Fernsehfilm:Er muss es bringen

Titel: Geliefert Untertitel: Szenenfoto

Volker Feldmann (Bjarne Mädel) steht unter Druck. Er arbeitet als Paketzusteller und ist alleinerziehender Vater.

(Foto: Jürgen Olczyk)

Bjarne Mädel schleppt in einer feinen Charakterstudie als Paketzusteller Volker auch noch sein eigenes Päckchen Probleme durch die Welt.

Von Christine Dössel

Wie könnte ein Film über einen Paketzusteller beginnen? Natürlich so: großes Treppenhaus, Altbau, selbstverständlich kein Aufzug. Der Paketbote schnauft die Treppe hoch, Stufe für Stufe, er keucht, er schwitzt. Oben dann an der Tür heißt es: "Ursula Leske? Die wohnt hier nicht mehr." Seit wann? "Seit gestern." Aha, Beziehungsstreit, das erkennt der Zusteller gleich, der Gesichtsausdruck des Typen in der Tür spricht Bände. Auf die höfliche Frage, ob er das Paket nicht trotzdem dalassen kann, "vielleicht wohnt sie ja bald wieder hier" - zwinker, zwinker -, kriegt der Bote eine derartige Abfuhr ("Pass mal auf, du Clown ...!") und eine solche Ladung Geringschätzung, dass er einem ehrlich leidtut. Das könnte die Grundausstattung sein für diesen Film: einerseits die Mitleidsschiene (armer Lohnsklave), andererseits die Anklagebank (böse Amazon-Zalando-Kundschaft) und dazwischen ein bisschen Sozialkitsch.

All dessen bedient sich zwar der Film Geliefert von Jan Fehse (Buch und Regie) durchaus, aber weitgehend in einer so beiläufig lebensechten, unsentimentalen Mischung und mit einer so starken Hauptfigur, dass daraus keine rührselige Prekariats-Schmonzette in Schwarz-Weiß-Moral wird. Sondern eine sensible Charakterstudie, eingebettet in ein Sozialdrama, das von den Lebens- und Arbeitsverhältnissen eines einfachen Mannes erzählt: des Paketlieferanten Volker Feldmann, gespielt von Bjarne Mädel (Der Tatortreinger). Der Film gibt Einblick in seinen Druck, seinen Stress, seine Versuche, ein anständiger Mensch zu bleiben. Ähnlich wie das in den Siebzigerjahren - nur viel härter, aussichtsloser - Franz Xaver Kroetz getan hat, an dessen Stücke man hier denken muss. Bjarne Mädel wäre ohnehin eine gute Kroetz-Figur, ist er doch ein idealtypischer Schauspieler für die armen Kerle, die Underdogs und Nobodys dieser Welt. Auf die ist er auch festgelegt, aber meistens im komischen Fach, siehe die gutmütig-lustigen Deppen, die er in Stromberg (als Ernie) oder in Mord mit Aussicht (als Dorfpolizist Schäffer) spielt.

Die ausbeuterischen Mechanismen im Zulieferergewerbe werden nebenher miterzählt

In Geliefert zeigt Mädel, was für ein hervorragender Schauspieler er im ernsten Fach ist. Er trägt den Film auf seinen Schultern, so wie er darin als Angestellter von PBR ("Paketboten Regensburg") Matratzen, Pakete und auch sein eigenes Päckchen schleppt. Mit müdem, abgearbeitetem Gesicht, das von Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung, Reststolz erzählt. Er hat sich für die Rolle einen Bierbauch zugelegt, Schnurrbart, trübe Augen. Der Malocher von nebenan. Alleinerziehender Vater, die Ex alkoholabhängig, der 16-jährige Sohn (Nick Julius Schuck) mit Schulschwänzen, Arschigsein und der ersten Freundin beschäftigt. In der Winzküche ersetzt eine gemalte Palme an der Wand den Urlaub, im Kleinbürger-Wohnzimmer wird das Sofa jede Nacht zum Bett. Berührende Bilder von Armut, Tristesse, Einsamkeit.

Feldmann war mal Jugend-Fußballtrainer, bis er wegen eines Ausrasters gekündigt wurde. Auch als Paketbote lässt er sich nicht alles bieten. Dem Typen, der sich die Weinkisten aus dem Geschäft im Erdgeschoss seines Hauses online bestellt, weil sie dann kostenlos zu ihm hoch geliefert werden, geigt er schon mal die Meinung. Er rackert, schuftet zwölf Stunden am Tag und kommt doch nicht über die Runden. Die ausbeuterischen Mechanismen im Zustellergewerbe werden nebenher miterzählt. Die ausgelegten 60 Euro für seine Dienstjacke muss Feldmann hartnäckig erst wieder einfordern; vor lauter Zeitdruck pinkelt er im Lieferwagen in eine Plastikflasche, und ständig gibt es einen Anschiss vom Chef (Stefan Merki), einem widerwärtigen Klischeemonster, der die "Verweilzeiten" seiner Mitarbeiter per GPS im Scanner überwacht: "Die Stasi wäre stolz auf uns gewesen."

Der Film ist nicht so unversöhnlich wie ein Drama von Franz Xaver Kroetz, obwohl Mädel eine gute Kroetz-Figur wäre

Die Vermieterin sitzt Feldmann ebenso im Nacken wie der Anspruch, seinem Sohn die Klassenfahrt zu ermöglichen, wofür 350 Euro nötig wären - unmöglich für jemanden, der nicht mal weiß, wie er den Kühlschrank vollkriegen soll. Dann geht auch noch die Waschmaschine kaputt, und die Abwärtsspirale dreht sich derart, dass der gebeutelte Mann die Möglichkeit eines unerlaubten Nebenverdienstes annimmt, nämlich auf seiner Route Rauchmelder zu kontrollieren. Und als sich in der Wohnung der verstorbenen Frau Stolte, die er kannte, die Gelegenheit ergibt, ein paar Scheine mitzunehmen, langt Feldmann zu. Woraufhin der Film seinen eigentlich ja grundreellen Antihelden in Konflikt mit seinem Gewissen treibt: "Ich trau mir selber nicht mehr."

Die konventionellen Strukturen und Versöhnlichkeitserfordernisse deutscher Fernsehfilmformate sprengt Geliefert nicht - es ist eben doch kein Drama von Kroetz -, aber innerhalb dieser Strukturen ist es ein Ausnahmestück. Dass Feldmanns Verhältnis zu seiner Freundin Lena, einer Polizistin (Anne Schäfer), rein platonisch bleibt, weil in seiner Zwangslage gar kein Platz mehr ist für romantische Anwandlungen, kann da beinahe schon als radikal gelten. Und es gibt auch einen guten Humor. Als der Bote mal wieder über viele Stockwerke ein Paket hochgeschleppt hat, weist ihn ein kleines Lillifee-Mädchen in der Tür ab mit den Worten: "Ich darf von Fremden nichts annehmen."

Geliefert, Das Erste, Mittwoch, 20.15 Uhr und in der ARD Mediathek.

© SZ/tyc
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