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Geiseldrama:Was Polizei und Medien aus Gladbeck gelernt haben

Das Gladbecker Geiseldrama

Guck mal, eine echte Pistole: In der Kölner Innenstadt umringen Gaffer und Journalisten das Fluchtauto, in dem die Bankräuber ihre Geiseln gefangen halten.

(Foto: dpa)
  • An diesem Donnerstag vor 30 Jahren begann das Geiseldrama von Gladbeck.
  • Kein anderes Verbrechen in der deutschen Rechtsgeschichte geschah vor so viel Publikum.
  • Die Tragödie sollte das Selbstverständnis von Medien und der Polizei in Deutschland im Umgang mit Kriminellen nachhaltig verändern.

Das Gladbecker Geiseldrama, das eigentlich zusätzlich den Namen "Gladbecker Polizei- und Journalistenskandal" tragen sollte, begann an diesem Donnerstag vor dreißig Jahren, morgens um Viertel nach sieben Uhr: Dieter Degowski und Jürgen Rösner, zwei Kleinkriminelle in Geldnöten, steigen auf ihr Motorrad, um die Deutsche Bank in Gladbeck zu überfallen. Bankraub und Geiselnahmen enden drei Tage später mit einer wilden Schießerei auf der Autobahn. Dazwischen liegen 54 furchtbare und erbärmliche Stunden - erbärmlich für die Polizei und erbärmlich für den Journalismus. Zwei Geiseln und ein Polizist sind tot.

Kein anderes Verbrechen in der deutschen Rechtsgeschichte geschah vor so viel Publikum. Aufgebracht, entsetzt, erschüttert, hilflos und sensationsgeil zugleich hat es das Drama verfolgt.

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Die Räuber nahmen in der überfallenen Bank Geiseln, sie gaben Interviews, als hätten sie eine Goldmedaille gewonnen; sie riefen Zeitungsredaktionen an und ließen sich von Redaktionen anrufen, sie hielten eine Art Pressekonferenz mitten in Köln; sie bekamen das geforderte Lösegeld, ließen aber die Geiseln nicht frei; sie flohen in einem von der Polizei zur Verfügung gestellten Fluchtauto, ließen einen Reporter zusteigen; sie wechselten mehrmals das Fluchtauto, hielten an einer Imbissbude, besorgten sich Medikamente in einer Apotheke, waren aufgeputscht von Alkohol, Tabletten und der anfeuernden Hysterie von Gaffern und Journalisten, die die Verbrecher an den Tat- und Fluchtorten wie Abenteurer hofierten.

Die Verbrecher samt Geiseln im Auto irrten quer durchs Land, kaperten in Bremen einen Linienbus, erschossen darin einen 15-jährigen Italiener, Emanuele de Giorgi; nirgendwo griff die Polizei zu - nicht, als einer der Verbrecher mit seiner Freundin zum Einkaufsbummel ging, nicht, als die Täter zum Essen oder zum Pinkeln gingen. Dafür waren an den wechselnden Orten Journalisten dabei, ganz nah, nicht nur als Beobachter, sondern hart an der Grenze zur Beihilfe und darüber hinaus.

Der ins Fluchtauto zugestiegene Kölner Express-Reporter Udo Röbel, später Chefredakteur der Bild-Zeitung, fragte die Geisel Silke Bischoff, wie sie sich denn so fühle mit der Pistole am Hals. Ein Fotograf forderte Degowski auf, seine Geisel doch bitte noch einmal zu bedrohen: "Halt der noch mal die Knarre an den Hals, ich habe das Bild noch nicht." Radio Bremen begrüßte die Verbrecher im Morgenradio, als sei eine Band auf Tournee in der Stadt eingetroffen. Wenig später kam ein junger Polizist, der den gekaperten Bus verfolgte, bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Die Journalisten haben den Tätern Kaffee gebracht - und deren Gier nach Aufmerksamkeit befriedigt

Die Journalisten an den Tat- und Fluchtorten taten so, als säßen sie in der ersten Reihe des Circus Krone und müssten die Akteure noch anfeuern. Aber in der Manege waren keine Clowns, sondern die Verbrecher und ihre Geiseln, die um ihr Leben fürchteten. Fernseh- und Radiointerviews mit den Verbrechern, an ihrer Seite die Geiseln in Todesangst, wurden sogar live ausgestrahlt. Die Durchhaltekraft der Verbrecher wurde zum Gegenstand öffentlichen Spektakels. Die Journalisten haben den Tätern nicht nur Kaffee gebracht, sondern auch deren Gier nach Aufmerksamkeit und Ruhm befriedigt. Gesendet wurde, was die Verbrecher sagten, eingeleitet allenfalls mit dem Satz: "Wir haben lange überlegt, ob wir ..."

Es war dies, schon bevor es das Internet gab, die Erfindung der Livetickerei - in einer besonders durchgeknallten und widerlichen Machart. Die Auflagen der Zeitungen stiegen kräftig, die Einschaltquoten ebenso, der Journalismus befriedigte ein gewiss vorhandenes Sensationslüsternheitsinteresse, für das aber die Pressefreiheit nicht ins Grundgesetz geschrieben wurde; und er befriedigte es in einer Weise, die später, als Reaktion auf Gladbeck, im Pressekodex verboten wurde: Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es seither nicht mehr geben.

Die Tragödie von Gladbeck war Anlass für ein ziemlich gründliches Nachdenken über Rolle und Aufgabe des Journalismus, Anlass auch für Schuldbekenntnisse, die von "krasser Grenzüberschreitung" handeln. Könnte sich also die Gladbecker Tragödie heute so nicht mehr wiederholen? Man möchte das gern so sehen, aber es ist nicht so. Zwar gehören die "Lehren aus Gladbeck" zum Medienunterricht jeder Journalistenschule. Aber im Netz gibt es keinen Medienunterricht. Die sogenannten sozialen Medien würden sich, so ist zu fürchten, um die neuen Regeln und die Lehren von damals gar nichts scheren.

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Und wie würde die Polizei bei einem Gladbeck 2018 reagieren? Mit rigorosen Platzverweisen - wie sie diese damals, 1988, nicht erteilt hat? Dies war einer der vielen polizeilichen Fehler damals. Hauptfehler war eine pervertierte Null-Risiko-Strategie, die sich bis zum bitteren Ende durchzog. Gewiss muss nach wie vor der Grundsatz gelten: Der Schutz der Geiseln hat Vorrang vor der Verfolgung der Geiselnehmer. Das heißt auch: Verhandeln geht vor Schießen. Das Verhandeln freilich hat ein wichtiges Ziel: die Machtpositionen am Tatort wieder umzukehren, aus einer bloß reagierenden Polizei wieder eine agierende zu machen, den Tätern das Heft wieder aus der Hand zu nehmen. Genau das ist der Polizei vor dreißig Jahren völlig misslungen - sie hat den Tätern die Möglichkeit gegeben, den Tatort mit den Geiseln zu verlassen und neue Tatorte zu schaffen.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat die Angehörigen der Opfer um Entschuldigung gebeten und dies mit scharfer Kritik an der damaligen SPD-Regierung unter Johannes Rau verbunden; Innenminister in Düsseldorf war der heute 91-jährige Herbert Schnoor, der in den Achtzigerjahren als der Doyen der SPD-Innenpolitiker galt und einen so liberalen wie zupackenden Ruf hatte. Er verweigerte sich einem Rücktritt; die CDU moniert daher, dass die Fehler von damals nicht aufgearbeitet worden seien. Es gab freilich in Düsseldorf einen Gladbeck-Untersuchungsausschuss, ebenso wie in Bremen. Chaotische Zustände im polizeilichen Lagezentrum konstatierten beide.

Der Prozess zerbrach fast unter der Last der Beweise, Interviews, Filme - und der Widersprüche

Der Strafprozess wegen Gladbeck dauerte von 1989 bis 1991, 110 Tage lang. Er dauerte so lange, obwohl oder gerade weil die Verbrechen im Rampenlicht geschehen waren. Er wurde von Richter Rudolf Esders souverän geführt, zerbrach aber fast unter der Last der Beweise, Filme, Interviews - und der Widersprüchlichkeiten, die sich daraus ergaben. Die Länge des Prozesses hatte damit zu tun, dass das Gericht gehalten ist, auch den entlegensten Beweisanträgen nachzugehen; gegen diese Form von Prozessverschleppung gibt es wenig Möglichkeiten. Diese Probleme konnte man Jahrzehnte später beim NSU-Prozess in potenzierter Weise studieren.

Ministerpräsident Armin Laschet wird an diesem Donnerstag zusammen mit dem Bremer Bürgermeister Carsten Sieling das Grab von Silke Bischoff in der Nähe von Bremen besuchen. Blumen niederzulegen, ist ein schönes Ritual. Das Ritual der parteipolitischen Schuldzuweisungen ist es, nach dreißig Jahren, nicht.

© SZ vom 16.08.2018/jael
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