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Gelungenes BR-Projekt:Nachricht von Kurt Eisner

Ich, Eisner!,100 Jahre Revolution in Bayern

Täglich berichtet er von der Revolution: „Ich, Eisner!“. Montage: BR/Museum Folkwang/Nachlass Germaine Krull Sammlung Hoffmann

Als würde die Revolution von 1918/19 nochmal über den Liveticker laufen.

Am gestrigen Donnerstag hat der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner einen bemerkenswerten Post über Whatsapp, Insta und Telegram an seine 15 000 Follower geschickt: Seine Genossen von der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD), so schreibt er in seinem Messenger-Kanal Ich, Eisner!, hätten ihn abends zuvor bei einem Treffen wieder einmal gebeten, von der Revolution des 7. und 8. November zu erzählen. Drei Monate erst liegt die Novemberrevolution zurück, die den Ersten Weltkrieg beenden geholfen hat - und trotzdem taugt sie den Revolutionären offenbar nur noch für nostalgische Erinnerungen an verflossene Zeiten.

Dieser Post ist, wie alle vorherigen und noch ausstehenden, natürlich eine Nachricht aus der Vergangenheit. Eine fiktive obendrein - die dennoch auf historischen Tatsachen beruht. Das Messenger-Projekt Ich, Eisner! ist eine Erfindung des Bayerischen Rundfunks, der darin seit dem 14. Oktober des vergangenen Jahres täglich in mehreren kleinen Botschaften erzählt, was während den Wochen der Münchner Räterepublik jeweils exakt 100 Jahre zuvor passiert ist. Geschichte wird in diesem bemerkenswerten Projekt in simulierter Echtzeit dargeboten. Und zwar nicht als reine Faktengeschichte, sondern aus der Perspektive eines kompromisslosen Idealisten und Pazifisten, der diese wüste und gewalttätige Phase des politischen Umbruchs in Bayern und Deutschland geprägt hat. Vor allem dokumentiert das Team um die Produzenten Matthias Leitner, Eva Deinert und Markus Köbnik das persönliche Empfinden Eisners. Und die Macher versichern, das Projekt übertreffe alle selbst gesteckten Erwartungen.

Ich, Eisner! ist tatsächlich ein spannendes mediales Experiment. Es belegt, dass sich auch in der Dramaturgie, wie sie Messenger-Dienste vorgeben, substantielle Geschichten erzählen lassen - wenn man diese Kanäle umsichtig benutzt. Also nicht in der Atemlosigkeit, Überfülle und teilweisen Hysterie, die im Alltag oft zu beobachten ist, in dem selbst kürzeste Nachrichten gerne in drei oder vier Posts zergliedert werden und das Wichtige nicht vom Nebensächlichen unterschieden wird.

In den Anfängen wirkte Ich, Eisner! insofern ein wenig unbeholfen im Umgang mit dem selbst gewählten Medium. Mit der Dauer zeigte sich jedoch, dass der bedachtsame Einsatz der Möglichkeiten nicht Ausdruck von Unbeholfenheit ist, sondern von Souveränität zeugt.

Als Nutzer verfolgt man die Entwicklung in realer Geschwindigkeit mit

Der Kurt Eisner dieses Projekts verschickt über Whatsapp und die weniger bekannten Dienste Insta und Telegram Botschaften des realen Politikers auf die Smartphones seiner Follower. Textnachrichten und gesprochene Kommentare mögen fiktiv sein, sie orientieren sich aber allesamt an belegten Originaltexten. Hinzu kommen Fotografien von 1918 und 1919, die vom BR collagiert werden. Als Nutzer verfolgt man die sich teilweise überstürzende, dann wieder stagnierende Entwicklung in realer Geschwindigkeit mit. Ganz so, als würde man sich über die aktuellen Geschehnisse etwa in der Regierungskrise Venezuelas oder bei der Brexit-Misere in Großbritannien tagesaktuell informieren.

Zu Beginn stand eine große Euphorie auf Seiten der Revolutionäre, stellten sich politische Erfolge ein. Die Regierung Eisner hat in ihren wenigen Wochen das Frauenwahlrecht, den Acht-Stunden-Tag und eine gesetzliche Kündigungsfrist eingeführt, außerdem die Schulen säkularisiert. Doch die politische Linke ist im Februar 1919 bereits heillos zerstritten und gründlich desillusioniert. Kurt Eisner erkennt, "dass meine Tage als Ministerpräsident an der Spitze der Regierung gezählt sind." Schließlich hatte er die Landtagswahl am 12. Januar krachend verloren, seine USPD lächerliche 2,5 Prozent der Stimmen erhalten. Er wolle, schreibt er dieser Tage, nachsehen in der Münchner Post, die er als "Münchner Pest" schmäht, "ob ich nicht inzwischen abgesetzt worden bin." Es wird schlimmer kommen: Am 21. Februar wird man ihn ermorden. Sein fiktives Alter Ego wird noch bis 26. Februar posten, dem Tag der Beerdigung.