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Fußball im Fernsehen:Ein unvergessliches Erlebnis

Germany's Goetze scores a goal past Argentina's Demichelis, Garay and goalkeeper Romero during extra time in their 2014 World Cup final at the Maracana stadium in Rio de Janeiro

Ein schönes Osterei: Statt Bundesliga zeigt die ARD am Karsamstag um 18.20 Uhr das WM-Finale Deutschland-Argentinien von 2014.

(Foto: Ricardo Morales/Reuters)

Wer in diesen Wochen im Fernsehen Fußbälle rollen sehen will, muss sich wegen der Corona-Krise mit den Spielen aus der Vergangenheit begnügen. Fade Nummer oder Grund zum Jubeln?

Es ist immer tröstlich, wenn man merkt, dass man nicht allein ist. In diesem Fall ist man sogar in Gesellschaft eines weltberühmten Mannes, des Schriftstellers Javier Marías, der 1998 geschrieben hat: "Weil die laufende Saison so langweilig war, lud ich einen Freund aus Deutschland ein, um bei mir eine Videoaufzeichnung des fünften Europapokalendspiels anzusehen, bei dem Real Madrid Eintracht Frankfurt mit 7:3 aus dem Finale katapultierte. Ein unvergessliches Erlebnis."

Die Partie ist vom Mai 1960, ganz offensichtlich war ihr spektakuläres Resultat dem Dichter Marías noch immer mehr als geläufig, und trotzdem war er bereit und willens, das Spiel nochmal zu schauen, denn auf Spannung kommt es dem Fußballfan nicht allein an. Es geht ihm auch um die immer wieder mal notwendige Vergewisserung, dass alles wirklich so war, wie er es in Erinnerung hat. Ein Spiel also, das ihn irgendwann berührt hat, erreicht ihn Jahrzehnte später noch, jedenfalls wenn aktuell nichts Besseres zu haben ist.

So sitzt der Fan - weil wegen Corona nichts Besseres zu haben ist, genauer gesagt überhaupt nichts - vorm Fernseher und beobachtet Spiele aus der Konserve.

Sieht Flanken hinterher, die zum zehnten Mal ins Nichts segeln. Betrachtet Werbebanden aus einer anderen Zeit: Florida Boy, Sechsämtertropfen, Ei Ei Ei Verpoorten. Ein wiederholtes Fußballspiel birgt null Überraschung, und genau darauf kommt es an. Mit Nietzsche gesprochen: "So wir nicht umkehren und werden wie die Kühe, so kommen wir nicht in das Himmelreich. Wir sollten ihnen nämlich eins ablernen: das Wiederkäuen."

Plötzlich treten die Menschen hervor, mit denen man die großen Spiele einst erlebt hat

Das Fernsehen ist gerade grimmig entschlossen, seine Zuschauer zu Wiederkäuern zu erziehen. Bei Sky bringen sie die "hisTOOORische Sky-Konferenz", beim Bezahlsender ist alles anders gerade, fürs Publikum genauso wie für das kuriose, mitunter sogar Muppetshow-taugliche Personal. Wem lauert der Spielfeldrandreporter Ecki Heuser eigentlich zur Zeit auf? Wem hält Heuser, menschgewordenes Abstiegsgespenst, jetzt das Mikro wie einen Höllenhammer vor die Brust und fragt mit dieser einzigartigen Melange aus gespieltem Mitgefühl und echter Vollstreckervorfreude: Und? War's das?

Vergangenes Wochenende haben sie in der Sportschau statt der Bundesliga das Pokalfinale von 2014 nochmal gezeigt, Ostersonntag bringt die ARD im Livestream das WM-Finale 1974, Ostermontag das WM-Finale 1990. Vorher nochmal Frank Rijkaards sogenannte Lama-Attacke gegen Rudi Völlers Lockenhaar, so oft vorgeführt inzwischen, dass jedem die Flugkurve des Speichelbatzens längst geläufig sein dürfte.

Warum schaut man sich das an? Der englische Sportmoderator Sam Matterface hat gerade getwittert: "Es gibt so viel Fußball in dieser Ära - normalerweise hat man doch gar keine Zeit, zurückzublicken." Damit wäre das sentimentale Element in der langen Reise rückwärts beschrieben, und tatsächlich ist es so, dass man sich immer noch ganz gut daran erinnert, in wessen Gesellschaft man dieses oder jenes Spiel damals geschaut hat, beim Wiederkäuen großer Spiele treten Freunde, Freundinnen, Eltern aus der Kulisse der Erinnerung hervor, womöglich auch Großmütter, die sich ausschließlich bei Weltmeisterschaften für Fußball interessiert haben.

Und die bei Spielbeginn, wenn die Fußballer sich zur Hymne aufbauten, die Frage stellten: "Welche sind denn jetzt unsere?" Erst nachdem das geklärt war, konnte es losgehen.

"Der Fußball wird nie totgehen, er hat maximal Krisen", hat die Trainerlegende Ernst Happel vor vielen Jahren verfügt, inzwischen kann man sich dessen nicht mehr sicher sein. Die besten Geisterspiele aller Zeiten werden jedenfalls in ein paar Jahren zu Ostern kaum als Archivperlen aus der Schatulle gekramt. Trotzdem besteht die nähere Zukunft des Fußballs aus Geisterspielen, damit das TV-Geld reinkommt, ohne das der Betrieb kaputtgeht. Der Profifußball wird jetzt, da er am Boden liegt, von vielen mit Häme und Geifer in den Ruhestand verabschiedet, das ist verständlich einerseits, es ist aber auch voreilig und ein bisschen ungerecht. Weil der Fußball mit seinen Ritualen vielen Leuten auch viel gegeben hat.

Dass die Bundesliga seit 1963 existierte, war immer ein Hinweis darauf, dass es irgendwie doch weitergehen würde, mit allem. "Und immer, immer wieder geht die Sonne auf", hat Udo Jürgens gesungen. Der emeritierte Sky-Kommentator Fritz von Thurn und Taxis nahm diesen Ball in seinen lebensbejahenden Reportagen gern auf, indem er darauf hinwies, dass das Wärmende ja auch dann da ist, wenn es sich einem nicht aufdrängt. "Die Sonne scheint, aber ich sehe sie nicht, denn es ist bewölkt."

Irgendwann mag man die alten Spiele sicher nicht mehr sehen. Im Augenblick ist es okay so. Gibt grad Wichtigeres. Und in seinen besten Momenten ist das Ersatzprogramm der Sender gerade nicht nur eine sentimental journey, sondern tatsächlich lehrreich, weil einem klar wird, was schiefgelaufen ist in den vergangenen vierzig Jahren. Das ZDF bietet auf seiner Webseite historische Folgen des Aktuellen Sportstudios an, das damals tatsächlich noch ein Sportstudio war, kein Fußballstudio. Zu sehen ist etwa die Folge vom letzten Spieltag der Saison 1977/78, moderiert vom bereits silbrig schimmernden Dieter Kürten. Der 1. FC Köln wurde Meister, aber Borussia Mönchengladbach stellte mit einem 12:0 gegen Dortmund einen noch heute gültigen Rekord auf, "die Tore fielen wie reife Früchte", vermeldete der Außenreporter und Obstexperte Bernd Heller, und dann hatten sie auch noch ein wahrhaftiges Kamerateam im Gladbacher Mannschaftsbus.

Und dann wird beim Zuschauen klar, was schiefgelaufen ist in den vergangenen 40 Jahren

Trotz all dieser Sensationen wurde der Fußballblock im Sportstudio nach einer Dreiviertelstunde beendet. Es blieb noch gut Zeit für Berichte von der Eishockey-WM in Prag, vom Gymnastik-Turnier in Vöhringen und vom Kracher Wolfenbüttel gegen Gießen in der Basketball-Bundesliga - alles Sportarten, die der sich kugelfischartig aufblähende Fußball aus dem nennenswerten TV-Programm verdrängt hat. Weshalb diese Sportarten nun erst recht nicht wissen, was sie machen sollen, ohne Publikum und Eintrittsgeld.

Wenn es also irgendwie weitergeht, wäre auch das ein Ansatz zur Veränderung, nicht nur für das Fernsehen: Erkennen, dass Sport nicht nur Fußball ist.

Am Karsamstag kommt wieder keine Bundesliga, stattdessen steht an ihrem Platz in der ARD um 18.20 Uhr das WM-Finale Deutschland-Argentinien von 2014. Ein schönes Osterei, für den Verfasser dieser Zeilen ganz besonders. Er hatte das Glück, beim WM-Finale 2014 live im Maracanã-Stadion von Rio zu sein, musste aber aktuell schreiben. Hinzu kam, dass im Maracanã zeitweise das Internet komplett ausfiel. Eine bizarre Situation: Beim WM-Finale sein, den WM-Sieg miterleben - aber immer nur so halb, weil mit der anderen Hälfte des Bewusstseins dafür gesorgt werde musste, dass der verdammte Text vom wankelmütigen Maracanã-Netz weitertransportiert wird. Das WM-Finale jetzt vom Sofa aus nochmal zu erleben, wird entspannend sein. Andererseits: Das Maracanã ist inzwischen zu einer Art Zelt-Krankenhaus umgebaut worden, um Corona-Patienten im Leben zu halten.

Nein, auch wer Fußballspiele der Vergangenheit anschaut, entgeht der Gegenwart nicht.

© SZ vom 11.04.2020
Leuchtreklame Stadion Niederrhein, Coronaauswirkungen in NRW, Oberhausen, 21.03.2020, Oberhausen Nordrhein-Westfalen Deu

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