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Geheimdienst:Tolle Spione

Geheim, aber bitte ruhmreich: Der BND prüfte gerne vorab, wie er in Filmen wegkam. Bei Mister Dynamit von 1967 mit Lex Barker in der Titelrolle hatte der Dienst aus Pullach keine Einwände.

(Foto: Transit Film)

Dokumente aus dem Nachlass von BND-Chef Reinhard Gehlen zeigen, wie sorgsam der Dienst aus Pullach in den Sechzigerjahren auf sein eigenes Image im Fernsehen und im Kinofilm achtete.

Von Willi Winkler

Von 1963 bis 1968 lief im ZDF in unregelmäßigen Abständen eine Serie mit dem schönen Titel Die fünfte Kolonne. Damit war, inspiriert von wahren Fällen, die Infiltration aus dem Osten gemeint, im Zweifel aus Moskau, wohin in der Propaganda des Westens alle linksabweichlerischen Ideen führten. Auf dem umgekehrten Weg kamen im Fernsehen wie in der Realität Ost-Agenten heimlich über die Grenze, um zu vergiften, zu erstechen, oder einfach nur, um dem Westen die neuesten technologischen Geheimnisse zu entreißen. Die Serie galt in dieser Fernseh-Steinzeit als Straßenfeger und wurde beim Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach schon aus beruflichem Interesse und mit grundsätzlicher Zustimmung gesehen. Schließlich sorgte die zeitübliche Krimidramaturgie dafür, dass am Ende doch das Gute, der Westen, also im Zweifel der BND, über die bösen Kommunisten siegte.

In der sogenannten Wirklichkeit war es nicht immer so einfach, doch mühte sich der BND redlich, auch in der Kreativbranche die Kontrolle zu behalten. Die Pullacher Dunkelmänner nahmen mal mehr, mal weniger diskret Einfluss. Ein Beispiel unter vielen, aber eines, das hier zum ersten Mal belegt werden kann, war die Programmplanung beim frühen ZDF.

Ende 1961 wurde Heinz Felfe verhaftet. Felfe war im BND der Leiter der Abteilung Gegenspionage (Deckname Friesen) - und ausgerechnet er hatte seit zehn Jahren parallel für den sowjetischen KGB gearbeitet. Es war die größte Blamage für den Auslandsnachrichtendienst, der so stolz auf seine Spione war. Felfe wird wegen Landesverrats zu vierzehn Jahren Gefängnis verurteilt. 1966 spielt man beim ZDF mit dem Gedanken, den Fall Felfe aufzugreifen. Das ist schließlich bester Stoff: ein Verräter mitten in der ahnungslosen Behörde, die doch Schutz und Schild des Landes sein sollte. Reinhard Gehlen ist der Gründer und Präsident des BND. Er fürchtet einen Prestige-Verlust, wenn durch eine populäre Sendung an das peinliche Versagen erinnert wird. Felfe darf auf keinen Fall ins Fernsehen.

Zuerst versucht Gehlen, beim Innenminister zu intervenieren und wendet sich schließlich am 27. April 1966 direkt an Karl Holzamer, den Intendanten des ZDF, und drängt ihn, von dem Projekt doch freundlicherweise Abstand zu nehmen. Holzamer ist CDU-Mitglied und der erste Intendant des ZDF, das 1963 den Sendebetrieb aufnahm; er wird es bis 1977 leiten. Seine Antwort ist kein Ruhmesblatt für den unabhängigen Journalismus. "Es ist dafür Vorsorge getroffen worden", schreibt Holzamer in einem Brief aus einem Gehlen-Nachlass, der der Süddeutschen Zeitung zugespielt wurde, "daß der 'Fall Felfe' (...) nicht weiter vorangetrieben wird". Der Intendant trifft persönlich die von BND-Chef Gehlen gewünschte Vorsorge. Oder wie es Holzamer ausdrückt, er habe sich "auf Grund Ihres Hinweises die Entscheidung darüber, ob der Stoff überhaupt zur Realisierung gelangen soll, selbst vorbehalten". Wegen weiterer Absprachen könne man sich mit "meinem Persönlichen Referenten, Herrn Stolte" ins Benehmen setzen.

Holzamers persönlicher Referent war damals Dieter Stolte, von 1982 bis 2002 ZDF-Intendant und damit Nachnachfolger von Holzamer. Er kann sich tatsächlich erinnern, im Jahr 1966, wie von Gehlen im gleichen Brief vorgeschlagen, mit Herrn Winterstein vom BND telefoniert zu haben. Bei diesem Mann mit Decknamen "Winterstein" handelt es sich um Kurt Weiß, der beim BND damals für die Verbindungen zur Presse zuständig ist und neuerdings auch für das Fernsehen.

Holzamer sei auch nach München gereist, um sich mit Gehlen zu treffen und den Fall Felfe eingehend zu besprechen, wie Stolte weiß; der Intendant habe ihm darüber aber "nichts berichtet". Doch scheint das Gespräch den von Gehlen gewünschten Erfolg gebracht zu haben: "Ein Antrag zur Stoffentwicklung wurde zu Holzamers Zeiten von der Hauptabteilung Dokumentarspiel nicht gestellt", wie Stolte der Süddeutschen versichert. "Zu meiner Zeit als Programmdirektor und Intendant war Gehlen bzw. seine Dienststelle kein Thema."

Während dem ZDF auf Chefebene der Gedanke einer auch nur halbdokumentarischen Darstellung der Affäre Felfe ausgetrieben wurde, wirkte der Öffentlichkeitsarbeiter Winterstein bereits an einer weiteren Front, jetzt geht es ums Kino. "Der Film ist ein Reißer", schreibt er an seinen Chef, "in dem CIA und BND sehr gut wegkommen." Über den BND soll nämlich ein Kinofilm gedreht werden, "Mister Dynamit - morgen küsst euch der Tod", ein richtiger James Bond! Der explosive Mister aus dem Titel hieß "Bob Urban", ein olympiareifer Fünfkämpfer, fluent in mindestens ebenso vielen Sprachen, IQ bei 123 und, jetzt kommt's, ein BND-Agent, der als Einziger die Welt vor einem Erpresser und seiner Atombombe retten kann. Dass den BND-Bond auch noch Hollywood-Held Lex Barker spielen sollte, der Anfang der Sechzigerjahre durch die Karl-May-Verfilmungen in Deutschland bekannt war als Winnetous Freund Old Shatterhand, machte das Projekt bildungspolitisch noch viel wertvoller.

Der BND-Haushistoriker Bodo Hechelhammer hat in einer Broschüre nachgezeichnet, wie der Produzent Theo Maria Werner im Sommer 1966 monatelang beim Verteidigungsministerium antichambriert, um eine Dreherlaubnis auf dem Truppenübungsplatz der Bundeswehr zu bekommen. Allerdings ist für den BND allein der BND zuständig. Winterstein prüft das Projekt und den Produzenten, damit ihnen ja kein Kommunist unterkommt. Zum Glück handelt es sich nur um einen "ausserordentlich cleveren, skrupellosen Geschäftsmann". Winterstein liest das Drehbuch "sorgfältig" und gutachtet: "Hauptperson des ganzen Stückes ist Bob Urban, ein Agent des BND. Er macht die tollsten Sachen. M(eines) E(rachtens) für unsere Belange sehr unerheblich, da völlig unpolitisch."

Im Kino wird "Mister Dynamit" trotz Old Shatterhand ein gigantischer Flop. Trotzdem erscheint heute der Mythos BND im Film lebendiger als je: Mit einer wiedererstandenen, geheimnisvollen "Organisation Gehlen" erreichte der Berliner Tatort am 18. Februar 2018 10,23 Millionen Zuschauer, eine Quote, die fast an Straßenfeger-Zeiten erinnert.

© SZ vom 10.04.2018

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