Dokumentation "Tod in der Badewanne":Nicht nachvollziehbar

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Aus der Haft entlassen: Manfred Genditzki. (Foto: SWR)

Manfred Genditzki wurde als Mörder verurteilt. Eine Doku zeigt seinen Kampf gegen die Justiz - nun wird der Fall neu aufgerollt.

Von Stefan Fischer

An diesem Fall ist vieles erstaunlich. Darunter ein scheinbar nebensächliches Detail. Womöglich ist es jedoch entscheidend dafür, dass Manfred Genditzki so lange für seine Freiheit kämpfen konnte. Der Mann, dem ein Mord zur Last gelegt wird, erhofft sich von einem Wiederaufnahmeverfahren, das Ende April beginnen soll, einen Freispruch - nachdem er in dieser Sache bereits zwei Mal schuldig gesprochen worden ist und insgesamt mehr als 13 Jahre in Haft verbracht hat.

Im Oktober 2008 wurde in Rottach-Egern am Tegernsee eine 87 Jahre alte Frau tot in ihrer Badewanne aufgefunden. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen bis heute davon aus, dass es sich um einen Mord handelt und bei Genditzki um den Täter. Beweise gibt es keine, ein starkes Motiv auch nicht, und wer sich eingehender mit dem Fall befasst, kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dass die Indizien vor Gericht konsequent zu Ungunsten Genditzkis bewertet worden sind. Das schlüsselt Meike Pommer in ihrer 90-minütigen Fernsehdokumentation Tod in der Badewanne - Mord oder Unfall? detailliert auf, einer Koproduktion von SWR und NDR.

Ihr Film erzählt aber noch eine andere Geschichte, eben jene von einer vermeintlichen Nebensächlichkeit: Manfred Genditzkis soziales Umfeld ist weitgehend intakt geblieben. Seine zweite Frau, die Kinder aus erster und zweiter Ehe, seine Schwester, sein bester Freund, der ebenfalls ins Visier der Ermittler geraten ist, seine ehemaligen Mitschüler, selbst Peter Janssen, der frühere Bürgermeister von Tegernsee: Sie alle stehen bis heute zu Genditzki. "Ich habe nie aufgegeben", sagt der als Mörder Verurteilte selbst. Ob er auch dann durchgehalten hätte, wenn ihn seine Familie und seine Freunde fallen gelassen hätten?

Die Solidarität mit dem als Mörder Verurteilten ist groß

Irgendetwas bleibe immer hängen, sagt man gemeinhin, wenn ein schwerer Verdacht im Raum steht. Auch dann, wenn er sich als unbegründet erweist. Meike Pommer hat für ihren Film mit vielen Menschen gesprochen. Mit den Familienmitgliedern, mit Freunden und Bekannten. Mit dem extrem reflektierten Rechtsmediziner Klaus Püschel, mit dem Biophysiker Syn Schmitt, mit Juristen, zudem mit zwei Gerichtsreportern, die über die Jahre ausführlich über diesen Fall und die Prozesse gegen Manfred Genditzki berichtet haben: mit Gisela Friedrichsen vom Spiegel und Hans Holzhaider von dieser Zeitung. Keiner von ihnen erkennt ein Anzeichen, das stark genug ist, um den Tod der alten Frau als Mord erscheinen zu lassen - und Manfred Genditzki als Täter.

Die Stärke des Films ist es, dass er den Fall nicht skandalisiert. Sondern sehr nüchtern die Gründe - juristisch-handwerkliche ebenso wie systemimmanente - darstellt, die zu den zweifelhaften Schuldsprüchen geführt haben. Und dazu, wie zäh und zeitraubend der Kampf bis zur Wiederaufnahme des Verfahrens war, gegen die sich die bayerische Justiz lange gesperrt hat.

Tod in der Badewanne - Mord oder Unfall?, ab 7. Februar 2023 in der ARD-Mediathek und am 8. Februar um 20.15 Uhr im SWR-Fernsehen.

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