Süddeutsche Zeitung

Belästigungs-Vorwürfe gegen Giscard d'Estaing:"Träumen Sie süß"

Der WDR wirft dem französischen Ex-Staatspräsidenten Giscard d'Estaing vor, eine Mitarbeiterin sexuell belästigt zu haben. Sie hat Strafanzeige gegen den 94-Jährigen erstattet.

Im Dezember 2018 reiste die Fernsehjournalistin Ann-Kathrin Stracke nach Paris. Sie recherchierte im Auftrag des WDR für einen Beitrag zum 100. Geburtstag von Helmut Schmidt, dem früheren Bundeskanzler, und wollte sich in der französischen Hauptstadt mit einem einstigen Weggefährten Schmidts unterhalten - mit Valéry Giscard d'Estaing, der von 1974 bis 1981 französisches Staatsoberhaupt war. Der Reporterin war es gelungen, eine Interview-Zusage von Giscard d'Estaing zu bekommen, nun war sie mit einem Kameramann sowie einer Tonassistentin in Paris.

Nach dem Interview am 18. Dezember in dessen Büro soll Giscard d'Estaing Stracke sexuell belästigt haben. Stracke, heute 37 Jahre alt, schildert den Ablauf so: Nach dem Interview habe sie Giscard d'Estaing gefragt, ob man mit dem Team noch ein Foto machen könne. Während der Aufnahme habe Giscard d'Estaing seinen Arm um ihre Taille gelegt und seine Hand dann über die Hüften Richtung Gesäß bewegt. Stracke habe versucht, seinen Arm wegzudrücken, was sie nicht geschafft habe.

Anschließend habe Giscard d'Estaing vorgeschlagen, gemeinsam die Fotos an der Wand in seinem Büro anzusehen. Während sie die Bilder betrachtet hätten, berichtet Stracke, habe ihr Giscard d'Estaing abermals ans Gesäß gefasst. Stracke berichtet, sie habe versucht, Giscard d'Estaing auszuweichen. Er sei ihr aber gefolgt und habe ein weiteres Mal ihr Gesäß berührt, wobei seine Hand dort verharrt habe. Stracke erklärt, sie habe erneut versucht, seinen Arm wegzudrücken, dies sei ihr aber nicht gelungen. Die Situation sei, so erklärte es Stracke später bei der Untersuchung durch eine externe Anwaltskanzlei, "maximal unangenehm" gewesen.

Aus d'Estaings Büro heißt es, dieser könne sich weder an die Situation, noch an das Interview erinnern

Dann sei hinter ihr etwas auf den Boden gefallen, eine Lampe. Sie habe diese aufgehoben. Später habe ihr der Kameramann erzählt, dass er die Lampe absichtlich umgeworfen habe, um ihr zu helfen, sich aus der Situation zu befreien. Zum Abschied habe Giscard d'Estaing zu ihr auf Deutsch gesagt: "Träumen Sie süß".

Das Büro Giscard d'Estaings erklärt auf Anfrage von SZ und Le Monde, dieser könne sich weder an die Situation, noch an das Interview erinnern. Bürochef Olivier Revol erklärte in einem Telefonat, es tue Giscard d'Estaing sehr leid, wenn die Vorwürfe stimmen sollten. Revol wies auf das hohe Alter Giscard d'Estaings hin. Der Ex-Präsident ist 94 Jahre alt.

Eine externe Anwaltskanzlei prüfte und befand die Schilderung als "insgesamt glaubhaft"

Die Journalistin Ann-Kathrin Stracke meldete den Vorfall einige Tage später einem Vorgesetzten. Der WDR beauftragte daraufhin eine externe Kanzlei für Arbeitsrecht damit, den Vorfall unabhängig zu dokumentieren. Zwei Anwältinnen befragten Stracke sowie den Kameramann. Die in Paris anwesende Tonassistentin soll den Vorfall Stracke zufolge zunächst bestätigt haben; anschließend aber wollte sie sich nicht mehr zu der Sache äußern.

Der Kameramann berichtete, dass Giscard d'Estaing zunächst einen "prüfenden Griff" zum Kleid seiner Kollegin vorgenommen habe. Diese sei aber ausgewichen. Anschließend habe Giscard d'Estaing mehrmals versucht, Stracke an sich zu ziehen; diese habe Widerstand geleistet. Dennoch sei es ihm gelungen, durch Ablenkungsmanöver, etwa das Zeigen von Bildern, näher an Stracke heranzutreten und seine Hand auf ihren Rücken zu legen. "Dabei sei die Hand auch langsam den Rücken hinunter zum Gesäß gerutscht, was sich wiederholt habe", heißt es im Bericht der Anwaltskanzlei. Stracke habe ihm, dem Kameramann, zu erkennen gegeben, dass sie sich unwohl fühle. Er habe daraufhin die Lampe umgeworfen; dies habe es Stracke ermöglicht, der Nähe Giscard d'Estaings zu entkommen. Der Kameramann erklärte, er habe die Situation "als etwas befremdlich und einem ehemaligen Staatspräsidenten nicht angemessen empfunden".

Die vom WDR beauftragte Kanzlei kam in ihrem Abschlussbericht vom 9. April 2019 zu dem Ergebnis, die Schilderungen Strackes und des Kameramanns seien "insgesamt glaubhaft und legen den Schluss nahe, dass der Sachverhalt sich genau so zugetragen hat wie beschrieben".

Auf Frage von SZ und Le Monde, ob sie damals überlegt habe, etwas zu sagen, sagte Stracke: "Ich war zu perplex, um die richtigen Worte zu finden. (...) Das Gespräch lief sehr gut. Ich habe es überhaupt nicht für möglich gehalten, dass so etwas passieren könnte." Nun habe sie entschieden, den Vorfall öffentlich zu machen. Ihre Motivation folge aus der "Me Too"-Debatte. "Diese hat mir gezeigt, wie wichtig eine gesellschaftliche Diskussion über dieses Thema ist."

Stracke will "eine juristische Grundlage"

Stracke hat zudem Strafanzeige erstattet, diese ist am 12. März 2020 bei der Staatsanwaltschaft in Paris eingegangen. Auf die Frage, warum sie so lange gewartet habe, antwortete sie, sie habe zunächst nicht daran gedacht. "Doch inzwischen habe ich mich juristisch beraten lassen, lange nachgedacht und mich letztendlich dazu entschlossen, Anzeige zu erstatten, da ich möchte, dass dieser Fall eine juristische Grundlage hat und nicht ausschließlich in den Medien behandelt wird." Unerwünschte sexuelle Berührungen sind in Frankreich, wie in Deutschland, eine Straftat.

Im Juni 2019 schickte eine Pariser Anwaltskanzlei im Namen des WDR einen Protestbrief an das Büro Giscard d'Estaings. "Frau Stracke war sehr schockiert über Ihr Verhalten und wir möchten hiermit dieses als inakzeptabel rügen", heißt es darin, ferner: "Wir werden es nicht dulden, dass unsere Mitarbeiter mit derartigen Situationen konfrontiert werden und hoffen sehr, dass sich ein derartiges Verhalten (...) nicht wiederholen wird."

Der WDR, eines der größten deutschen Medienhäuser, ist in den Jahren 2018 und 2019 wegen seines Umgangs mit Fällen sexueller Belästigung durch eigene Mitarbeiter in die Kritik geraten. Im Fall Giscard d'Estaings war der Sender offenbar um Korrektheit bemüht. Allerdings suchte der WDR nicht selbst die Öffentlichkeit. Auf Nachfrage, warum dies nicht geschehen sei, erklärte WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn: "Es ist gut, dass unabhängige Dritte mit völlig unverstelltem Blick auf die Sache schauen. Wenn ein Medium über sich selbst berichtet, stellt sich zurecht immer die Frage nach Befangenheit."

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Quelle:
SZ vom 07.05.2020
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