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"Geschenkt" in der ARD:"Oarschwelt"

Geschenkt ; ARD/BR GESCHENKT, am Mittwoch (18.12.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN

Thomas Stipsits spielt den Looser Plassek in "Geschenkt" mal laut, mal lakonisch.

(Foto: Petro Domenigg/BR/ORF/Mona Film/Tivoli Film)

Vom versoffenen "Opfer" zum Starreporter mit Wunderkräften: Das Erste zeigt mit "Geschenkt" einen Weihnachtsfilm, der fast kitschfrei ist.

Von Friederike Zoe Grasshoff

Plassek mag sein Leben nicht, würde es aber gerne mögen. Also trinkt er. Dosenbier, wenn er schreibt. Bier aus großen Gläsern, wenn er am Tresen von "Zoltans Bar" sitzt, wo er fast immer sitzt, und Schnaps, wenn es kompliziert wird.

Gerold Plassek mag auch kaum jemanden. Die Suff-Freunde ein bisschen, seinen 14-jährigen WG-Mitbewohner Manuel gar nicht. Ihn hat die Mutter bei ihm gelassen, um im Ausland Kranke zu heilen. Sich selbst mag Plassek am allerwenigsten. Der Antiheld wohnt, wahrscheinlich schon immer, in St. Pölten, wo es viele Lichterketten und wenige nüchterne Menschen gibt, und manchmal weiß man gar nicht, ob Plassek urigstes Österreichisch spricht oder lallt.

In einer der schönsten Szenen des Provinzgemäldes Geschenkt wird er in Manuels Schule gerufen und schimpft dort über die "Oarschwelt", bis die Direktorin fragt, ob er getrunken hat. Klar hat er, ist doch auch anders nicht auszuhalten. Und eh alles egal. Familie hat er nicht. Er schreibt Texte für die von ihm verachtete Gratiszeitung Tag für Tag, was seine Ambitionen ganz gut auf den Punkt bringt.

In diese Tragikomik des von Regisseur Daniel Prochaska inszenierten Films, der auf einem Roman von Daniel Glattauer basiert, bricht gleich zu Beginn das Gute herein. Nachdem ein Artikel von Plassek erscheint, erhält die soziale Einrichtung, über die berichtet wurde, 10 000 Euro. Und so geht das weiter, 10 000 hier, 10 000 da, immer anonym, und immer der Bezug zu Plassek (von Thomas Stipsits mal laut, mal lakonisch gespielt). Und so wird aus einem, der bemerkenswert offen mit seinem Alkoholismus umgeht und sich nicht an die Nullerjahre erinnern kann, ein gefragter Typ in St. Pölten; jeder will, dass der Plassek kommt und was schreibt. Es wird sogar seine Fantasie wahr: Manuels Lehrerin Rebecca (Julia Koschitz) verknallt sich in ihn. Die sagt irgendwann den Supersatz: "Dass man sich sogar dich schönsaufen kann."

Geschenkt, eine Produktion von ORF und BR, zeigt neben Stipsits und Koschitz auch eher unbekannte Schauspieler, Tristan Göbel etwa spielt den bleichen Manuel herrlich teenagertraurig und trotzdem dezent. Überhaupt, die schöne Traurigkeit. Das Plassek-Leben ist mit tiefen Farben überzogen, die Wände seiner Wohnung sind gelb und rot, die des Kneipenpissoirs waldgrün, und doch wirkt alles eng und dunkel und so, als lebte hier jemand, der raus will aus dieser zynischen Existenz.

Mit dem Verlierer-Sujet spielt der Film aber nicht nur zur Bespaßung; man kommt nah ran an diesen Mann, dem man binnen einer Sendeminute dabei zusehen kann, wie er kippt; von Ich-bin-cool-Proklamationen in die Angst, allein auf der Badematte zu sterben. Der angeschlagen ist, aber nicht kaputt. Und als würde es nicht genug Hoffnung und Wunder geben und dem Protagonisten Möglichkeiten vor die Füße geworfen, doch noch gut zu werden, eröffnet ihm Mitbewohnerin Alice am Telefon, dass Manuel sein Sohn ist. Der Manuel, der ihn "Opfer" nennt.

Geschenkt ; ARD/BR GESCHENKT, am Mittwoch (18.12.19) um 20:15 Uhr im ERSTEN

Vom versoffenen Opfer zum Starreporter: Thomas Stipsits spielt den Looser Plassek in "Geschenkt" mal laut, mal lakonisch.

(Foto: Petro Domenigg/BR/ORF/Mona Film/Tivoli Film)

Dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Plassek das Terrain der "Oarschwelt" allmählich verlassen muss, leider. Das geht nicht völlig unkitschig über die Bühne, trotzdem bleibt Geschenkt ein humorvoller, schöner kleiner Film, der gar nicht versucht, groß bis riesig zu sein. Nur an einer Stelle. Da wachsen Plassek große Flügel, und er kommt kaum mehr durch die Tür von "Zoltans Bar". Gut, es weihnachtet halt.

Geschenkt, Das Erste, Mittwoch, 20.15 Uhr.

© SZ vom 18.12.2019/biaz

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