Süddeutsche Zeitung

Glossar zum Dschungelcamp:Tarzan und Shame

Die einen hassen es inbrünstig. Die anderen gucken es - ironisch, versteht sich. Aber ignorieren lässt sich das Dschungelcamp in den kommenden 16 Tagen kaum. Eine Gebrauchsanweisung.

Von Johanna Bruckner

Anschauen? Niemals, never ever, nur über meine Leiche: meistgehörter Satz in Fahrstühlen, wenn das Gespräch auf -> Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!, auch bekannt als das Dschungelcamp, kommt. Schließlich geht es hier um das Hassobjekt schlechthin aller Kulturpessimisten: Der festgebackene Bodensatz der Prominenz feiert auf RTL (RTL!!!) eine 16-tägige Orgie des Banalen, und lässt sich dabei beobachten.

Camp: liegt in einer australischen -> Urwald-Kulisse. Besteht aus einer Feuerstelle und kameratauglich darum verteilten Pritschen. Weitere Drehorte: das Klohäuschen (dient zur Verrichtung der körperlichen Notdurft) und das -> Dschungeltelefon (dient zur Verrichtung der seelischen Notdurft).

Dr. Bob: erklärt den Kandidaten die Gefahren ihrer Dschungelprüfungen und hat bei resultierender Hyperventilasis ein Mittelchen parat. Der Busch-Doktor in Cargohose ist natürlich genauso ausgedacht wie die Bedrohung durch Schlangen und Spinnen. Dr. Bob heißt in Wirklichkeit Robert McCarron und ist ausgebildeter Maskenbildner (unter anderem war er schon für Das Piano und Matrix tätig).

Ekelprüfung: ein Grund für das schlechte Image der Show - aber auch für den Erfolg beim Zuschauer (-> Schadenfreude und Scham). Wenn die Kandidaten als Tagesaufgabe in Truthahn-Hoden beißen, dass es spritzt, hält die Kamera genüsslich drauf. Tatsächlich gibt es aber weniger Ekelprüfungen als mancher Kritiker unterstellt. Bei den Kandidaten sind die Herausforderungen an den eigenen Würgereflex durchaus beliebt: Wer hier nicht zimperlich ist, hat erfahrungsgemäß gute Chancen auf den Titel -> Dschungelkönig/in.

Feuilleton: verachtet das Dschungelcamp im Gros immer noch (-> Anschauen? Niemals, never ever, nur über meine Leiche). Vereinzelt wagten sich in den vergangenen Jahren aber Intellektuelle vor, die die Metaebene des Formats goutieren: Wohl keine andere Sendung im deutschen Fernsehen ist eine so akkurate wie bitterböse Persiflage auf die Medienmaschinerie (hier ein Gastbeitrag von Roger Willemsen zum letztjährigen Dschungelcamp).

Gefahr: ist im australischen Fernsehdschungel omnipräsent - aber nicht in Tierform. Die öffentliche Blamage ist nur einen Einspieler entfernt. Die Macher geben mit Vorliebe solche Kandidaten dem Spott preis, die denken, sie hätten die Mechnismen der Show verstanden und könnten sie für ihre Zwecke nutzen. So gab sich Comedian Tanja Schumann im vergangenen Jahr dröge bis apathisch, in der Hoffnung, die Sendung ohne Gagenverlust möglichst schnell verlassen zu können. Doch RTL mobilisierte die Zuschauer - und Schumann wäre fast unfreiwillig -> Dschungelkönigin geworden.

Hoden: stehen eigentlich auf der Speisekarte (-> Ekelprüfung). Können aber dann und wann auch unter einem T-Shirt hervorbaumeln.

Ich bin ein Star, holt mich hier raus: heißt die Sendung offiziell. Wer diesen Satz in der Show ruft, darf vorzeitig zurück in die Zivilisation. Und gilt beim Publikum im besten Fall als Weichei.

Jo-Jo-Effekt: kann nach dem Dschungel auftreten, nicht nur weil die Reis-Bohnen-Hoden-Diät zu Ende ist. Dünn, dick, dünn - so entwickelt sich auch die Geschäftslage der allermeisten Teilnehmer.

König/in: Titel, den es am Ende der 16 Tage zu gewinnen gibt. In Staffel neun geht es von Freitag an um die Thronfolge von Ex-Bachelor-Kandidatin und Erotikunternehmerin Melanie Müller.

Lagerfeuer, Nacktschnecke, Palazzo Versace

Lagerfeuer: darf nicht ausgehen - allein schon, weil der Feuerschein das einzige kosmetische Hilfsmittel ist, dass die Bewohner im Dschungel haben. Außerdem eignet sich die Atmosphäre wunderbar für Geständnisse aller Art. Süffige Bettgeschichten (Brigitte Nielsen), traumatische Kindheitserinnerungen (Olivia Jones) oder die Rückschau einer verurteilten Totschlägerin (Ingrid van Bergen) - nichts hilft mehr beim Zuschauervoting (-> -XX).

Moderatoren: heißen Sonja Zietlow und Daniel Hartwich. Letzterer ersetzt seit 2013 den verstorbenen Dirk Bach - und ist zur Überraschung manches Beobachters ein durchaus würdiger Nachfolger (hier ein Porträt der "Moderations-Maschine" von RTL). Und Zietlow? Sagt herrlich diabolische Sätze wie diese (nach dem Finalsieg von Joey Heindle beim Dschungelcamp 2013): "Man führe ihn vor - nein, das haben wir ja schon getan. Man führe ihn zu uns."

Nacktschnecke: ursprünglich der Spitzname von Ex-Kandidatin Micaela Schäfer (2012). Die Rolle wird aber jedes Jahr neu besetzt - so wie die des TV-Tarzans. Was wäre eine stolze Trash-Sendung wie das Dschungelcamp schließlich ohne Möpse und Muskeln?

öffentlich: wird hier alles. Von Magen-Darm-Problemen bis zu medialen Erzähllogiken. So spielen die Macher und -> Moderatoren ganz ungeniert Gott über Prominenz und Image der Kandidaten - und thematisieren das auch. Grandios.

prominent: ist hier niemand. Auf der aktuellen Kandidatenliste stehen unter anderem die Tochter eines Schlagerstars (Patricia Blanco), eine Ex-Glücksfee (Maren Gilzer) und der Ex-Assistent eines Showmoderators (Walter Freiwald).

Quote: ist - dafür, dass die Sendung offiziell kaum einer guckt - überraschend hoch. Im vergangenen Jahr schauten durchschnittlich 7,95 Millionen Menschen zu; in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 59-Jährigen lag der Marktanteil bei knapp 40 Prozent.

Regen: neben Hunger und Langeweile für die Kandidaten ein weiteres Übel des Dschungels. Aus Zuschauersicht ist das Wetter eine weitere Variable, die das Dschungelcamp zur spannenden Sozialstudie macht. Wer trotzt dem Regen? Und wer trotzt rum?

Schadenfreude & Scham: mutmaßlich Hauptmotivationen, um einzuschalten. Vermehrt zu hören: "Gucke ich eigentlich nie. Und wenn, dann ironisch."

Telefon: erlaubt den Kandidaten die Kontaktaufnahme mit der Außenwelt. Meint in diesem Fall: mit den Zuschauern.

Urwald-Kulisse: ist vor allem ein theoretisches Konzept. Angeblich liegt der Drehort des Dschungelcamps im australischen Bundesstaat New South Wales: Dort gibt es tatsächlich Urwald - doch das Naturstudio, in dem unter anderem auch die britische Ausgabe des Formats gedreht wird, ist selbstverständlich frei von störendem Unterholz und gefährlichen Tieren.

Versace, Palazzo: Sehnsuchtsort der Campbewohner. In das äußerst geschmacklose Luxushotel geht es zurück, wenn die Zuschaueranrufe (-> -XX) nicht gereicht haben und der Kandidat fliegt.

Wasserfall: gibt es natürlich auch in der -> Urwald-Kulisse. So ein Wasserfall liefert bei kluger Kandidatenvorauswahl (-> Nacktschnecke) ohne großes Zutun erotikfilmchenfähiges Material.

-XX: steht für die jeweilige Durchwahl des Kandidaten, die fett auf jedem Oberbekleidungsstück prangt. Neben Werbung (-> Quote) verdient RTL auch über die täglichen Zuschauervotings.

Zicke: vielleicht die wichtigste Rolle im Camp. Ohne Zicke kein Zoff. Wie man diesen Part brillant erfüllt, machte im vergangene Jahr Larissa Marolt vor. Die fühlte sich am Ende verpflichtet, das eigene Genie einzuordnen: "Ich bin normalerweise nicht so. Bei seriösen Projekten könnt's mich echt noch buchen."

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