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Gastbeitrag des verstorbenen Publizisten:Alles inszeniert?

Manchmal, ganz selten, setzen sich gegen den normativen Zwang dessen, wie man im Fernsehen - mehr noch als im Leben - zu sein hat, Einzelcharaktere durch, sprühende Temperamente, die vor allem sagen, dass sie jung sind und lebenslustig, getrieben und neurotisch, narzisstisch und enttäuscht. Tausend Farben wechseln sie in Minuten, und wir sehen sie wo? Nirgends. Lädt mich Larissa ein, ihre Standpunkte zu teilen? Nein. Ihre Phobien, ihre Egozentrik? Darum geht es nicht.

Aber, liebe Untote des öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsfernsehen, sie ist am Leben! Und das Leben ist schön in ihr, auch im Keifen, im Hadern, im Bemalen der Prospekte der Zukunft: Ich möchte eine Hollywoodschauspielerin sein und Action spielen, und es soll so klug sein wie in einem dieser französischen Filme, in dem immer nur geredet wird, dabei könnte ich auch den ganzen Film über im Auto sitzen und fahren. Man kann das deppert finden. Aber dann sind eben alle Menschen im Werden deppert.

Wenn das Dschungelcamp mit all seinem Sadismus, seinem Angriff auf die Menschenwürde, seiner grausamen Vergewisserung von Fallhöhe bei Menschen, die diese kaum mehr oder noch nicht besitzen, wenn also dieses Dschungelcamp zu etwas geeignet ist, dann, Menschen zur Erscheinung zu bringen, Menschen, die entweder aus dem Halbwach-Zustand der Langeweile zur kurzen Blüte einer Situation heraus dämmern, um gleich anschließend wieder unsichtbar zu werden, oder eben Menschen wie Larissa, die zu viel Mensch ist, also der wandelnde Ernstfall, eine Kriegerin, die von Prüfung zu Prüfung geht, nie aufgibt, krakeelt, widersprüchlich und inkonsequent ist und die sich, wie sie sagt, noch nicht an sich selbst gewöhnt hat.

Der dümmste gemeinsame Nenner

Die Lehre: Nicht die Unscheinbaren beschenken eine Gesellschaft, die Schauwerten folgt, nicht die Konformisten, sondern manchmal wird unter gewissen Bedingungen etwas von dem frei, was das Unterhaltungsfernsehen sonst fürchtet wie der Teufel das Weihwasser: Das Unkalkulierte, der Ausbruch, das Unberechenbare, Animalische. Sieht man dagegen eine jener großen ARD- und ZDF-Familienshows voller veritabler Prominenter, die sich für keinen altbackenen Quatsch zu schade sind, dann lässt das ausnahmslos eine schlichte, wenn nicht einfältige Rezeption zu, die keinen Zehnjährigen überfordert.

Ursula von der Leyen in einem Raumfahrtanzug Minigolf spielen zu sehen, das ist der öffentlich-rechtliche Emu-Anus. Er stinkt schon aus einem Grund: weil er so einfallslos inszeniert, so lieblos produziert, so herablassend kalkuliert ist und vom dümmsten gemeinsamen Nenner ausgeht.

Studium der Kräfteverhältnisse

Das Dschungelcamp blamiert sein programmliches Umfeld nicht allein durch eine Acht-Millionen-Quote nach 22 Uhr. Diese im Handwerklichen nicht allein staunenswert sorgfältig, sondern sichtlich leidenschaftlich gemachte Show verrät die Freude der Macher an der Kühnheit des Schnitts, an der Infamie der musikalischen Kommentierung, am Esprit der Moderation, sie ist nicht zuletzt fast die einzige deutsche Fernsehshow, die Subtext-Lektüren erlaubt. Denn die Aktivität des Publikums besteht eben nicht allein darin, die Protagonisten immer neu mit Schadenfreude zu überziehen. Dieses Publikum erfreut sich am Studium der Kräfteverhältnisse zwischen Einzelnen, der Verschiebungen von Fraktionen im sozialen Unterholz derer, die alle schon Verlierer sind, dadurch, dass sie dort siedeln.

Der Zuschauer findet sich überschlau, indem er sagt: alles inszeniert! Aber wer würde, wer wollte sich so inszenieren, wo jede Überinszenierung auffällt und gestraft wird? Und wenn es so wäre, warum haben die Kandidaten nach zehn Jahren Dschungelcamp-Studium nicht gelernt, dass Sieger nicht jene wurden, mit denen es sich im Camp am leichtesten leben ließ, sondern meist Menschen, an denen es vor allem etwas zu sehen gab und die sich nebenbei keiner echten Verfehlung schuldig machten? Der Jahrgang 2014 aber versammelte in dieser Hinsicht vor allem ein paar Premium-Exemplare menschlicher Unaufrichtigkeit, und der Spaß, den sie kurzfristig bereiteten, lag in der Beobachtung der Heuchelei, der Fabrikation erlogener Geschichten und der Formulierung zweckmäßiger Unterstellungen, die allerdings alle schließlich nach hinten losgingen und vor allem ihre Produzenten beschädigten.