bedeckt München 20°

Gerhard Schröder bei Beckmann:Schröder und das Pausenbrot

Gerhard Schrööder bei 'Beckmann'

Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) zu Gast bei Reinhold Beckmann

(Foto: dpa)

Altkanzler Schröder wirbt bei Beckmann um Verständnis für Russland. Fast ein Jahrzehnt nach seiner Kanzlerschaft versucht der "Kanzler der Bosse", endlich die Deutungshoheit über sein Lebenswerk zu gewinnen.

Seine Hände liegen wie angeklebt auf der Tischkante. Der Rücken ist kerzengerade in die Lehne des Studiosessels gepresst. Nur sein Mund bewegt sich, wenn Gerhard Schröder auf die Fragen von Reinhold Beckmann in der ARD antwortet. Der Altkanzler sitzt da wie seine eigene Statue. Ein wenig so wie Karl Marx auf dem Marx-Engels-Forum in Berlin. Nur eben ohne Friedrich Engels und mit Tisch.

Der Altkanzler wird bald 70. Und er hat ein Buch geschrieben. Besser: schreiben lassen. Im Dialog, wie Schröder so sagt. Das sei halt sein Stil. Ein Interviewbuch mit ihm als Interviewpartner. "Klare Worte", heißt es. Ein Buch über "Mut, Macht und unsere Zukunft". Ein Buch also über alles und nichts und Grund genug, ihm etwas über eine Stunde lang ein Solo bei Beckmann einzuräumen.

Der Stern hat Beckmann den Gefallen getan, ihm einen Einstieg in das Gespräch zu liefern. Das Magazin hat Schröder auf dem Titel. Und als wäre das mit Beckmann abgesprochen steht da: "Schröder - Sein trauriges Leben nach der Macht. Falsche Freunde, keine richtige Aufgabe und eine Frau, die eigene Wege geht." Puh, was für ein Aufschlag.

Beckmann beugt sich weit vor. "Was ist da los?", fragt er mit scheininvestigativem Grinsen im Gesicht. Schröder hätte jetzt einfach antworten können: Nix.

Aber Schröder ist in eigenem Auftrag hier. Er muss sich mal langsam ransetzen und sein Denkmal bauen, die Deutungshoheit über sein Lebenswerk gewinnen, Herr seiner Agenda werden.

Bisher haben ihn immer andere bewertet: Der Basta-Kanzler, der Brioni-Kanzler, der Kanzler der Bosse. Und jetzt soll er ein trauriges Leben führen? "Das ist die absurdeste Geschichte, die ich je über mich gelesen habe." Eine erfolgreiche Frau in der Politik, zwei Kinder, denen er das Pausenbrot schmiert und sie ab und an zur Schule bringt. "Das ist ein großes Glück. Jedenfalls für mich," sagt er.

Ende der Debatte

Wenn er Zeit hat. Er hat ja auch noch ein paar Jobs. Anwalt ist er und Vorsitzender des Aktionärsausschusses der Nord Stream AG, jener Pipeline-Firma, die im Wesentlichen vom russischen Gas-Giganten Gazprom gelenkt wird. Schröder ist fünf Monate nach dem Verlust seiner Kanzlerschaft an Angela Merkel 2005 in das Geschäft eingestiegen. Das hat ihm manche Sympathien gekostet, die er trotz der Agenda-Reformen vielleicht noch gehabt hat.

Zu Unrecht, wie er glaubt. Wäre er in ein rein deutsches oder französisches Unternehmen eingestiegen, hätte keiner etwas gesagt. Schröders Augenbrauen gehen rauf und runter. Er mag das nicht, dass er sich wieder erklären muss. "Ich bin nicht in dieser Sendung hier, um das zu rechtfertigen!" Ende der Debatte.

Schröders Kinder kommen aus russischen Waisenheimen. Er ist, wie er sagt, "freundschaftlich verbunden" mit Wladimir Putin, dem homophoben russischen Präsidenten. Und wenn es Kritik an den Olympischen Winterspielen im russischen Sotschi gibt, dann findet er, das gehöre sich nicht. "Wenn die Spiele begonnen haben, sollte man über den Sport reden", sagt er zu Beckmann.

Warum diese Nähe zu Russland? Beckmann will es genau wissen. Schröder sagt, was er dann immer sagt, aber selten einer großen Öffentlichkeit: 20 Millionen tote Russen im Zweiten Weltkrieg. Und doch stehen die Russen den Deutschen heute wohlgesonnen gegenüber. Das sei "ein Wunder", sagt Schröder. Und geopolitisch: Ohne Russland könne es die EU mit den USA oder China nicht aufnehmen. "Wir brauchen seine Ressourcen. Wir brauchen den Markt."

Schröder weiß, dass er kritisch beäugt wird, wenn es um Russland geht. Kaum einer würde Putin, wie er es 2004 - ebenfalls bei Beckmann - getan hat, als "lupenreinen Demokraten" bezeichnen. Schröder wiederholt den Satz nicht, den ihm Beckmann damals in den Mund gelegt hat.