Gesundheitsmagazine Schmerzfrei

Mit "My Life" versucht Burda, die Erfolgsgeschichte der "Apotheken Umschau" zu wiederholen. Doch das neue Gratisheft ist weniger ausgewogen und gibt mitunter Ankündigungs-Prosa Raum.

Von Werner Bartens

Sie hat keinen leichten Stand in der Medienbranche, wird von Kollegen gerne belächelt oder ignoriert und als Rentner-Bravo verspottet. Die Jahrzehnte währende Erfolgsgeschichte der Apotheken Umschau ist allerdings beeindruckend. Aktuell beträgt die Auflage 4,9 Millionen für jede Ausgabe, und da das für Kunden kostenlose Magazin ab dem 1. und dem 15. jeden Monats ausliegt, addiert sich die monatliche Auflage auf stolze 9,8 Millionen Exemplare. Die Reichweite des im Wort & Bild Verlag erscheinenden Magazins aus Baierbrunn im Isartal wird auf 20 Millionen Leser geschätzt.

Viele Magazine, die einen Preis erheben, können ihre Leser bald per Handschlag begrüßen. Neuerliche Minusrekorde verhindern sie nur, indem sie bewährte Titelgeschichten zu Rückenschmerzen, Burn-out oder Arthrose variieren und sich ihrer Bestimmung als Gesundheitsheft annähern. Kein Wunder, dass die Bilanz der Apotheken Umschau Neider weckt - und Konkurrenten lockt. Burda hat zum April My Life auf den Markt gebracht, das heißt vielmehr in die Apotheken. Der Titel ist in modischer Kleinschrift gehalten, ansonsten kommt das Heft ziemlich altbacken daher. Wie die Apotheken Umschau soll My Life von den Apothekern bezahlt werden und dort ausliegen oder dazugegeben werden, wenn Rezepte eingelöst werden oder frei verkäufliche Präparate über den Ladentisch gehen.

My Life widmet sich in den Titelgeschichten Klassikern wie Rückenschmerzen und dem "Patient Knie", wobei sich die Frage stellt, ob diese Themen schlau ausgesucht sind. Klar, viele der Generation 50plus leiden an knirschenden Knochen, aber wer vor Schmerzen kaum noch gehen kann, schafft vielleicht nicht mehr den Weg in die Apotheke. Der Duktus der Artikel folgt dem Staun-und-Wunder-Journalismus der 1970er-Jahre, da erklären Experten im weißen Kittel, was hilft und Forscher arbeiten "unter Hochdruck", um den gemeinen Leiden endlich "auf die Schliche" zu kommen.

Wenig kritisch ist das, was da zu Bandscheiben, Arthrose und Co. steht, dafür ziemlich technik- und fortschrittsgläubig. Als angekündigte "moderne Heilmethoden" für den "Knackpunkt Knie" erweisen sich die mit den Jahren stark in die Kritik geratene Arthroskopie und der teilweise oder vollständige Gelenkersatz, nun ja. Im neunseitigen Titel-Dossier über Rückenschmerzen geht es viel um Statik, Orthopädie und Operationsverfahren.

Das ist alles sehr mechanisch und bis auf fünfeinhalb Zeilen zum "Rückenkiller" Stress findet sich im Hauptartikel nichts über den Einfluss der Seele auf die Pein im Kreuz. Dabei sind Rückenschmerzen wie kaum ein anderes Leiden das Paradebeispiel für psychosomatische Erkrankungen, oft werden sie ausgelöst durch Kränkungen, Unzufriedenheit im Job, Depressionen und chronische Belastungen. Der Bericht über die "Impfung gegen das Zittern" ist Ankündigungs-Prosa. Dass Forscher etwas wollen, ist schön und gut, wollen sollen sie ja. Aber was sie gegen Parkinson bisher ausrichten können, ist ernüchternd und das bildet der Beitrag nicht ab.

Zweifel an neuen Therapien und Skepsis gegenüber den Verheißungen PR-affiner Ärzte finden sich in My Life denn auch kaum. Beinahe hätte das Heft auf dem Titel einen fragwürdigen Bluttest auf Brustkrebs aus Heidelberg angepriesen. In der 50-seitigen Leseprobe war alles noch enthalten, in der nun ausliegenden Ausgabe ist die Geschichte verschwunden. Schließlich hat sich die Universität Heidelberg längst von dem Test distanziert, den Ärzte der Uni-Frauenklinik vorschnell auf den Markt bringen wollten. Er war wenig zuverlässig, kaum an Patientinnen getestet, in der Fachwelt erhielt er vernichtende Kritiken. Richtigstellungen von Uni-Kliniken hin oder her, den Focus hielt dies in seiner Titelgeschichte "Wie wir den Krebs besiegen" vom 23. März nicht davon ab, die unseriöse PR-Kampagne als "Sensation" zu feiern.

Beide Magazine betonen, wie groß ihr wissenschaftlicher Beirat ist und die Fachredaktion von Ärzten und Pharmazeuten. Die Apotheken Umschau kommt allerdings wesentlich ausgeruhter und vor allem ausgewogener daher. Angenehm fällt auf, dass in den Beiträgen nicht nur auf Fachmagazine verwiesen und die Quelle angegeben wird, sondern auch keine falschen Hoffnungen geweckt werden. So betont die Titelgeschichte über Psychotherapie und Depression beispielsweise ausdrücklich, dass der Nutzen von Medikamenten häufig angezweifelt wird, aber die Kombination aus Gespräch und Arzneimittel "mitunter bessere Ergebnisse erzielt". Das ist nicht übertrieben, sondern treffend eingeordnet.

Zum Thema Prostatavergrößerung im Alter findet sich in der Apotheken Umschau der Hinweis, dass pflanzliche Präparate zwar populär sind, aber aussagekräftige Studien zum langfristigen Nutzen und zu möglichen Komplikationen fehlen. Das mag nicht jeder Apotheker gerne hören, aber es stimmt. Bei dem Beitrag "Vitamine für die Haut" hingegen hätte man sich mehr kritische Distanz gewünscht; die im Artikel behaupteten Gesundheitswirkungen sind dick aufgetragen. Vielleicht findet sich der Text deshalb im Ressort "Lebenslust" und nicht in der Sektion "Ratgeber" oder "Forschergeist".

Beide Hefte umrahmen ihre Medizinberichte mit Kochrezepten und Reisetipps, es geht in die Eifel, nach Malta und auf die Chiemsee-Inseln; leichte Pasta und fleischfreie Gerichte sind kulinarisch im Angebot. My Life gibt gleichzeitig Tipps für "süße Oster-Naschereien" und dem medizinischen Geheimtipp Eckart von Hirschhausen eine Bühne, um sein Intervall-Fasten mitsamt neuer App zu bewerben. Fernsehprogramm und Rätsel sollen Kunden zusätzlich überzeugen. My Life kann den Erfolg des Hefts naturgemäß nicht abschätzen und hat wohl deshalb eine persönliche Glückszahl auf das Cover gedruckt, mit der man - Achtung - "richtig viel Bargeld" gewinnen kann, wie die Chefredakteure im Editorial versprechen. Als ob ihnen keine besseren Argumente eingefallen sind, das Heft mitzunehmen.

Wobei, für den Glücksgewinn muss man das Magazin ja zwei Wochen aufheben - das steigert die Reichweite. Die Gewinner stehen in der nächsten Ausgabe. Dort findet sich dann bitteschön auch ein Beitrag darüber, dass Geld nicht glücklich macht. Und gesund schon mal gar nicht.