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75 Jahre SZ:Die Lebensbegleiterin

75 Jahre SZ Menschen lesen auf der Straße die Süddeutsche Zeitung, 1946

Im Jahr 1946 lesen Menschen die Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, in der über die Urteile der Nürnberger Prozesse berichtet wird.

(Foto: SZ Photo)

Seit 75 Jahren will die Süddeutsche Zeitung ihre Leserinnen und Leser informieren und unterhalten - mit Exklusivgeschichten, Meinungsbeiträgen, ganz eigenen Kolumnen und neuen digitalen Erzählformaten. Eine Chronik.

Von Joachim Käppner und Christian Mayer

"Nicht die Stadt kann man für zerstörte Schönheit verantwortlich machen, nein, Menschen, die in ihr wohnten und Irrwege gingen, die, unüberlegt oder verführt, den Sinn des Lebens mißverstanden und heitere Lebenslust in finstere Eroberungssucht umwandelten. Die die ehrwürdigen Traditionen einer Musenstadt mit den fröhlichen Begleitkulissen des Starkbiers, des Faschings, des Oktoberfestes vergaßen, und statt dessen marschierten, organisierten, uniformierten, sich zu Sklaven einer angriffslustigen Kriegsmaschine machten und sich von verlogenen, wahnwitzigen Parolen locken ließen."

So steht es auf der Seite Drei der Süddeutschen Zeitung, in den Anfängen, am 9. Oktober 1945. Drei Tage zuvor ist die erste Ausgabe erschienen, acht Seiten dünn, immerhin 20 Pfennig teuer. Die Druckmaschine stammt aus dem Jahr 1924 und hatte im Keller der Vorgängerzeitung, der Münchner Neuesten Nachrichten, wundersam die Flächenbombardements überstanden.

Es hat durchaus symbolische Bedeutung, dass für die ersten Druckplatten der neuen, Freiheit und Demokratie verpflichteten Zeitung der Bleisatz von Hitlers "Mein Kampf" eingeschmolzen worden ist. Die amerikanische Militärregierung in Bayern hat drei als unbelastet geltenden Herren die "Lizenz Nummer eins" übertragen: dem konservativen Journalisten August Schwingenstein, dem Sozialdemokraten Edmund Goldschagg und dem Katholiken Franz Josef Schöningh. 1952 wird auch der Verlagskaufmann Hans Dürrmeier Mitgesellschafter.

Bald kommt auch Werner Friedmann hinzu, der Autor, der in der zweiten Ausgabe da voller Schwermut zurücksah auf seine Stadt, die einmal ein Ort der Boheme, der Lebenskunst, der frohen Farben gewesen war und dann in einem vom Wahnsinn getriebenen Niedergang zu Adolf Hitlers "Hauptstadt der Bewegung" herabsank.

Für einen liberalen und weltoffenen Kurs

Friedmann gehört zu den großen Gründerfiguren der SZ, nicht nur, weil er 1946 zu den bis dahin drei Herausgebern stößt. In den ersten Jahren ist Friedmann, Sohn eines jüdischen Arztes und Nazigegner, auch derjenige, der wie kaum ein anderer für einen liberalen, weltoffenen, mit der NS-Vergangenheit brechenden Kurs steht - ob er harte Strafen für nationalsozialistische Verbrechen fordert oder 1951 die Schauspielerin Hildegard Knef gegen ressentimentgeladene Wutbürger in Schutz nimmt.

Unumstritten ist dieser Kurs keineswegs, wie der frühere SZ-Feuilletonredakteur Knud von Harbou in zwei jüngeren Büchern sorgfältig dargestellt hat. Die Zeitung mag immer wieder als Verteidigerin der jungen westdeutschen Demokratie auftreten, und doch ist sie nicht viel besser als die damalige Gesellschaft. Es gibt neben bekennenden Antifaschisten auch Mitläufer aus der Nazizeit, Opportunisten und wirkliche ehemalige und schwer belastete Nationalsozialisten wie den Lizenzträger Franz Josef Schöningh und den späteren Chefredakteur Hermann Proebst. Auch wenn das Ausmaß ihrer Mitschuld damals höchstens zu ahnen ist und erst Jahrzehnte später belegt wird, auch sie sind, plötzlich beflissene Bildungsbürger, ein Teil jener SZ, die um ihre politische Position erst ringen muss.

Auf der Gegenseite stehen anerkannte Antifaschisten wie der spätere Außenpolitik-Ressortleiter Immanuel Birnbaum, der zu den Vordenkern der Neuen Ostpolitik unter Willy Brandt wird.

Die Zeitung steht, was ihr Verbreitungsgebiet betrifft, von Beginn an auf zwei Beinen: dem Münchner Regionalteil und dem deutschlandweiten Teil. Täglich erscheint sie erst ab Herbst 1949, als der Papiermangel endet. In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik prägt sich ein liberaler Kurs aus.

Von Beginn an achtet die SZ darauf, nach angelsächsischem Vorbild Nachrichten und Kommentare zu trennen; bis heute ist die Seite Vier der Platz für dezidierte Meinungsbeiträge aus der Redaktion. Seit Januar 2018 gibt es eine eigene Meinungs-Redaktion, welche sich auch um Gastbeiträge kümmert.

Die Zeitung entwickelt aber auch ganz eigene, oft bis in die Gegenwart reichende Formen. Da ist die älteste Zeitungskolumne der Republik, das Streiflicht, das die tägliche Ausgabe als erster Beitrag auf der Seite Eins eröffnet. Stilbildend wirkt die Seite Drei, die anspruchsvollen Reportagen und Features vorbehalten bleibt und deren Autoren wie Hans Ulrich Kempski, Ursula von Kardorff, Herbert-Riehl-Heyse und Peter Sartorius zum Vorbild vieler junger Journalisten werden. Auch die Karikaturen spielen bald eine bedeutende Rolle, Zeichner wie Ernst Maria Lang und Luis Murschetz werden auch international nachgedruckt.

Das Redaktionsstatut - ein besonderer Einschnitt

Einen besonderen Einschnitt markiert das Jahr 1971. Geschäftsführung, Betriebsrat und Redaktion beschließen das bis heute gültige Redaktionsstatut, das die politische Linie der Zeitung zwar nicht im Detail vorgibt, aber diese auf die "freiheitliche, demokratische Gesellschaftsform nach liberalen und sozialen Grundsätzen" verpflichtet. Außerdem schützt es die Redaktion vor Eingriffen des Verlages in ihre innere Freiheit und macht die Besetzung von Führungsposten von der Zustimmung der leitenden Redakteurinnen und Redakteure abhängig. Diese ganz im Geist der Reformära Willy Brandt gehaltene Neuerung hat sich als wirksames Mittel zur Wahrung der redaktionellen Unabhängigkeit erwiesen: Kein Verleger hat etwa das Recht, Gefälligkeiten für Geschäftsfreunde oder Anzeigenkunden zu erzwingen.

1982 ist ein Jahr des Wechsels, in Bonn wird Helmut Kohl Kanzler durch ein konstruktives Misstrauensvotum und löst am 1. Oktober den Sozialdemokraten Helmut Schmidt ab. Auch in München beginnt eine neue Zeit: Bereits im August wird die Zeitungsproduktion endgültig vom klassischen Bleisatz auf elektronischen Fotosatz umgestellt.

Für die SZ sind es wirtschaftlich erfolgreiche Jahre, in denen das Blatt behutsam modernisiert wird und der Verlag Geld in ein neues Druckzentrum in München-Steinhausen investiert, denn die alte Druckerei in der Innenstadt ist längst viel zu klein geworden. Mit Dieter Schröder bekommt die SZ im Januar 1985 einen gebürtigen Berliner als Chefredakteur, der auch schon beim Spiegel und als SZ-Korrespondent in London tätig war.

Schon damals gibt es viel Bewegung in der Münchner Redaktion, auch wenn das Tempo noch etwas gemächlicher ist als heute - noch haben die gedruckten Zeitungen keine Konkurrenz durch das Internet.

Im Juni 1988 erscheint die SZ erstmals im neuen Layout, nicht mehr mit einem fünfspaltigen, sondern einem sechsspaltigen Umbruch. Am 11. Mai 1990 liegt das erste SZ-Magazin der Freitagsausgabe bei, mit Texten über Schnittblumen, Oskar Lafontaine, die Deutsche Einheit, eine Schweizer Malerin und das Münchner Nachtleben. Immer mehr Journalisten zieht es seit der Wiedervereinigung nach Berlin, ab Februar 1995 erscheint in der Süddeutschen die "Berlin-Seite", das SZ-Hauptstadtbüro zieht 1999 endgültig von Bonn in die Französische Straße mitten im neuen Regierungsviertel - als Politikbeobachter bleibt man gerne dicht dran.

Die Chefredaktion führen in den Neunzigerjahren Gernot Sittner (seit 1993) und Hans Werner Kilz (seit 1996). Die SZ versucht nun, mit einem noch größeren Angebot neue Leser zu gewinnen, sie baut die investigative Recherche aus, reagiert noch schneller auf aktuelle Ereignisse. Im Juli 1996 gibt es eine weitere optische Innovation mit dem ersten Farbfoto auf der Titelseite.

Auch der SZ-typische Tonfall der heiteren Gelassenheit und leisen Ironie hat weiter seinen Platz - dafür gibt es beispielsweise den "Kasten" auf der Seite 1, das erweiterte Panorama mit neuen Kolumnen und das SZ am Wochenende mit dem Essay und dem großen Interview auf der letzten Seite.

Von goldenen Jahren und konjunkturellen Krisen

Die Neunziger sind noch einmal goldene Jahre für die gesamte Zeitungsbranche, geprägt von wachsenden Auflagen und steigenden Anzeigenerlösen. Im Oktober 1995 startet zudem das Online-Angebot, aus dem später das Internetportal SZ.de wird.

Nicht alle neuen Angebote sind von Dauer, die konjunkturellen Zeitungskrisen 2002/2003 und 2009 treffen auch die SZ ziemlich heftig. Aus Kostengründen werden die Berlin-Seite und der Regionalteil für Nordrhein-Westfalen eingestellt. Als neuer Gesellschafter des Süddeutschen Verlags steigt die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) ein. 2007 ist auch das Jahr mit der höchsten Auflage für die SZ, mit mehr als 447.000 gedruckten Exemplaren.

Ein Jahr später erwirbt die SWMH einen Gesamtanteil von mehr als 80 Prozent am Süddeutschen Verlag, da vier von fünf Gesellschafterfamilien ihre Anteile verkaufen, nur die Familie Friedmann bleibt. Im November 2008 ziehen Redaktion und Verlag der SZ von der Sendlinger Straße neben das Druckereigebäude nach Berg am Laim in ein Hochhaus - nach 63 Jahren in der Münchner Innenstadt in ein "städtebauliches Wildschweingehege", wie es Oberbürgermeister Christian Ude auf der Abschiedsparty ausdrückt.

Die Redaktion erlebt in ihrem neuen Umfeld nun eine Zeit der rasanten Veränderung. Die freie Verfügbarkeit von Nachrichten im Internet stellt die Zeitung für eine große Herausforderung. Auch deshalb stärkt die SZ das Online-Angebot, aber auch die investigative Recherche, die ab 2009 als eigenes Ressort arbeitet. 2010 gibt es einen Relaunch im lokalen Kernverbreitungsgebiet: Der neue München-Region-Bayern-Teil bietet den Lesern im Großraum München ein differenziertes Angebot.

Zum Jahresbeginn 2011 wird Kurt Kister Chefredakteur der SZ, ab 2015 bildet er mit Wolfgang Krach eine Doppelspitze. Von zentraler Bedeutung für die Zukunft der Zeitung ist nun die digitale Ausgabe: Ab Oktober 2011 ist die grüne SZ-App erhältlich, mit der man die Tageszeitung schon am Abend zuvor weltweit herunterladen kann, seit März 2015 können Leser mit dem Angebot SZ Plus auf alle Ausgaben der Zeitung und die digitalen Zusatzangebote zugreifen.

Auch das Gesicht der Zeitung ändert sich, wenn auch behutsam, als im Oktober 2014 die neue Samstagsausgabe auf den Markt kommt: Die SZ am Wochenende bietet jetzt einen erweiterten Wissensteil, ein großes Schwerpunktthema ("Buch Zwei"), einen Gesellschafts- und einen Stil-Teil sowie ein eigenes Angebot für Kinder. Mit dem Format "Das Thema" startet die SZ im November 2017 auch einen eigenen Podcast.

Seit der Aufnahme von fast einer Million Flüchtlinge in Deutschland 2015, dem Erfolg populistischer Parteien, dem Wahlsieg von Donald Trump sieht sich die SZ noch stärker in der Pflicht, durch eigene Faktenchecks zu erklären, über welche Inhalte man wie berichtet - und wo die Gefahren durch Fake News liegen. Auch globale Themen wie die Klimakrise werden nun noch relevanter.

Publizistische Erfolge, die international große Beachtung finden, gelingen der SZ mit den Enthüllungen der Panama Papers im April 2016, den Paradise Papers im November 2017, mit den Implant Files im November 2018 oder mit den Exklusivberichten zur Ibiza-Affäre 2019, die in Österreich zum Sturz der Regierung führen.

Es ist eine Zeit der Kontroversen, aber letztlich sind sich Frauen und Männer in der Redaktion darin einig: Die SZ lebt von gut recherchierten, glänzend geschriebenen und ansprechend präsentierten Geschichten, auch von Inhalten, die jetzt digital ganz neu erzählt werden. Sie möchte weiter nicht nur informieren, sondern auch unterhalten.

Auch 2020 ist bisher ein aufregendes Jahr für die Zeitung: Im Zuge der Corona-Pandemie wird die SZ Anfang April 2020 komplett im Home-Office produziert. Und im Juli 2020 gibt es einen Wechsel an der Spitze: Kurt Kister scheidet auf eigenen Wunsch aus der Chefredaktion aus, bleibt der Zeitung aber als Autor erhalten. Die integrierte Chefredaktion, die nun für alle Kanäle der Zeitung zuständig ist, besteht künftig aus Judith Wittwer und Wolfgang Krach, stellvertretende Chefredakteure sind Alexandra Föderl-Schmid und Ulrich Schäfer.

© SZ.de/bica/che

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