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"Günther Jauch" über Wladimir Putin:Es bleibt Sache eines Dokumentarfilmers, die Zuschauer zum Mitdenken zu bringen

Und es ist schade, dass Gerd Ruge, der erste ARD-Korrespondent in Moskau, nicht noch mehr über seine Begegnungen mit dem jungen Putin erzählen darf. Als Vize-Bürgermeister von Sankt Petersburg sei er Anfang der neunziger Jahren sehr bescheiden und zurückhaltend gewesen, so der 85-jährige Ruge. Womöglich liegt es ja an den gleichen Mechanismen der Medienwelt, dass Putin zu Beginn seiner Präsidentschaft wegen seiner Deutschkenntnisse und seines Charmes enorm gut ankam und der gleiche Mann heute in vielen westlichen Medien dämonisiert wird. Die spannende Frage, ob nicht beide Darstellungen überzogen ist, wird leider nicht debattiert.

Und so bleibt es vor allem am Dokumentarfilmer Hubert Seipel, die Zuschauer zum Mitdenken aufzufordern. Ihm geht es nicht darum, Putin zu verteidigen, sondern dessen Perspektive klar zu machen. Die ständigen Belehrungen des Westens an die Adresse Moskaus seien nervig - und wer nicht in einem Nato-Mitgliedsland lebe, der sehe manche Dinge anders. Laut Seipel sollte man sich im Westen zumindest bewusst sein, dass das Argument der Nato, Abfangraketen in Polen und Tschechien nur deswegen installieren zu wollen, um iranische Raketenangriffe abzuwehren, in Russland auf enormes Misstrauen stoße und dort die alten Minderwertigkeitskomplexe fördere.

Als Seipel Putin in einem Interview die offizielle Position der Nato vorträgt, fängt dieser an zu lachen. Knapp zehn Sekunden lacht Putin, er fasst sich mit der Hand an die Nase und sagt dann: "Sie haben mich zum Lachen gebracht, Gott segne Sie. Ich fahre jetzt gut gelaunt nach Hause." Er wisse, dass ein solches Radarsystem die Grundlagen des russischen Abwehrsystems neutralisieren würde. Die Zusicherung der Nato-Partner, ein solches Waffensystem zwar aufzubauen, aber gewiss nicht gegen Moskau einzusetzen, sei deswegen schlicht lächerlich.

Diese Episode hat es nicht in einen von Günther Jauchs Einspielfilme geschafft, aber sie findet sich natürlich im Dokumentarfilm Ich Putin. Dieser ist im Internet leicht zu finden und dauert - je nach Schnittfassung - entweder 43 oder 73 Minuten. Um "Putin, den Großen" besser zu verstehen, hätten die Zuschauer lieber diesen Film anstelle der Jauch-Runde geschaut. Aber das lässt sich ja nachholen.

© Süddeutsche.de/bavo/dgr

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