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Germany's Next Topmodel:"Ich auch!"

Germany's Next Topmodel 2015 Finals

"Ihr seid alle wunderschöne Puppen!" - und das Publikum flippt aus. Das "Germany's Next Topmodel"-Finale am Donnerstag in Mannheim.

(Foto: Thomas Lohnes/Getty Images)

Der Körperkult der Fernsehsendung mache Frauen krank, sagen Wissenschaftler. Und was sagen die, die wirklich an Essstörungen leiden?

Die Stimmung in der WG kippt, als die Puppen das Zellophan zerreißen. Disko-Barbie ist als erste an der Reihe. Mit durchgedrücktem Rücken kämpft sie sich aus ihrem Pappkarton mit Zellophan-Front und stakst in Richtung Heidi Klum. So sieht das aus, wenn man Germany's Next Topmodel werden will. Es folgen die drei anderen Finalistinnen der Topmodel-Show, inszeniert als Braut-, Hula- und Cowgirl-Barbie. Die Musik wummert, die Scheinwerfer zucken. Am Ende kreischt Heidi Klum: "Ihr seid alle wunderschöne Puppen!" Die 8000 Zuschauer in der SAP-Arena in Mannheim flippen aus.

Die jungen Frauen, die sich im Wohnzimmer um den Fernseher geschart haben und das Topmodel-Finale verfolgen, ehe es wegen einer Bombendrohung abgebrochen wird, sind plötzlich richtig wütend. In Joggingklamotten, mit Hausschlappen sitzen sie da, reden nebenbei über Jungs und die Wochenendgestaltung. Ein gemütlicher Mädelsabend. Bis zum Barbie-Auftritt, der ihnen Wut in die Stimmen treibt: Muss das jetzt wirklich sein, dieses Wort "Puppen"? Muss man sich das gefallen lassen für den großen Traum? Die jungen Frauen wissen, was das ist, dieser Traum vom Schönsein. Und was er anrichten kann. Sie leben zusammen in einer betreuten WG des Hilfsvereins ANAD, weil sie an Magersucht oder Bulimie leiden, also entweder hungern oder sich gezielt nach dem Essen übergeben.

Wenn man sagt, dass sie das auch machen, weil sie so sein wollten wie die Mädchen auf der TV-Bühne, ist das nicht falsch. Als im Jahr 2006 die erste Staffel Germany's Next Topmodel lief, waren die jüngsten unter ihnen gerade mal acht Jahre alt. Sie sind mit der Sendung aufgewachsen. Wenn Klum am Abend ihre Mädchen über den Laufsteg schickte, habe es am nächsten Morgen in der Schule kein anderes Thema gegeben, erzählen sie. Und aus den Fernsehbildern wurden Träume: "Wenn du noch zwei, drei Kilo abnimmst, könntest du auch Model werden", habe es auf dem Schulhof geheißen, sagt Daria, ein selbstbewusst auftretendes Mädchen, die dunklen Haare zum Dutt gebunden (Namen geändert). Sie habe sich wirklich ausgemalt, bei Heidi im Finale zu stehen. "Ich auch, ich auch", ruft eine Mitbewohnerin. Die anderen nicken.

Nimm noch zwei, drei Kilo ab, dann könntest du Model werden, hieß es in der Schule

Ich will auch Model sein, Puppe sein und bin bereit dafür zu leiden - diesen Zusammenhang sieht auch die Wissenschaft. Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen hat 241 behandlungsbedürftig essgestörte Menschen nach ihren Fernsehgewohnheiten befragt. Acht von zehn Befragten gaben an, die Modelshow GNTM könne Essstörungen verstärken. Ein Drittel bescheinigte der Sendung gar einen "sehr starken Einfluss" auf die eigene Erkrankung.

Nachdem die Studie im April vorgestellt worden war, verteidigte sich Pro Sieben mit dem Hinweis, bei GNTM sei "gesunde und nachhaltige Ernährung" ein wichtiges Thema, genauso wie Sport. Zudem sei Übergewicht ein viel größeres gesellschaftliches Problem. Eine Antwort, die viele Menschen als zynisch empfanden: Magersucht ist die tödlichste psychische Erkrankung weltweit. Den wütendsten Einwand formulierte der Kölner Psychiater Manfred Lütz in einem Zeitungsinterview: Wenn der Sender sich nicht entschuldige und endlich Konsequenzen aus der Studie ziehe, nehme er offensichtlich eiskalt den Tod junger Frauen in Kauf.

In der WG haben sie das mit der Studie mitbekommen. Wirklich verwundert ist über das Ergebnis keiner hier, sie kennen sich ja aus mit dem Schlankheitswahn. Teresa aus Italien etwa war gerade elf Jahre alt, als sie magersüchtig wurde. Ihre Mutter übertrug das Verhalten auf die Tochter. Der Verzicht auf Nahrung entwickelte sich zum Konkurrenzkampf. Wer ist dünner? Teresa entsorgt, anstatt zu essen. Als die Mutter einen Müllsack voller Lebensmittel im Kinderzimmer entdeckte, brachte sie ihr Kind dann doch ins Krankenhaus: 29 Kilogramm wog Teresa da.

Lara ist noch neu in der WG, hat eine lange Krankenhaus-Karriere hinter sich. Als pummelig habe sie sich empfunden und sei sehr unzufrieden damit gewesen. Es habe Stress mit Freunden gegeben, Stress mit den Eltern, dazu Leistungsdruck in der Schule. "Irgendwie kam alles zusammen", sagt Lara und so ganz scheint sie selbst noch nicht fassen zu können, wie das in eine schwere Essstörung münden konnte.

Wenn Teresa, Lara, Daria und ihre Mitbewohnerinnen GNTM schauen, dann tun sie das anders als Menschen, die nie eine Essstörung hatten. Die jungen Frauen sind Expertinnen im Dünnsein. Den Body-Mass-Index der Finalistinnen können sie schon abschätzen, als die Topmodel-Anwärterinnen zum ersten Mal auf die Bühne treten: 17 und weniger, sagen sie. Normal ist 20 bis 25. Sie wissen, dass die Jury mal eine Kandidatin als dick bezeichnet hat - und bemerken jetzt, dass diese als einzige nicht bauchfrei über den Laufsteg läuft. Heidi Klums Oberschenkel? Waren vor 20 Jahren mal richtig klasse, sind jetzt aber viel zu dünn. Wolfgang Joop? Steht auf Männer und findet deshalb eh nur Körper gut, die aussehen wie ein Brett. Laut wird es, als ein Einspieler die ausgeschiedene Kandidatin Kiki zeigt, die einen Slip in einer ganz normalen Größe in die Luft hält und erklärt, der sei so riesig, dass sie sich komplett hineinlegen könnte. "Spinnt die?", ruft eine WG-Bewohnerin durchs Zimmer. Wie soll man da keine Komplexe bekommen? Und die Mädchen auf dem Sofa wundern sich auch, dass die Mädchen auf der Bühne so fit sind: "Wenn du runtergehungert bist, kannst du eigentlich nicht mal mehr richtig denken."

"Dünn sein heißt glücklich sein", sagt Lara. Das dachten sie alle zu Beginn der Krankheit

700 000 Menschen in Deutschland leiden an einer Essstörung. Sie haben Magersucht, Bulimie, Essattacken - oder eine Mischung aus all dem. Besonders häufig betroffen sind Mädchen zwischen elf und 17 Jahren. Natürlich ist eine Fernsehsendung allein noch kein Krankheitsauslöser. Oft kommt vieles zusammen, wie bei Lara. Die Beherrschung des Körpers wird dann zur vermeintlich einzigen Möglichkeit, die Kontrolle zu behalten.

"Außerdem glaubte ich, dass die Topmodels alle total glücklich sind", sagt Daria. Wer am Ende einer Staffel vor Freude weint, weil das eigene Konterfei auf einem Magazincover erscheint, wer einen Modelvertrag bekommt, von Tausenden Menschen bejubelt wird - der muss doch ein tolles Leben vor sich haben. "Dünn sein heißt glücklich sein", fasst Lara den Gedanken zusammen, den sie alle einmal hatten, damals, zu Beginn ihrer Krankheit.

Wie ein Körper aussieht, der vermeintlich glücklich macht, das zeigt Heidi Klum. 40 Prozent der Mädchen zwischen elf und 17 Jahren schauen Germany's Next Topmodel. Aber natürlich ist die Show nicht das einzige Format, das ein ungesundes Körperbild vermittelt. Es gibt so viele andere Sendungen, Zeitschriften, Werbeformate. Wenn mager sein eine Sucht ist, dann finden die Betroffenen ihren Stoff an jedem Schaufenster, an jeder Litfaßsäule, an jedem Kiosk. "Wenn ich jemanden sehr dünnen sehe, triggert mich das", sagt Teresa. Sie hat es schon einmal geschafft, über viele viele Tage nichts zu essen. "Ich weiß, ich würde es wieder schaffen." Sie will aber nicht. Denn jetzt, nach langer Therapie, klingt die Wahrheit über das Dünnsein nicht mehr nach dem großen Glück: Die Krankheit macht traurig, wird zur einzigen Freundin. Nur von einer Sache komme sie nicht los. Die junge Frau mit den dunklen Haaren senkt die Stimme, ihr Satz wirkt wie ein Geständnis: Sie finde die dünnen Modelkörper immer noch schön. Eine ihrer Mitbewohnerinnen geht noch weiter: "Ich glaube ja immer noch, dass die Gesellschaft dieses Aussehen toll findet!" Kann man da widersprechen?

Dabei ist dieses Schönheitsideal ja eigentlich noch harmlos, sagen sie dann. In Spielzeugläden werde jetzt die nächste Stufe angepriesen. Die jungen Frauen geben ein Handy herum, darauf das Foto eines Skeletts mit langen schwarzen Haaren, kurzem Rock und Kussmund. Das Knochenmädchen Skelita aus der Mattel-Serie "Monster High". "Mit so was spielen die Achtjährigen heute", sagt Daria, "ist das nicht krank?"