"Giacomos Sommer" auf Arte Augenblick statt Geschichte

Wie es ist, wenn du schon einen Bart hast, aber es nicht schaffst, das Mädchen zu umarmen: Arte zeigt Alessandro Comodins großartigen Teenagerfilm "Giacomos Sommer", über die unvergleichliche Zeit vor dem Erwachsenwerden. Dabei wollte der Regisseur zuerst eigentlich eine ganz andere Geschichte erzählen.

Von Claudia Tieschky

Ein Junge und ein Mädchen, der Fluss, die Hitze der Ebene. Sie laufen durch das Dickicht in den sumpfigen Auen, wo keiner ist, sie baden, sie dösen im Schatten. Eigentlich passiert gar nichts. Nichts - außer dass es dieser für immer gültige, unvergleichliche letzte Sommer vor dem Erwachsenwerden ist.

Es ist ihr letzter Sommer vor dem Erwachsenwerden: Giacomo und Stefania.

(Foto: ARTE France)

Als der Regisseur Alessandro Comodin seinen Film in der norditalienischen Ebene begann, hatte er eine klare Vorstellung davon, was er wollte. Er wollte einen Dokumentarfilm drehen, aber dann wurde es am Ende etwas völlig anderes und dabei ein großartiger Film. Einer, der einen richtig umhaut. Comodin entdeckte eine Geschichte, die er nicht geplant hatte.

Als er im Schnitt saß und sah, was er da gedreht hatte, wusste er, dass er diese andere Geschichte über Giacomos Sommer erzählen wollte, die ihm also irgendwie zugefallen war, ohne dass er es wirklich bemerkt hätte, während er den beiden mit der Kamera gefolgt war: Giacomo und Stefania, die sich seit ihrer Kindheit kennen und auch genau so miteinander umgehen und sich genau so miteinander bewegen, die alles miteinander machen, was zählt. Schlagzeugspielen bei offenen Fenstern und Türen in einem verlassenen alten Haus und verrücktes Zeug dazu singen. Zu zweit auf einem Fahrrad fahren. Etwas rauchen am späten Nachmittag, wenn die Schatten länger werden, und dann Baseball üben mit einem Ast als Schläger und irgendwelchem Zeug, das sich vom Acker klauben lässt.

Aber unausgesprochen stellt sich die Frage, wenn sie sich beim Baden mit Schlamm bewerfen, wie sich das denn nun nennen soll, was zwischen ihnen ist. Und so konzentriert sich Giacomos Sommer völlig auf den Augenblick. So als stünde die Zeit still.

Comodin kennt seine Protagonisten schon ewig, auch das gehört zu der Geschichte. Giacomo ist der kleine Bruder seines besten Freundes, und Stefania seine eigene jüngere Schwester. Der 1982 geborene Regisseur wollte ursprünglich der Logik folgen, aus der die soliden Filme des Doku-Genres entstehen. Er wollte, so erklärt es Comodin in einem Interview mit der französischen Filmwebsite Independencia, den 19-jährigen Giacomo in den Monaten vor seiner Operation mit der Kamera begleiten. Denn Giacomo ist taub, und am Ende des Films sollte der chirurgische Eingriff stehen, zu dem er sich entschlossen hatte, der ihm das Gehör wiedergeben soll.

Das alles hat Comodin gedreht, aber dann gar nicht erzählt, einfach weggeschmissen - "ich mag die Dinge gern einfach", sagt er. Vieles, was jetzt in dem Film zu sehen ist, war improvisiertes Material, nebenbei mitgefilmt, und Comodin sagt, klar, diese halbdokumentarische Hybridform sei eher ungewöhnlich und werde den Zuschauer vermutlich verunsichern. "Aber ich wollte einfach gerne dieses Gefühl teilen, das ich während des Drehens hatte." Das Gefühl, Giacomo sei irgendwie genau so, wie er selbst in diesem Alter war. Die Erinnerung daran, wie es ist, wenn du auf dem Land die Zeit totschlägst. Wie es ist, wenn du schon einen Bart hast, aber es nicht schaffst, das Mädchen zu umarmen.

In Frankreich läuft die italienisch-französisch-belgische Koproduktion gerade im Kino an, im vorigen Jahr erhielt L'estate di Giacomo einen Goldenen Leoparden beim Filmfestival in Locarno. Und das Ende? Es zeigt sich, dass die Zeit natürlich nicht stillsteht, aber vorher sieht man Stefania und Giacomo noch einmal zusammen, sie fahren auf dem Fahrrad durch die Maisfelder, sie steht hinter ihm auf dem Gepäckträger, die Hände auf seinen Schultern. Und nichts ist besser als diese Freiheit.

Giacomos Sommer, Arte, Nacht zu Dienstag, 0.10 Uhr.