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"Das Geheimnis des Totenwaldes":Eine mörderische Geschichte

Das Geheimnis des Totenwaldes

Das Geheimnis des Totenwaldes: Familie Bethge (v.l.n.r. Jenny Schily, Matthias Brandt, Hildegard Schmahl) schaut die Fahndungssendung.

(Foto: NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction)

Der NDR wagt ein Experiment, um sich den Dimensionen grauenhafter Taten angemessen zu nähern: In jeweils viereinhalb Stunden wird das Geschehen in dokumentarischer und in fiktionalisierter Form erzählt.

Von Stefan Fischer

Sommer 1989. Die Ereignisse überschlagen sich, nicht nur in der DDR. Auch in der niedersächsischen Provinz. Zwei Paare werden ermordet, innerhalb weniger Wochen. In der Göhrde, einem weitläufigen Waldgebiet. Außerdem verschwindet bei Lüneburg eine Frau. Keine 20 Kilometer entfernt also.

Helle Aufregung, klar. Ein paar Wochen lang. Und für kurze Zeit noch einmal 1993. Aber danach? Passiert nicht mehr viel, beinahe ein Vierteljahrhundert lang. Es wird bis 2017 dauern, ehe Gewissheit besteht. Über den Mörder. Über das Schicksal der Verschollenen.

Es geht um das Versagen der Ermittlungsbehörden und um zerstörte Leben

Ein dramatische, eine zutiefst tragische Geschichte ist das. Der NDR erzählt sie in zwei Varianten: einer dokumentarischen und einer fiktionalisierten. Beide nehmen sich jeweils rund viereinhalb Stunden Zeit dafür. Welche kommt der Wahrheit näher? Welcher Weg ist also der richtige - der direkte, der hart an den Fakten bleibt, oder der spielerische, der sich Freiheiten nimmt?

Björn Platz hat im vergangenen Jahr seinen Dokumentarfilm Eiskalte Spur über die sogenannten Göhrde-Morde fertiggestellt. Es geht darin um die Taten, es geht um ein Versagen der Ermittlungsbehörden, und es geht um zerstörte Leben. Platz' Erkenntnisse bilden das Fundament des Podcasts Die Geheimnisse des Totenwaldes. Gemeinsam mit der Radiojournalistin Anouk Schollähn hat er dafür weiter recherchiert. Unter anderem ist es den beiden gelungen, dass sich eine Frau äußert, die Anfang der Neunzigerjahre die Geliebte des Mörders war. Auszüge des Interviews sind Bestandteil ihres Podcasts, Schollähn und Platz haben darüber hinaus noch ein eigenes Radiofeature über die Frau und ihre Beziehung zu dem Täter produziert, Die Affäre.

Das Geheimnis des Totenwaldes

Szene aus Das Geheimnis des Totenwaldes: Silke Bodenbender spielt Barbara Neder.

(Foto: NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction)

Die achte der neun Podcastfolgen ist die kürzeste, sie versucht, die entscheidende Frage zu beantworten: "Darf man das?" Das Leid der Opfer und der Hinterbliebenen noch einmal in die Öffentlichkeit zerren. Und: dem Täter noch einmal eine Bühne bieten. Andererseits gibt es ein berechtigtes öffentliches Interesse. Die Grenze zwischen dem Gebotenen und dem Übergriffigen hat keinen klaren Verlauf. Ein Dilemma also, das Anouk Schollähn und Björn Platz nicht gänzlich auflösen können. Sie informieren dezent im Ton und detailliert in der Sache. Gewissenhaft. Manchen werden sie dennoch zu weit gehen.

Der Fernseh-Dreiteiler spielt vollkommen in den Gesichtern der Schauspieler

Stärker, als dies im Podcast der Fall ist, stellen der Autor Stefan Kolditz und der Regisseur Sven Bohse in ihrem Fernseh-Dreiteiler - auch er heißt: Die Geheimnisse des Totenwaldes - die Hinterbliebenen in den Fokus. Ihre Hauptfigur ist der Bruder der verschwundenen Frau. Sein Beruf: LKA-Chef in Hamburg. Er war es, der nach seiner Pensionierung den Täter überführen konnte. Kolditz und Bohse haben die Geschichte verfremdet, doch sie bleibt klar als die reale kenntlich.

Der Film spielt vollkommen in den Gesichtern der Schauspieler. Da ist die pragmatische Entschlossenheit in den Zügen von Matthias Brandt, die immer dann zur Fassade erstarrt, wenn dem LKA-Chef die Kontrolle über eine Situation entgleitet - was er in diesen Augenblicken nicht verbergen kann, auch wenn sich die Mimik nur minimal verschiebt. Da ist die stille Verzweiflung im Gesicht von Hildegard Schmahl, sie spielt die Mutter der Verschwundenen. Die und ihr Mann standen kurz vor der Scheidung, weil er eine Neue hat. Für die Polizei in Niedersachsen, für die Menschen im Ort steht fest: Er hat seine Frau getötet und verschwinden lassen. Nicholas Ofczarek legt alle innere Qual der Figur in die Bewegungen seines Kiefers. Karoline Schuchs Augen erzählen wechselweise, welche Wut, Entschlossenheit oder Angst gerade in der Polizistin Anne Bach tobt.

Letzten Endes handelt die Spielfilm-Variante von Vertrauen. In den Partner, ob privat oder beruflich. In die eigenen Stärken. Obwohl beides massiv erschüttert wird. Und der Podcast? Kann weniger der Fantasie überlassen als der Film. So stehen beide Varianten dieser Geschichte für sich. Vor allem aber: Beide bestehen im Angesicht der jeweils anderen.

Die Geheimnisse des Totenwaldes, TV-Serie, Das Erste, 2., 5. und 9. Dezember, jeweils 20.15 Uhr, und in der ARD-Mediathek.

Die Geheimnisse des Totenwaldes, Podcast, in der ARD-Audiothek.

Eiskalte Spur, Das Erste, 9. Dezember, 21.45 Uhr (Kurzfassung). Langfassung in der ARD-Mediathek.

Die Affäre, NDR Info, 6. Dezember, 11 Uhr und 15 Uhr.

© SZ/hy/ebri
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