Fritz Wepper wird 80:Ein Prosit der Gemütlichkeit

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Fritz Wepper wird 80: 15 Jahre lang spielte Janina Hartwig (rechts) an der Seite von Fritz Wepper in der ARD-Serie "Um Himmels Willen".

15 Jahre lang spielte Janina Hartwig (rechts) an der Seite von Fritz Wepper in der ARD-Serie "Um Himmels Willen".

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Vom Hilfsinspektor in "Derrick" zum Langzeit-Bürgermeister von Kaltenthal: Fritz Wepper ist der Marathonmann des deutschen Serienfernsehens. Eine Gratulation zum 80. Geburtstag.

Von Christine Dössel

Zwanzig Staffeln umfasste die quotensegensreiche ARD-Serie Um Himmels Willen von Januar 2002 bis Juni 2021, und es war eine lustige Tradition, nahezu jede mit einer Benefizgala enden zu lassen. Fritz Wepper alias Bürgermeister Wolfgang Wöller und Janina Hartwig als Schwester Hanna, die patente Supernonne von Kloster Kaltenthal, legten dann dem guten Zweck zuliebe alle Händel der vorangegangenen Folgen beiseite und gemeinsam vor Publikum einen Auftritt hin.

Mal war es ein Tango, mal eine Szene aus dem Musical Die Schöne und das Biest, auch gerappt und gesteppt haben sie. In der Anfangsphase, zur Krönung des Staffel-Endes 2003, hatte der Provinzfürst Wöller im Elviskostüm sogar mal den King gegeben und mit offener Hemdbrust und heißem Beckenschwung die Bude gerockt. Elvis Wepper the Pelvis - ein Höhepunkt, an den das endgültige Serienfinale in Folge 260 nicht heranreicht. Da singt Wöller zwar im Duett mit Schwester Hanna den unerschütterlichen Dirty Dancing-Hit "The Time of my Life", dies aber sitzend und merklich stimm- und hüftsteif (alle Folgen abrufbar in der ARD-Mediathek). Wie sollten zwanzig Serien- und Lebensjahre auch nicht spurlos an einem vorübergehen. Als Um Himmels Willen startete, war Fritz Wepper 60, an diesem Dienstag wird er 80 Jahre alt.

Im fiktiven Kaltenthal erlebt der Publikumsliebling die beste Zeit seines Lebens

Mit seiner Dauerrolle als möchtegerngroßer, ständig irgendwelche Intrigen spinnender Bürgermeister im fiktiven Ort Kaltenthal hatte der Publikumsliebling Wepper tatsächlich the time of his life, die beste Zeit seines Lebens, zumindest seiner zweiten Lebenshälfte - nachdem er sich vorher schon mit seiner kriminalpolizeilichen Assistentenrolle in Der Kommissar (1969-1976) und Derrick (1974-1998) als TV-Langstreckenläufer erwiesen hatte. Dass aus der Geschichte um die pfiffigen Nonnen, die ihr Kloster permanent gegen die Investmentideen des Provinz-Peppones verteidigen müssen, nach zwanzig Jahren die Luft raus sein könnte und der altersbedingt merklich angeschlagene Wöller vielleicht mal den Ruhestand verdient hätte, hat Wepper nie so empfunden. Auf die Absetzung der Sendung in diesem Jahr reagierte er mit Unverständnis und Wehmut. Zum Abschied wurde sein Wöller in der Schlussepisode, besagter Nummer 260, zwar noch einmal wiedergewählt, gemäß seinem Motto: "Wo ein Wöller, da ein Weg." Als Cliffhanger sollte man diesen Ausgang allerdings nicht betrachten.

Der Gschaftlhuber Wöller war auch deshalb eine Paraderolle für Fritz Wepper, weil er da sein volksnah komisches Talent ausleben konnte. Als sein Vorbild hat er oft den großen Griesgram Walter Matthau genannt, wissend: "Comedy is a dead serious job", eine todernste Angelegenheit. In Weppers Umsetzung heißt das: bayerisches Grantlertum mit einem Schuss Schlitzohrigkeit und das Herz immer am rechten Fleck.

Fritz Wepper wird 80

Der junge Fritz Wepper beim Autogrammeschreiben.

(Foto: Fritz Fischer/picture alliance/dpa)

Eine Schauspielausbildung hat der gebürtige Münchner, zur Welt gekommen am 17. August 1941 an der Bushaltestelle Maillingerstraße, nie genossen. Er wurde als Gymnasiast mit roten Haaren und Sommersprossen im Alter von elf Jahren fürs Theater entdeckt ("Peter Pan" am Residenztheater) und ist seither als Schauspieler tätig. Als 18-Jähriger wirkte er 1959 in Bernhard Wickis preisgekröntem Antikriegsfilm Die Brücke mit - ein Meilenstein in seiner nun schon 66 Jahre währenden Film- und Fernsehkarriere. Wepper spielte den Schüler Albert Mutz, der im April 1945 mit sechs Freunden zur Wehrmacht einberufen wird und in einem tödlich sinnlosen Gefecht eine Brücke verteidigt. Er erhielt körbeweise Fanpost.

1969 kam dann auch schon jene Rolle, die auf immer mit Fritz Wepper verbunden sein wird, und es ist nicht bekannt, dass er das je als Fluch betrachtet hätte: Harry Klein, der ewige Assistent, der zuerst, das vergessen viele, unter diesem Namen 97 Folgen lang an der Seite von Erik Ode im ZDF-Klassiker Der Kommissar ermittelte und danach 24 Jahre lang - in 281 weltweit verkauften Folgen - der freundlich-adrette Hilfsinspektor an der Seite von Horst Tappert in Derrick war. Die subalterne Figur hat in Fan-Kreisen Kultstatus und wird gefeiert für einen Satz, der symptomatisch, aber wortwörtlich so nie gefallen ist: "Harry, hol schon mal den Wagen."

Für seine Serienverpflichtungen beim ZDF hat Fritz Wepper sogar die Möglichkeit einer Hollywood-Karriere drangegeben. Nach seiner Verkörperung des Juden Fritz Wendel in Bob Fosses mit acht Oscars überhäuftem Musicalfilm "Cabaret" (1972) hatte es Angebote gegeben (und Liza Minnelli nennt ihn noch heute "my dear friend"). Aber Wepper blieb seinem Harry und dem deutschen Publikum treu. Dieses dankte es ihm mit höchsten Ausschlägen auf der Beliebtheitsskala und Einschaltquoten, von denen andere nur träumen können.

Fernsehserie Der Kommissar Deutschland 1970 Darsteller Fritz Wepper links Reinhard Glemnitz

1970 als fescher Assistent der Krimi-Reihe "Der Kommissar" mit Reinhard Glemnitz und Monika Lundi.

(Foto: imago/United Archives)

Als Marathonmann des deutschen Fernsehkrimis erwies sich Fritz Wepper auch in den Serien, die er mit seinen Familienangehörigen drehte. Mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Elmar ging er von 1994 bis 2001 in der ZDF-Reihe Zwei Brüder auf Verbrecherjagd; mit seiner Tochter Sophie in der ARD-Serie Mord in bester Gesellschaft (2007-2017). In beiden Formaten ermittelte er nicht etwa als Polizist, sondern als Hobby-Kriminalist aus der gehobenen Mittelschicht. Innerfamiliäre Kabbeleien gehörten ebenso dazu wie die Gemächlichkeit bei der Ermittlung. Aufreger waren das nicht.

Während sein Bruder Elmar sich spätestens seit Doris Dörries Kinofim Kirschblüten - Hanami zunehmend als Chrarakterdarsteller profilierte, musste sich Fritz Wepper als serieller Unterhaltungslieferant schauspielerisch nicht mal mehr groß verausgaben. Er wird geliebt für den geerdeten Typus Durchschnittsmensch, den er für die meisten auch persönlich verkörpert.

Mit seinem Privatleben hat Wepper, der am Tegernsee lebt, nie hinterm Berg gehalten. Dass er seine Frau Angela, die 2019 gestorben ist, erst verlassen hatte und dann zu ihr zurückgekehrt war, konnte man ebenso aus der Boulevardpresse erfahren wie seine Hobbys (etwa die Fliegenfischerei) oder seinen jeweiligen Krankenstand. So ist auch bekannt, dass Wepper Krebs hat und in diesem Frühjahr wochenlang in Innsbruck auf der Intensivstation lag.

In seiner Autobiografie "Ein ewiger Augenblick", die gerade im Heyne-Verlag erschienen ist, gibt er weiteren Einblick in sein Leben, erzählt von seiner Arbeit, seiner Ehe, seinen Affären (auch mit Iris Berben). Die Kamerafrau und Regisseurin Susanne Kellermann, mit der er vor neun Jahren eine Tochter zeugte, hat Wepper 2019 still und heimlich geheiratet. Unter dem Titel Mein Fritz hat sie eine Doku über ihn gedreht, ein hochgradig persönliches Altersporträt, zu sehen in der BR- und ARD-Mediathek. Darin wird Wepper am Ende nachgerade zu einem Meditations-Buddha stilisiert. Das "Leben im Hier und Jetzt", über das er da im Schneidersitz philosophisch sinniert, es sei ihm noch lange gegönnt.

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