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Gaza-Konflikt:Freiwild Reporter

Auch zwei Journalisten sind bislang geötet worden, ein halbes Dutzend wurde verletzt. Die Arbeitsbedingungen sind äußerst widrig.

Von Alexandra Föderl-Schmid

"Journalisten wollen über die Nachrichten berichten und nicht selbst zur Nachricht werden. Sie machen nur ihren Job, aber das wird immer schwieriger", sagtBassam Darwesh. "Und manche bezahlen dafür mit dem Leben." Seit fünf Wochen dauern die Auseinandersetzungen an der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen an, auch zwei Journalisten wurden dabei bisher getötet, ein halbes Dutzend wurde verletzt. Die beiden toten Reporter waren Mitglieder des palästinensischen Journalistensyndikats, das 950 Mitglieder im Gazastreifen vertritt und dessen Vorstandsmitglied Darwesch ist. "Sie waren vorschriftsmäßig gekleidet, aber die israelische Armee hat das nicht gekümmert. Sie nimmt gezielt Journalisten ins Visier."

Vergangene Woche starb Ahmed Abu Hussein. Der 25-Jährige war am 13. April von israelischen Soldaten angeschossen worden. Er arbeitete für den palästinensischen Sender Radio Schaab und als Fotograf. Fotos und Videos vom Ort des Geschehens zeigen, dass sich Hussein in einer Zuschauergruppe weitab von der Grenze befand. Als er angeschossen wurde, trug er eine blaue Weste und einen Helm mit der Aufschrift "TV". Auch das zweite Todesopfer, Jasser Murtadscha, war weithin klar als Journalist identifizierbar. Den 30-jährigen hatte am 6. April eine Kugel an der Achsel erwischt, während er Fotos von den Demonstrationen machte. Die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG)) warf der israelischen Armee einen gezielten Beschuss des Journalisten vor und forderte eine unabhängige Untersuchung dieses "Verbrechens gegen die Pressefreiheit".

Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman behauptete dagegen, Murtadscha habe mit einer Drohne gearbeitet und ein Sicherheitsrisiko dargestellt. Seine Firma Ain Media bietet tatsächlich Filmaufnahmen mit einer Drohne an; Murtadscha hat unter anderem für die BBC und Al-Dschasira gedreht. Wie sein Bruder Motasem versichert, werde die Arbeit fortgesetzt. Erste Untersuchungen der israelischen Armee haben ergeben, dass zur fraglichen Zeit im betreffenden Gebiet keine Drohne im Einsatz war. Auch für die Behauptung, der Journalist sei eigentlich Terrorist und Offizier der Hamas, legte Lieberman keine Beweise vor.

Der israelischen Tageszeitung Haaretz zufolge hat Murtadschas Produktionsfirma kürzlich Geld von der amerikanischen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit USAID erhalten. Deren Überprüfungsmechanismen gelten als so streng, dass Liebermans Version auch in israelischen Medien angezweifelt wird.

Von israelischer Seite gibt es ebenfalls Einschränkungen, welche die Berichterstattung über den aktuellen Konflikt behindern. So dürfen israelische Journalisten generell nicht in den Gazastreifen einreisen. In Israel akkreditierte ausländische Journalisten sind damit konfrontiert, dass der Grenzübergang Erez oft kurzfristig geschlossen wird. Rund um die Feiern zum Unabhängigkeitstag in Israel war der Zugang in den Gazastreifen für Journalisten gleich mehrere Tage blockiert. Wer über die zumeist Freitagnachmittag intensiver werdenden Auseinandersetzungen aus dem Gazastreifen berichten will, kann erst am Sonntag um 7.30 Uhr wieder ausreisen. Auf israelischer Seite sorgen Einsatzkräfte dafür, dass Journalisten nicht aus der Nähe das Geschehen beobachten können - aus Sicherheitsgründen, wie es heißt.

Journalisten aus Gaza können sich kaum über Wasser halten

Journalisten aus dem Gazastreifen bekommen - wie alle dort lebenden Palästinenser - von den israelischen Behörden keine Erlaubnis zur Ausreise und können damit nicht aus anderen Ländern berichten. Wegen der schwierigen ökonomischen Situation gibt es ohnehin wenig Arbeitsmöglichkeiten, viele versuchen sich mit Blogs oder freier Mitarbeit für ausländische Medien über Wasser zu halten.

Aber nicht nur die israelische Besatzung erschwert die Arbeitsbedingungen, räumt Darwesch ein. "Wegen der politischen Situation gibt es Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit. Ein Journalist muss immer genau aufpassen, was er schreibt, damit er die Regeln einhält, die die Regierung vorgibt." Auf Nachfrage, ob er damit die im Gazastreifen regierende Hamas meint, antwortet der erfahrene Journalist: " Man muss nicht nur auf die Regeln hier in Gaza achten, sondern auch auf die vom Westjordanland. Auf beide." Im Westjordanland hat die Fatah des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas und dessen Autonomiebehörde das Sagen.

Darwesch verweist darauf, dass weder in den palästinensischen Gebieten noch in Israel ein Gesetz existiere, das Journalisten verbiete, Drohnen für Fotos und Filmaufnahmen zu nutzen. Geht es um militärische Angelegenheiten, müssen auch israelische Medien Zensur akzeptieren.

Das palästinensische Zentrum für Entwicklung und Medienfreiheit MADA dokumentiert Verstöße gegen die Pressefreiheit. Im März wurden 27 Vergehen von israelischer und 19 von palästinensischer Seite berichtet.

© SZ vom 02.05.2018
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