Süddeutsche Zeitung

Frontal 21:Alles Neukölln

Verwahrloste Häuser, brennende Autos, boxende Jugendliche: Eine Spezialausgabe zu einem besonderen Berliner Bezirk - und klar, es geht auch um Clans und die Rapperszene. Trotzdem überrascht die Doku auch - im positivsten Sinn.

Wenn es einen negativen Mythos gibt, an dem man sich in ganz Deutschland abarbeitet, dann ist das dieser Berliner Bezirk. Neukölln steht für alles, was schlecht läuft im Land, Armut, Kriminalität, Probleme mit der Integration. Auch die Spezialausgabe von Frontal 21, die sich Neukölln widmet, bleibt nah dran am Mythos vom sozialen Brennpunkt. Man sieht verwahrloste Häuser, boxende Jugendliche, brennende Autos. Gleich am Anfang legt der Bezirksbürgermeister eine schusssichere Weste an, um an einer Razzia gegen kriminelle Clans teilzunehmen. Denen widmet sich der Film dann auch ausführlich, den spektakulären Coups, mit denen sie Geld erbeuten, und den Häusern und Läden in Neukölln, in die das Geld dann investiert wird. Eine Staatsanwältin erzählt über eingeschüchterte Zeugen, ein Ermittler über die Verflechtungen von Clans und Rapper-Szene.

Von den Neukölln-Dokumentationen, die auf dem Markt sind, unterscheidet sich all das höchstens ästhetisch. Fakten werden mit mangaartigen Illustrationen erklärt, den Bezirksbürgermeister lässt man in einem schwarzen Auto über die Sonnenallee cruisen, als wäre es eine Folge von 4 Blocks. Dass der Film dennoch sehenswert ist, liegt daran, dass er auch dorthin guckt, wo gerade wirklich etwas kippt: auf die Wohnungssituation nämlich. Kaum ein Stadtteil wurde so rasant gentrifiziert wie Neukölln, die Mieten stiegen um 146 Prozent. Die Auswirkungen sind überall spürbar. Häuser werden verkauft, alteingesessene Mieter stehen auf der Straße, nicht einmal Kitas sind sicher. Eine junge Frau muss im Wohnzimmer ihrer Freundin auf einer Matratze schlafen, "ich kann mir das gar nicht mehr vorstellen, eine eigene Wohnung zu haben", sagt sie. Aber es gibt eine Gegenbewegung, und auch der spürt der Film nach. Mieterinitiativen, Bewohner, die sich zusammentun, um ihr Haus zu retten, Bezirkspolitiker, die auf Hoffesten mit den Mietern beratschlagen, ob der Bezirk vom kommunalen Vorkaufsrecht Gebrauch machen kann. Und so hat der Film über Neukölln am Ende sogar eine positive Botschaft: Dass man nämlich keinen Stadtteil verloren geben sollte, der solche Bewohner hat.

Mein Haus, mein Kiez, mein Clan - Wem gehört Neukölln? ZDF, Dienstag, 21 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 16.07.2019
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