"Geschickt eingefädelt" auf Vox:Der Umarmer aller Frauen ist knallhart

"Geschickt eingefädelt"; Guido Maria Kretschmer; Vox

Gucken genau auf die Naht: Anke Müller, Guido Maria Kretschmer und Inge Szoltysik-Sparrer (von links).

(Foto: VOX/Andreas Friese)

Mit "Geschickt eingefädelt" versucht Vox, vom Handarbeits-Hype zu profitieren. Doch selbst Guido Maria Kretschmer wird die Szene nicht für das Format begeistern können.

Von Dennis Braatz

Casting-Deutschland hat in den vergangenen Jahren gesungen und gekocht, was seine Stimmen und Herde gehalten haben. Von Vocal-Coaches und pochierten Eiern hat es bis heute nicht genug bekommen. Das mag daran liegen, dass jeder isst - und es so schön rührt, wenn jemand im Fernsehen die Töne trifft, oder eben nicht. Aber ein Format, bei dem es ums Nähen und Schneidern geht?

Auf die Frage gibt Fernseh-Modemacher Guido Mari a Kretschmer gleich zu Beginn seiner neuen Show Antwort: "Aus tollen Stoffen ganz einzigartige, wunderschöne Kleidung herzustellen, das ist eine Leidenschaft, die mich mit ganz vielen Menschen in diesem Land verbindet." Damit aber nicht genug. Seit ausgebuchten Nähkursen und unzähligen Menschen, die sich in Näh-Cafés und auf Näh-Blogs träfen, stecke Deutschland im Handarbeitsfieber.

Geschickt eingefädelt, so der Titel der achtteiligen Vox-Sendung, in der ein neuer Näh-König gesucht wird. Ein durchaus mutiges Unterfangen. Einerseits, weil diesen Sendeplatz zuvor noch die Höhle der Löwen, eine Casting-Show für Start-Ups mit guten Geschäftsideen und auch Quoten, belegte. Andererseits, weil schon einige andere Näh-Sendungen gescheitert sind. 2013 zum Beispiel Fashion Hero von Pro Sieben, mit Claudia Schiffer als Jury-Vorsitzender, das nicht mal eine Million Menschen sehen wollten und zum Schluss vom Sendeplatz geschmissen wurde. An The Next Fashion Talent, ebenfalls Pro Sieben, erinnert sich niemand mehr.

Mode ist anderswo viel mehr Alltagskultur als in Deutschland

Vox ist das egal. Das BBC-Originalformat The Great British Sewing Bee war so erfolgreich, dass es nun endlich auch mal hierzulande klappen soll.

In Großbritannien ist Mode allerdings viel mehr Alltagskultur als in Deutschland. Sie ist ein selbstverständlicher Teil in den Berichterstattungen vieler Tageszeitungen. Die weltweit erfolgreichsten Mode-Universitäten sind in London angesiedelt. Der Staat fördert junge Designer mit beträchtlichen Summen. Das gilt auch für Frankreich und die USA, wo Näh-Sendungen wie Project Runway, zum Teil in der 14. Staffel, gute Quoten einfahren. Nun gut, hierzulande soll das durch die frisch gegründete Lobby "Fashion Council Germany" ja auch bald so kommen - weshalb wir dem Ganzen eine Chance geben wollen.

"Das sieht ja aus wie mit der Kreissäge geschnitten!"

Die Spielregeln also lauten wie folgt: Acht perfekt ausgesuchte Hobby-Näher (Best-Ager, Emo-Mädchen, Übergrößen-Trägerin) müssen in jeder Folge eine Technik- und eine Kreativ-Aufgabe lösen. Danach bewertet die Jury das Ergebnis. Sie besteht aus Kretschmer selbst, und wer immer noch nicht weiß, wer das ist, erfährt von der Stimme aus dem Off, er sei "einer der besten deutschen Modedesigner, der die schönsten Frauen des Landes anzieht". Damit ist wohl auch Natascha Ochsenknecht gemeint, die als Besucherin einer seiner Schauen eingeblendet wird. Zwei selbst bei Modekennern eher unbekannte Damen vervollständigen die Jury: die strenge Inge Szoltysik-Sparrer, Bundesvorsitzende des Maßschneiderhandwerks ("Das sieht ja aus wie mit der Kreissäge geschnitten!") und Anke Müller, die sich 2002 mit ihrem Label für "Lingerie- und Loungewear" selbstständig gemacht hat ("Die Farben gefallen mir ausgesprochen gut!").

Pro Folge muss ein Kandidat gehen. Wer übrig bleibt, gewinnt einen Gastaufenthalt von nicht genannter Länge an der wichtigsten Modeschule von Paris, der École de la chambre syndicale de la couture parisienne. Man wünscht ihn während der ersten Aufgabe, bei der in zweieinhalb Stunden ein Bleistiftrock nach einfachen Schnittmustern genäht werden muss, gleich mehreren Kandidaten. Dort würde ihnen auch mal jemand zeigen, wie ein Reißverschluss richtig angenäht wird. Nach der zweiten Runde würde man am liebsten gleich alle Richtung Frankreich schicken.

Aus zwei alten Herrenhemden soll ein neues Damenoberteil gemacht werden. Das Motto: "Heiße Szeneparty". Gezeigt werden Fifties-Verschnitte, taillenlose Longsleeves und Bandeaus aus Pailletten (Wie war das gleich mit den zwei Herrenhemden?). Selbst auf den unbeweglichen Schneiderbüsten schlagen die Entwürfe bei der finalen Jury-Begehung nur so Buckel und Falten.

Lediglich 500 Bewerbungen

Unterhaltsam macht das neue Format hauptsächlich Jurorin Szoltysik-Sparrer, die ihre Kandidatinnen regelmäßig unter Druck setzt, indem sie ihnen über die Schulter Sätze sagt wie: "Du weißt, ich lege großen Wert auf Handarbeit." Selbst Kretschmer ("Stopf da Watte rein, muss Inge doch nicht mitkriegen!") verabschiedet sich neben ihr stückweise von seiner Umarmer-aller-Frauen-Rolle. Zum Beispiel, wenn er einen Kandidaten heimlich als "Textilterroristen" bezeichnet, oder einen Entwurf gar "schrecklich" findet.

Guido-Fans, denen das Herz schon bei seiner Shopping Queen, Promi Shopping Queen, Deutschlands schönste Frau und Hotter Than My Daughter aufging, werden hier also nicht gelangweilt sein. Aber wie steht es um Kretschmers Handarbeits-Deutschland vom Anfang der Sendung?

Keine Frage, das gibt es. Es liest Independent-Nähmagazine und Blogs, geht auf Kreativmärkte in Kreuzberg oder im Schanzenviertel. Es ist in den letzten Jahren von der Nische zu einem großen und wichtigen Markt für Marken, Verlagen und nun eben auch für TV-Sender geworden. Aber es bleibt eben gern unter sich und drängt offenbar nicht gerade ins Privatfernsehen.

Für das neue Format haben sich lediglich 500 Kandidaten beworben.

Geschickt eingefädelt, Vox, dienstags, 20.15 Uhr.

© SZ vom 03.11.2015/jobr
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