Süddeutsche Zeitung

Friedensnobelpreis:Kämpfer für die Meinungsfreiheit

Die Wahrheit überbringen und die Mächtigen zur Rechenschaft zwingen: Die Journalisten Maria Ressa und Dmitrij Muratow nehmen den Friedensnobelpreis entgegen.

Von Kai Strittmatter

"Ich möchte, dass Journalisten alt sterben". Das war der letzte Satz in der Nobelpreisrede von Dmitrij Muratow am Freitag in Oslo. Er hat sechs Kollegen begraben, die umgebracht wurden, weil sie ihre Arbeit machten. Und sie hatte zehn Haftbefehle gegen sich laufen in den letzten zwei Jahren, so dass bis zum letzten Moment nicht klar war, ob sie überhaupt nach Norwegen kommen können würde: Am Freitag nahmen in Oslo die beiden Journalisten Maria Ressa von den Philippinen und Dmitrij Muratow aus Russland den Friedensnobelpreis entgegen. Zwei Kämpfer für die Pressefreiheit, denen im Oktober der Nobelpreis zugesprochen worden war für "ihre Bemühungen um die Meinungsfreiheit". Sie stehe hier "als Repräsentantin für alle Journalisten weltweit, die zu großen Opfern gezwungen sind" nur weil sie den Ethos des Journalismus befolgten, nämlich "Ihnen die Wahrheit zu überbringen und die Mächtigen zur Rechenschaft zu zwingen".

Ressa und Muratow mussten selbst Opfer bringen in ihren jeweils zunehmend autoritären und mit Gewalt operierenden Systemen. Ressa als Mitgründerin des in Manila beheimateten Nachrichtenportals Rappler, und Muratow als Chefredakteur der Moskauer Nowaya Gazeta, einer der letzten unabhängigen Zeitungen in Russland. Muratow widmete den Preis seinen in Russland ermordeten Kollegen "und all denen, die noch leben" und weiter ihrer Arbeit nachgehen, auch wenn der Journalismus in Russland gerade "durch ein dunkles Tal schreitet". Maria Ressa schlug den Bogen weiter, zu Fake News und Desinformation. Sie wollte die Schuld nicht nur bei den Autokraten dieser Welt sehen, sondern griff scharf die amerikanischen Internetfirmen an, "die Geld machen, indem sie Hass verbreiten und das Schlechteste in uns hervorbringen". Sie zeichnete die Social-Media-Firmen als Handlanger in der Unterwanderung und Zerstörung der Demokratie: Die alte Welt liege in Ruinen, sagte sie: "Eine unsichtbare Atombombe ist in unserem Informations-Ökosystem explodiert."

Und die demokratische Welt müsse nun reagieren wie sie damals nach Hiroshima reagiert habe: mit der Schaffung neuer Institutionen und neuer Regelwerke, um gemeinsam die Werte von Freiheit und Demokratie zu verteidigen. Zu einer Welt, in der alle Journalisten alt sterben dürfen, ist es noch weit hin. Maria Ressa erinnerte zu Beginn ihrer Rede auch daran: Vor gerade mal 36 Stunden habe sie erfahren, dass ihr früherer Kollege Jess Malabanan, auch er ein Kritiker des Regimes von Rodrigo Duterte, erschossen wurde.

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