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"Für immer Sommer 90" im Ersten:Unter der Blattgoldkruste

Für immer Sommer 90

"Mopsi, wie lebst du eigentlich?": Ingrid (Walfriede Schmitt) versteht nicht viel vom Leben ihres Sohnes Andy (Charly Hübner).

(Foto: ARD Degeto/Manju Sawhney/ARD Degeto/Manju Sawhney)

Mit losem Drehbuch brettert der Schauspieler Charly Hübner zurück in ein klug ausgeleuchtetes ostdeutsches Soziotop.

Von Ulrike Nimz

Als Andy Brettschneider in einen verschlissenen Ledersessel sinkt, in Grievow, einem Dorf, das den Kummer schon im Namen trägt, da ist die Heimat, die er so fluchtartig verlassen hat, zurück in seine Sprache gesickert. Es wird nicht erzählt, sondern "vertellt", über "Mudders" und was eigentlich los war in den letzten 30 Jahren. So lange hat der Investmentbanker gebraucht, um zurückzukehren, an diesen See, wo er im Juni 1990 eine Mitschülerin vergewaltigt haben soll. So steht es in dem anonymen Brief, der seinen Chef erreicht hat. Er selbst kann sich nicht erinnern an jene Sommernacht, Vollrausch, Filmriss. Deutschland ist Weltmeister und die Mauer gefallen.

Andy verlässt Frankfurt am Main, um die Sache aus der Welt zu schaffen. Es beginnt ein Roadmovie durchs ostdeutsche Hinterland, mit losem Drehbuch, über weite Strecken improvisiert. Das bewahrt den durchweg großartigen Cast vor diesen statischen Bühnendialogen, an denen deutsche Produktionen manchmal kranken: wo noch eine Kiez-Schlägerei klingt, als würde sie mit Fehdehandschuh ausgetragen.

Der Junge aus Mecklenburg ist jetzt ein Mann, der in Autotelefone schreit

Situationskomik, Fremdscham, Aberwitz - das sind die Spezialitäten von Jan Georg Schütte (Klassentreffen) und Lars Jessen (Fraktus). In ihrer ersten gemeinsamen Regiearbeit gesellt sich jene leise Wehmut hinzu, die jeder kennt, der nach langer Abwesenheit am Elternhaus klingelt.

Charly Hübner spielt den Turbokapitalisten mit Sozialismussozialisation gewohnt überzeugend. Der Bauch spannt, das Portemonnaie platzt. Der Junge aus Mecklenburg ist jetzt ein Mann, der in Autotelefone schreit und an die Karriere denken muss. Andy ist wie das Steak, das er in der Anfangsszene verzehrt: unter der Blattgoldkruste zäh und ein bisschen traurig. Im Tesla summt er bei Mutter Ingrid (Walfriede Schmitt) vor, die ihren entfremdeten Sohn mit rührender Schroffheit empfängt ("Mopsi, wie lebst du eigentlich?").

Für immer Sommer 90

Besucht die Freunde von früher: Andy (Charly Hübner) trifft auch Berit (Karoline Schuch) wieder.

(Foto: ARD Degeto/Manju Sawhney/ARD Degeto/Manju Sawhney)

Neu ist das nicht. Reise nach Hause, Reise in die Vergangenheit, Reise zu sich selbst. Auch das Rätsel um die angebliche Vergewaltigung wirkt mitunter konstruiert. Was Für immer Sommer 90 so sehenswert macht, ist die nicht immer schmerzfreie Akkuratesse, mit der (ostdeutsche) Soziotope ausgeleuchtet werden.

Annett (Christina Große) lebt im knarzenden Prunk eines Leipziger Altbaus und hat einen feministischen Blog. Marina (Stefanie Stappenbeck) arbeitet für einen ambulanten Pflegedienst und hat nie Feierabend, auch die Mutter ist alt und krank. Und da ist Sven aus Neuruppin (grandios unangenehm: Roman Knižka), der sein "megageiles Grillgerät" über Bluetooth steuert und Corona genauso leugnet wie die heulende Leere in seinem Einfamilienkubus. Sven versichert, dass man am fraglichen Abend eben "einfach gepoppt" habe. Dann bittet er noch um einen Investment-Tipp; und sein alter Kumpel Andy gibt Gas, als hämmerte da ein Gespenst gegen die Autoscheibe. Manchmal merkt man erst, was mit einem selbst nicht stimmt, wenn es bei anderen auffällt.

Wer hat im Jubiläumsjahr der Wiedervereinigung eigentlich was genau zu feiern?

Der Film, als vierteilige Serie in der Mediathek oder als gestraffter 90-Minüter im TV zu sehen, lässt sich Zeit für Unausgesprochenes und Hintergrundrauschen. Die Pandemie ist stets präsent, genauso wie das Thema Sexual Consent und die Frage, wer im Jubiläumsjahr der Wiedervereinigung eigentlich was zu feiern hat. Dass ein so gegenwärtiges Stück Fernsehen noch immer eindimensional als Wende-Drama gelabelt wird, lässt ahnen, dass wohl mehr als 30 Jahre vergehen müssen, bis ostdeutsche Biografien selbstverständlich und anlasslos zur Primetime erzählt werden.

Als Andy schließlich am heimatlichen Seeufer auf seinen besten Freund Ronny trifft, gescheiterter Handballer, traumatisierter Soldat und heute das, was nur Zyniker einen "Wendeverlierer" nennen, wird ein Schuss fallen. Nur hätte es den gar nicht gebraucht. Dieser Film hallt auch so nach.

Für immer Sommer 90, Das Erste, Mittwoch, 20.15 Uhr.

© SZ
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