kommentar: "Nein, nicht die Kanzlerin hat Guttenberg verlassen, ganz im Gegenteil. Es waren die Kleinmütigen, das parteipolitische Mittelmaß, die Neider. (...) Das graue Mittelmaß an den Hebeln der Macht sah das anders, fühlte sich vom Erfolg des Ausnahme-Politikers bedroht. (...) Verloren haben alle. Karl-Theodor zu Guttenberg erst mal seinen guten Ruf und sein Amt. Und Deutschland eines seiner größten politischen Talente."

Und Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner assistiert ihm: "Wem ist geholfen, wenn Sie sich in die fränkischen Wälder zurückziehen und auf einer Tanne als Eule im Dunkeln sitzen? Sie sind ein Lichtmensch, keine Eule. Natürlich gestatte ich Ihnen, unglücklich zu sein. Sie schliefen schlecht, Sie wühlten sich aus Ihrem Bett, Sie guckten in die Nacht, Sie wechselten Ihr nassgeschwitztes T-Shirt. Sie fühlten, dass das Glück Sie verlässt. Ich war nicht dabei, ich weiß es nicht, wie die Nacht war, in der Sie sich entschieden aufzugeben. (...) Was bedeutet Ihr Rücktritt? Rücktritt vom Licht, vom Geliebtsein, vom Königssohn Deutschlands. Welche Gefühle durchlebt Karl-Theodor zu Guttenberg? Es sind Scheiß-Gefühle, ich wünsche Sie keinem."

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Schadenfreude hingegen bei der linksstehenden taz: Über dem Bild eines lachend laufenden, dynamisch wirkenden Guttenberg titeln die Berliner: "Guttenberg schneller als Gaddafi." Mit seinem letzten Auftritt, dem Rücktritt, verrate er sich als hochmütiger Märtyrer. Und Chefredakteurin Ines Pohl denkt schon gar nicht mehr über Guttenberg, sondern über seine ehemalige Chefin nach. Unter der Überschrift: "Merkel ist als Machtpolitikerin gescheitert", schreibt sie: "Kanzlerin Merkel hat sich nicht nur in der für sie so wichtigen Bildungselite für immer blamiert. Sie hat nicht weniger als die moralische Verortung, den Boden des konservativen Wertekonsenses, verlassen. Damit schadet die Kanzlerin nicht nur sich selbst. Letztlich wurde die gesamte CDU in den vergangenen drei Wochen in ihren Grundfesten erschüttert. Auch das Bild von der vermeintlich integren Kanzlerin (...) ist spätestens seit gestern endgültig Geschichte."

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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung blickt in die Zukunft und sieht die Union personell am Ende ihrer Vorräte: "Jeder ist ersetzbar. Wenn das tatsächlich so wäre, dann hätten Seehofer für die koalitionspolitisch zuständige CSU und Frau Merkel als die verfassungsrechtlich vorschlagsberechtigte Bundeskanzlerin schon eine Stunde nach der Rücktrittserklärung Guttenbergs den Nachfolger oder die Nachfolgerin im Amt des Verteidigungsministers vorstellen können", schreibt Politikredakteur Georg Paul Hefty. Er sorgt sich jetzt sogar um die Anziehungskraft der Demokratie: "Wer steht noch im Ruf, ein Vordenker zu sein, einer, der eine Vorstellung von der künftigen Gesellschaft und dem dazupassenden Staat hat - und dessen Ideen von einer Hundertschaft der sogenannten Meinungsführer mitgetragen werden?"

Und Berthold Kohler, einer der FAZ-Herausgeber macht im Ikarus das passende Bild für den hoch geflogenen und so tief gefallenen Guttenberg aus: "Er war der Ritter ohne Fehl und Tadel in schimmernder Rüstung, neben dem das restliche politische Personal, ob Freund oder Feind, wie ein Haufen Landsknechte aus dem Dreißigjährigen Krieg wirkte (...). Doch der Ikarus der deutschen Politik war nicht mehr in der Luft zu halten. (...) Schon die Rücktrittserklärung enthält bis hin zum Rücken der Soldaten, der nicht leiden soll, alle Elemente, die ihm nachhallende Verehrung sichern werden: Im Felde unbesiegt."

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Ganz anders sieht das Joachim Frank, einer der beiden Chefredakteure der Frankfurter Rundschau - der dennoch zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kommt: "Der Minister hat sich zulasten der ihm Anvertrauten verteidigt. Ohne Eingeständnis eigenen Versagens und ohne echte Reue. Uneinsichtigkeit ist dafür eine zu harmlose Lesart. Vielmehr hat der Ex-Minister sehr bewusst einen Setzkasten mit Argumenten und Begriffen bestückt, aus denen sich das eigenen Revival brillant bestreiten lassen wird. Diese bis zuletzt durchgehaltene Stilform der Scheinaufrichtigkeit ist auch der Grund, warum Guttenberg für seinen Rücktritt tatsächlich keinen Respekt erwarten darf."

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Thomas Schmid, Chefredakteur der Zeitung Die Welt geht hart mit Guttenberg ins Gericht: "Ausgerechnet der, der bürgerliche Werte so perfekt zu verkörpern schien, hat gegen sie verstoßen." Doch Schmid lässt für "den Gefallenen" ein Hintertürchen offen: "Karl-Theodor zu Guttenberg sollte, wenn er kann, auch ein wenig froh darüber sein, dass er nun nicht mehr als Heilsbringer durch die Welt laufen muss. Manchem Ende wohnt ein Anfang inne. Was einer kann, zeigt sich in - und nach Krisen."

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Die Financial Times Deutschland titelt: Die "Union verliert ihr Zirkuspferd" und kommentiert: "Es hätte für die Union schlimmer kommen können. Man stelle sich vor, Karl-Theodor zu Guttenberg hätte an seinem Amt als Verteidigungsminister festgehalten." Der Ausblick klingt dann jedoch etwas versöhnlicher: "Der Rücktritt dürfte für Guttenberg nicht das Ende seiner politischen Karriere bedeuten. Schon einmal musste ein Verteidigungsminister der CSU wegen eines Skandals zurücktreten und wurde später Kanzlerkandidat. Franz Josef Strauß war beim Rücktrit 47 - Guttenberg ist jetzt 39."

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"Der Zurückgetretene", heißt es beim Handelsblatt. Dabei hatte Guttenberg doch bis zuletzt angestrengt versucht, die Zügel in der Hand zu behalten.

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Die Berliner Zeitung wählte eine journalistisch-kreative Aufbereitung der Causa Guttenberg: Unter der Überschrift "Rücktritt mit Fußnoten" nimmt man sich der Rücktrittsrede Guttenbergs noch mal im Detail an - und zerpflückt sie anhand von Fußnoten, deren Fehlen Guttenberg das Amt kosteten.

So heißt es zur einer Passage, in der Guttenberg davon sprach, er müsse seinen Charakter verändern, um den Kräften der Politik gewachsen zu sein, unter Fußnote 6: "Nach allem, was über den Charakter KTGs in der jüngsten Vergangenheit bekannt geworden ist, wäre allerdings gegen eine Veränderung desselben ganz und gar nichts einzuwenden."

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Die Konkurrenz aus der Hauptstadt, Der Tagesspiegel, sieht dagegen eher bieder aus: "Guttenberg geht - Merkel getroffen."

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Der Berliner Kurier reimt sogar: "Mutti ohne Gutti." Kann man machen, muss man aber nicht.

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Auch im Ausland ist Guttenbergs Rücktritt ein Thema. Die Schweizer Neue Zürcher Zeitung behandelt es auf der Titelseite, genau wie ...

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... das Wall Street Journal Europe: "German Minister quits in plagiarism scandal."

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