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Groschenromane:Handlungsstränge im Zopfmuster

Es gibt verschiedene Handlungsstränge und Personen, die dann in einer Art Zopfmuster miteinander verschlungen werden. Alle paar Seiten wechselt man von einer Figur zur nächsten: "Bei jedem neuen Unterkapitel - niemals länger als acht Seiten - mache ich drei Sternchen, um den Szenenwechsel zu markieren." Jedes Kapitel fängt mit dem Namen der handelnden Person an, damit die Leser wissen, wo sie sich befinden.

Mehrere Autoren, eine Heldin: Notärztin Andrea Bergen

Seit 1954 ist Bastei Lübbe auf dem Markt der Heftromane aktiv. Im Jahr 1953 kaufte der Osnabrücker Feuilletonredakteur Gustav Lübbe einen Verlag, im Jahr darauf erschien die erste Ausgabe der Krimi-Heftserie Jerry Cotton. Bastei brachte unzählige Serien auf den Markt, von Grusel- über Western- und Science-Fiction-Geschichten, zu Adels-, Krankenhaus- und Heimatromanen. Allein fünf Ärzte sind heute bei Bastei im Einsatz: Dr. Stefan Frank, Notärztin Andrea Bergen, Chefarzt Dr. Holl, Der Notarzt und Dr. Karsten Fabian. Um 1,50 Euro verlangt der Verlag pro Heft, dazu kommen Anzeigenerlöse.

Dass die große Zeit der Heftromane vorbei ist, bekommt man auch bei Bastei zu spüren. Die nachmittägliche Realitätsflucht ist längst ins Fernsehen abgewandert, Soaps und Telenovelas decken den Bedarf an seichter Serienunterhaltung - kostenlos. Aus dem Verlag heißt es: "Gegenüber den Hochzeiten des Heftromans in den 60er und 70er Jahren sind die Auflagen heute rückläufig." In diesen Hochzeiten soll der FBI-Agent Jerry Cotton eine Auflage von mehr als 180.000 Exemplaren gehabt haben, heute liegt man laut Bastei bei rund 12.000, mit erfolgreichen Frauenserien wie Dr. Stefan Frank bei knapp 7000.

Bastei befindet sich im Umbruch. Gustav Lübbes Sohn Stefan ist jetzt Chef der Firma, Anfang des Jahres hat er den Verlag aus dem kleinen Bergisch Gladbach in die Medienstadt Köln umgesiedelt. Daran, dass man nur mit Groschenromanen wirklich Geld verdienen kann, glaubt Lübbe nicht: Er will in neue Medien investieren, die Wertschöpfung der Marken besser nutzen. In diesem Jahr lief eine neue Verfilmung von Jerry Cotton im Kino. Rollenspiele, Kartendecks, Hörspiele, Internet: Man denke in dieser Beziehung in alle Richtungen, heißt es.

Dieter Walter sitzt aufrecht auf seinem Stuhl am Kaffeetisch, er trägt ein gemustertes Hemd über dem runden Bauch, seine nackten Füße stehen auf dem Teppichboden. Walter hat einmal Sinologie und Publizistik studiert, wollte Korrespondent in Asien werden. Doch dann hat ihm das Leben - wie es Kristina Brunner wohl schreiben würde - einen Strich durch die Rechnung gemacht: Seine erste Frau wurde schwer krank, er brach sein Studium ab, arbeitete in einer Behörde, machte nebenher Übersetzungen. Dann schlug ihm der Markenverlag vor, mal einen Heftroman zu versuchen.

Die Geschichten, die Dieter Walter in den 70er Jahren für Marken schrieb, stehen hinter dem Sofa im Regal. Ein Paar jeweils in eine kleine Stofftasche verpackt, mit einem Schild so verklebt, so dass man die Hefte nicht herausnehmen kann: "Nicht verleihen!", steht darauf geschrieben. Walter reißt das Papier ab, um dem Gast sein Frühwerk zu zeigen: eine Krankenhausserie, der Alpenpfarrer, der Alpendoktor. Ende der 70er Jahre wechselte er zu Bastei, schrieb für Dr. Stefan Frank, Notärztin Andera Bergen und für Heimatreihen wie Bergkristall. Dieter Walter hat in den vergangenen Jahren nicht nur Heftromane geschrieben - sondern auch Reiseführer, Biografien, Lokal-Krimis.

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