"Geschickt eingefädelt" auf Vox:"Das sieht ja aus wie mit der Kreissäge geschnitten!"

Die Spielregeln also lauten wie folgt: Acht perfekt ausgesuchte Hobby-Näher (Best-Ager, Emo-Mädchen, Übergrößen-Trägerin) müssen in jeder Folge eine Technik- und eine Kreativ-Aufgabe lösen. Danach bewertet die Jury das Ergebnis. Sie besteht aus Kretschmer selbst, und wer immer noch nicht weiß, wer das ist, erfährt von der Stimme aus dem Off, er sei "einer der besten deutschen Modedesigner, der die schönsten Frauen des Landes anzieht". Damit ist wohl auch Natascha Ochsenknecht gemeint, die als Besucherin einer seiner Schauen eingeblendet wird. Zwei selbst bei Modekennern eher unbekannte Damen vervollständigen die Jury: die strenge Inge Szoltysik-Sparrer, Bundesvorsitzende des Maßschneiderhandwerks ("Das sieht ja aus wie mit der Kreissäge geschnitten!") und Anke Müller, die sich 2002 mit ihrem Label für "Lingerie- und Loungewear" selbstständig gemacht hat ("Die Farben gefallen mir ausgesprochen gut!").

Pro Folge muss ein Kandidat gehen. Wer übrig bleibt, gewinnt einen Gastaufenthalt von nicht genannter Länge an der wichtigsten Modeschule von Paris, der École de la chambre syndicale de la couture parisienne. Man wünscht ihn während der ersten Aufgabe, bei der in zweieinhalb Stunden ein Bleistiftrock nach einfachen Schnittmustern genäht werden muss, gleich mehreren Kandidaten. Dort würde ihnen auch mal jemand zeigen, wie ein Reißverschluss richtig angenäht wird. Nach der zweiten Runde würde man am liebsten gleich alle Richtung Frankreich schicken.

Aus zwei alten Herrenhemden soll ein neues Damenoberteil gemacht werden. Das Motto: "Heiße Szeneparty". Gezeigt werden Fifties-Verschnitte, taillenlose Longsleeves und Bandeaus aus Pailletten (Wie war das gleich mit den zwei Herrenhemden?). Selbst auf den unbeweglichen Schneiderbüsten schlagen die Entwürfe bei der finalen Jury-Begehung nur so Buckel und Falten.

Lediglich 500 Bewerbungen

Unterhaltsam macht das neue Format hauptsächlich Jurorin Szoltysik-Sparrer, die ihre Kandidatinnen regelmäßig unter Druck setzt, indem sie ihnen über die Schulter Sätze sagt wie: "Du weißt, ich lege großen Wert auf Handarbeit." Selbst Kretschmer ("Stopf da Watte rein, muss Inge doch nicht mitkriegen!") verabschiedet sich neben ihr stückweise von seiner Umarmer-aller-Frauen-Rolle. Zum Beispiel, wenn er einen Kandidaten heimlich als "Textilterroristen" bezeichnet, oder einen Entwurf gar "schrecklich" findet.

Guido-Fans, denen das Herz schon bei seiner Shopping Queen, Promi Shopping Queen, Deutschlands schönste Frau und Hotter Than My Daughter aufging, werden hier also nicht gelangweilt sein. Aber wie steht es um Kretschmers Handarbeits-Deutschland vom Anfang der Sendung?

Keine Frage, das gibt es. Es liest Independent-Nähmagazine und Blogs, geht auf Kreativmärkte in Kreuzberg oder im Schanzenviertel. Es ist in den letzten Jahren von der Nische zu einem großen und wichtigen Markt für Marken, Verlagen und nun eben auch für TV-Sender geworden. Aber es bleibt eben gern unter sich und drängt offenbar nicht gerade ins Privatfernsehen.

Für das neue Format haben sich lediglich 500 Kandidaten beworben.

Geschickt eingefädelt, Vox, dienstags, 20.15 Uhr.

© SZ vom 03.11.2015/jobr
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